Entsetzt blickte mich die andere Mutter an. «Sag nicht, du erzählst deinen Kindern die Lüge vom Osterhasen», stiess sie hervor. Sie schüttelte empört den Kopf: «Das täte ich meinen beiden nie an – sie sollen ehrliche Eltern haben!» Zerknirscht nickte ich, schlechte Mutter aber auch. An den Geschichten von Osterhasen, Zwergen und Elfen hielt ich dennoch fest, jahrelang.

Heute sind die Zweifel verflogen: Jawohl, Anina, 16, Nora, 14, und Maurin, 12, sind mit dem Osterhasen aufgewachsen. Und dem Samichlaus. Und der Zahnfee. Ich behaupte sogar, es hat ihnen nicht nur nicht geschadet, sondern ihre Kindheit farbiger gemacht. «Ich war so aufgeregt, als du mir damals erzähltest, du habest soeben den Schwanz des Osterhasen um die Ecke verschwinden sehen», strahlt die Mittlere.

Die Älteste ist überzeugt, dass sie ihre lebhafte Fantasie nicht zuletzt solchen Geschichten verdankt. «Noch heute kann ich mir einbilden, etwas Zauberhaftes könnte vielleicht doch mal Wirklichkeit werden, und das hilft mir, wenn die Realität mal nicht so toll ist.» – «Der Osterhase? Eine so schöne Geschichte. Und Geschenke bringt er auch», bringt es der Jüngste knapp auf den Punkt.

Ich atme insgeheim auf: Kein Schaden passiert also, trotz jahrelangem Märchen-Erzählen. Die drei, ansonsten voll auf Teenie und cool, wünschen sich sogar heute noch ein verstecktes Nest, weil die Suche so witzig ist. «Das Ritual des Eiersuchens ist in Ordnung, das macht Kindern Freude», bestätigt die deutsche Diplompsychologin und Familientherapeutin Irmela Wiemann.

Wer jedoch seinen Kindern allen Ernstes vormacht, der Osterhase habe die Nester versteckt, riskiert ernsthaft, sie zu verwirren. «Kinder lieben das magische Denken und Geschichten», sagt sie zwar. Aber: «Zugleich wollen sie Orientierung, wollen ganz klar wissen, was es in echt gibt und was nicht. Wenn Eltern ihnen irreale Figuren wie den Osterhasen oder den Nikolaus als Tatsachen hinstellen, können sie ihre Kinder verunsichern.»

Wiemann hat ein Buch verfasst zum Thema «Wie viel Wahrheit braucht mein Kind?», und für sie ist klar: Kinder spüren, wenn Eltern ein Geheimnis haben, und das kann zwischen ihnen stehen. Mehr noch: «Die Erwachsenen erlangen Macht und Kontrolle über das Kind, indem sie eine irreale Instanz erschaffen.»

Dagegen ist sie überzeugt, dass eine ehrliche Erzählweise der kindlichen Freude keinen Abbruch tut: «Als wir klein waren, glaubten wir an den Osterhasen, und obschon es ihn nicht gibt, möchte ich dir von ihm erzählen», wäre gemäss der Fachfrau eine gute Variante, die den Kindern das Selbstvertrauen nicht nimmt und sie zu kritischen, realitätsbewussten Menschen heranwachsen lässt. Die Mythen als wahr zu erklären, heisst für sie, die Kinder nicht für voll zu nehmen. Das tönt plausibel. Blöder Osterhase, blöde Mutter. Waren meine Geschichten doch nicht so toll. Aber das ist glücklicherweise nur die eine Seite der Medaille: «Kinder sind robust. Bevor sie einen Schaden nehmen, müssen ihnen andere Sachen passieren als die Geschichte vom Osterhasen», beruhigt Claudia Roebers, Leiterin Abteilung Entwicklungspsychologie an der Universität Bern.

Sie sieht das pragmatisch: «Kinder lieben solche Geschichten – warum sollten wir ihnen diesen Gefallen nicht tun?» Ab etwa fünf Jahren seien Kinder durchaus in der Lage, flexibel zwischen zwei Wirklichkeiten zu wechseln: Sie merken zwar, dass die Ostereier die gleichen sind wie jene, die sie mit den Grosseltern gefärbt haben, sind aber im nächsten Moment bereit zu glauben, dass tatsächlich der Osterhase sie gebracht hat. «Diese Flexibilität bezüglich Gedanken oder Aussagen anderer Personen entwickelt sich dramatisch, und mit sechs, sieben Jahren ist den allermeisten klar, dass die Eltern am Werk waren», erklärt die Entwicklungspsychologin.

Ist der Hase entlarvt, haben die Kinder einen wichtigen Schritt hin zur Erwachsenenwelt getan. «Solche Fortschritte verleihen ihnen ein ebenso erhebendes Gefühl wie die ersten Schritte», so Roebers. Ihre Botschaft lautet deshalb: «Kinder entscheiden selber. Und aufmerksame Eltern merken, welche Wahrheit die Kinder jetzt hören möchten.» Sobald Kinder ernsthaft nachfragen, rät sie unbedingt zur Ehrlichkeit.

Ich meinerseits bin wieder überzeugt von den Hasen-Märchen. Auf die Frage, ob sie lieber von Anfang an die Wahrheit gewusst hätten, antworten meine Kinder unisono: «Niemals! Da hätten wir etwas Wunderschönes verpasst.» Sie sind sogar schon entschlossen, ihren Kindern später gleiche Geschichten zu erzählen. Entsetzte Blicke hin oder her.

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