Er ahnte, die Debatte könnte heftig werden. SRF-Reporter Hanspeter Bäni warnte Jugendanwalt Hansueli Gürber noch vor der Ausstrahlung. Er müsse sich auf einiges gefasst machen. Doch Gürber schmunzelte nur. «Ich bin mir Gegenwind gewohnt», sagte der Jugendanwalt, als er den Dok-Film über sich und seinen umstrittenen Schützling Carlos zum ersten Mal sah. Nur war es kein Gegenwind, der Gürber anschliessen traf – es war ein Orkan.

Heute ist alles anders: Gürber erhält Morddrohungen, ist zu 50 Prozent krankgeschrieben. Carlos musste seine 4,5-Zimmer-Wohnung räumen. Er sitzt im Gefängnis. Zuvor war für den straffälligen Jugendlichen ein sogenanntes Sonder-Setting eingerichtet worden. Dieses umfasste eine 24-stündige Betreuung samt Wohnung und täglichem Thaiboxtraining. Die Kosten beliefen sich auf 29 200 Franken pro Monat.

Carlos sollte Gürbers Meisterwerk werden. Er wurde sein Verhängnis. «Natürlich geht es mir nahe, wenn Menschen wegen meiner Reportagen Morddrohungen erhalten», sagt Bäni. Sein Blick geht nach unten. Er bereue aber nicht, eine Debatte ausgelöst zu haben. Er habe die positiven wie die negativen Aspekte der Sonderbehandlung ausgeleuchtet. «Die Skandalwelle haben andere losgetreten», sagt er und meint den Boulevard. «Sozialwahn» titelte der «Blick» kurz nach der Ausstrahlung. Zwei Wochen beherrschte Carlos die Schweizer Medien.

Vor wenigen Tagen meldete sich Carlos’ Anwalt beim Schweizer Fernsehen. Sein Mandant habe der Ausstrahlung des Dok-Films in dieser Form nie zugestimmt. Das SRF wies die Vorwürfe zurück, genauso Bäni. Die Anonymisierung von Carlos – der in Wirklichkeit anders heisst – wurde gewährleistet. «Ich würde es wieder so machen», sagt Bäni.

Das ist nicht verwunderlich. Bäni ist auch ein Provokateur, selbst wenn er es nie so sagen würde. Ihm gefällt es, anzuecken. Als Jugendlicher lief der heute 56-Jährige mit langen Hippie-Haaren gerne durch die konservativen Stadtviertel. «Langhaariger Sauhund», riefen die Leute erzählt er und schmunzelt. «Das hät mir no gfalle.»

Heute provozieren seine Beiträge. Für manche wird er angefeindet, für andere mit Preisen überhäuft. Er deckte auf, wie übermüdete Lastwagenfahrer auf der Autobahn einschliefen. Er war dabei, als ein Geschwisterpaar erfuhr, dass ihre Mutter des Mordes schuldig gesprochen worden war. Und er schlich sich in Kriegsgebiete, um über Gräueltaten an Kindern zu berichten.

Leichtsinnig sei er damals gewesen, sagt Bäni, was ihm auch einige brenzlige Situationen einbrockte. So reiste er vor Jahren trotz Bürgerkrieg durch Guatemala. Er wollte die Mayakultur erforschen. Dabei geriet er allerdings in eine Polizeikontrolle. «Sie hielten mir gleich eine Pistole an die Schläfe», erzählt Bäni. Sofort streckt er die linke Hand aus, den Zeigefinger nach vorn, den Daumen nach oben. «So sah das aus.»

Doch Bäni hatte Glück. Ein sieben Franken teures Migros-Parfüm rettete ihn aus der misslichen Lage. Als die Polizisten das Parfüm in seinem Gepäck fanden, rief er sofort: «Regalo, regalo!» Geschenk, Geschenk! «Danach liessen sie mich einfach passieren», sagt er und lacht.

Die Episode zeigt vor allem eines: Manchmal siegt Bänis Neugier über seine Vernunft. Er will Grenzen ausloten – und stösst an seine eigenen. So wie in der Dokumentation «Tod nach Plan». Bäni begleitete einen psychisch kranken Mann in den Freitod. Der Reporter fand schnell einen Draht zu seinem Protagonisten, empfand schnell Sympathie.

Bäni versuchte den Mann mehrmals von seinem Vorhaben abzuhalten – ohne Erfolg. Bis heute ist es einer der Filme, die ihn am meisten beschäftigten. Ganz persönlich – aber auch medial. Wie im Fall Carlos wurde der Film zum Medienereignis. «Suizid im TV, darf das Schweizer Fernsehen das?», fragten die Zeitungen. Bäni gab Interviews, war zu Gast in Schweizer wie in deutschen Politshows. Das Parlament nahm sich der Debatte an.

Seine Filme lösen etwas aus. Das war beim Fall Carlos nicht anders. Die Behörden haben reagiert. Künftig müssen Mitarbeiter vor Medienauftritten eine Bewilligung einholen. Das ärgert Bäni. Besonders an einer Aussage von Marcel Riesen stösst er sich. Der Oberjugendanwalt sagte, dass er Bänis Film so nie bewilligt hätte. «Ja sind wir denn ein Bananenstaat?», fragt Bäni und fuchtelt mit den Armen. Wer einem Medium die Türe öffnet, könne nicht erwarten, dass ein Journalist nur dorthin blicke, wo es gerade genehm ist. Es sei schliesslich Aufgaben der Medien, kritische Fragen zu stellen und Diskussionen auszulösen.

Deshalb lässt ihn der Fall auch nicht los. Diese Woche hat Bäni Carlos einen langen Brief geschrieben. Er will noch einmal mit dem Jugendlichen sprechen – am liebsten vor der Kamera.

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