Der grosse Schnitt kam vor drei Jahren. Seit dem Frühjahr 2009 können «NZZ», «Tages-Anzeiger» und «Blick» nicht mehr über Bezahlboxen bezogen werden. Christoph Zimmer von Tamedia erklärt den damaligen Entscheid so: «In neun von zehn Automaten wurde zuletzt nur noch eine Zeitung pro Woche verkauft.» Ursache dafür sei der ausgebaute Frühzustelldienst gewesen. Zudem hätten die Leser begonnen, unterwegs die Nachrichtenangebote über Smartphone oder Tablets zu nutzen.

Was für die Wochentagspresse seit 2009 gilt, könnte bald auch für die Sonntagsmedien Gültigkeit bekommen. Zwar setzen die drei grossen Zürcher Medienhäuser ihre Sonntagstitel nach wie vor über Zeitungsautomaten ab – aber in rückläufiger Zahl.

Die «Sonntags-Zeitung» liegt zurzeit in der Deutschschweiz in rund 1000 Selbstbedienungs-Automaten auf. Für die «NZZ am Sonntag» sinds etwa 130. Die Differenz begründet Ayil Tutel von der NZZ-Unternehmenskommunikation so: «Wir haben nur noch Automaten im Einsatz, bei denen Kosten und Nutzen im Einklang stehen.» Der Verkauf variiere von Standort zu Standort: «Pro Sonntag und Automat verkaufen wir zwischen 4 und maximal 24 Exemplaren», sagt Tutel. Mehr als 24 Exemplare passen nicht in eine Box.

Tamedia-Sprecher Zimmer sagt, dass pro Wochenende rund 3000 Exemplare der «Sonntags-Zeitung» über einen der 1000 Automaten zur Leserschaft gelangten. Das macht pro Box im Durchschnitt magere drei Exemplare. Ringier-Sprecher Edi Estermann: «Eine kürzlich durchgeführte Überprüfung ergab, dass die Automaten-Verkäufe beim ‹SonntagsBlick› weiterhin relevant hoch sind.» Zahlen verrät er keine.

Zumindest vorläufig wollen Ringier, Tamedia und NZZ für ihre Sonntagstitel am Automaten als Verkaufsstelle festhalten. Estermann: «Aktuell gibt es bei Ringier – und insbesondere bei der «Blick»-Gruppe, die derlei Automaten betreibt – keine Pläne, die Automaten vom Markt zu nehmen.» Der Betrieb entspreche vor allem in den Regionen und Agglomerationen «einem grossen Kundenbedürfnis».

Ähnlich argumentieren Tamedia und NZZ. Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer prophezeit aber, dass die Anzahl «weiterhin leicht zurückgehen» werde. Bedroht seien vor allem Standorte, «die sich nahe bei einem Kiosk, einer Bäckerei oder einem andern Verkaufspunkt befinden und nur selten genutzt werden».

Das ständig enger werdende Frühzustellnetz, immer mehr Tankstellenshops mit Siebentage-Betrieb und der Ärger der Leser über leere oder defekte Automaten sorgen dafür, dass die einst so beliebten Selbstbedienungs-Verkaufsstellen zum Auslaufmodell geworden sind.



Keine anonymen Accounts erlauben
Von Norbert Neininger*

Redaktionen kennen das Phänomen: Man erhält gelegentlich anonyme Briefe, die in der Regel ehrverletzend und beleidigend sind. Diese Manifestationen der Bösartigkeit, der Dummheit und des fehlenden Anstandes halten sich bei Zeitungen in Grenzen, denn auch ein anonymer Brief ist ein Brief, er muss geschrieben und zur Post gebracht werden. Sein Absender riskiert zudem, dass er entdeckt wird.

Ganz anders nun im Internet, wo es – mit Shitstorm – bereits einen Fachausdruck für jene verbale Schlammlawine gibt, unter die man geraten kann. Und obwohl es sich in meinem Fall eher um ein laues Lüftchen handelte, wurde mir das Schädigungspotenzial einer konzertierten Twitter-Attacke zum ersten Mal offenbar.

Wohl gemerkt: Die Social Media wie Facebook oder Twitter sind eine wunderbare Errungenschaft, die zu nutzen auch uns rund 400 auf Twitter schreibenden Schweizer Journalisten Gewinn bringt. Und ich beklage mich auch nicht über Kritik und harte Debatten. Da müsste man ja zimperlich oder fehlerfrei sein.

Dass die Regeln des Anstandes und der Fairness aber auf Twitter nicht gelten sollen, ist nicht einsehbar. Auch dort muss man vor Verunglimpfungen und Beschimpfungen und deren hunderttausendfacher Verbreitung per Retweet bewahrt werden. Und der kleinen Minderheit der Unanständigen soll der Spass am perfiden Heckenschuss vergehen.

Deshalb diese Forderung: Auch wer auf Twitter und Facebook schreibt, soll sich zu erkennen geben. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, und nicht nur das Urheberrecht, auch die Persönlichkeitsrechte müssen durchgesetzt werden. Das ist aber nur möglich, wenn die Verfasser der 140 Zeichen langen Meldungen bekannt sind.

Falls aber Twitter und Facebook weiterhin anonyme Accounts dulden, sollen diese Unternehmen die Verantwortung für den gesamten Inhalt übernehmen und für Rechtsverletzungen auf ihren Plattformen haften – so wie dies für Medienunternehmen der Old Economy gilt.

* Der Autor, Verleger der «Schaffhauser Nachrichten», hat diverse Twitter-Shitstorms beobachtet und nun auch einen erduldet.

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