Die Pfiffe während der Rede von Bundesrat Ueli Maurer, die am letztjährigen Medienkongress für einen kleinen Eklat sorgten, hallten in diesem Jahr nach: «Sie sind wahrscheinlich schon etwas unruhig, weil sie bisher nicht kritisiert worden sind», sagte Bundesrat Alain Berset etwa in der Hälfte seiner Rede vor den Schweizer Verlegern am Freitagabend in Interlaken. «Ich muss sie enttäuschen: Ich werde den Medien nicht Mainstream vorwerfen. Die Kritik am Medienmainstream ist ja inzwischen selber Mainstream.» Dafür gab es Lacher statt Pfiffe.



So weit auseinander Berset (SP) und Maurer (SVP) politisch stehen, so unterschiedlich ist ihr Bild von den Medien, wie der Vergleich ihrer Reden am Verlegerkongress zeigt. Und wenn der Innenminister den Verteidigungsminister zum Mainstream-Minister macht, so ist das zumindest amüsant, wenn nicht vielleicht sogar relevant.

Kritik am Medienmainstream ist Mainstream? Diese Aussage Bersets kann man nur als Antwort auf Ueli Maurer verstehen, der 2013 in seiner Rede vor den Verlegern sagte: «Ich kann diese oder jene Zeitung lesen, das spielt gar keine Rolle, der Meinungstenor ist überall gleich. Sie unterscheiden sich inhaltlich kaum in ihren Produkten. Vielfalt fehlt. (...) Es herrscht weitgehend ein Meinungskartell. (...) Es gibt in den Schweizer Medien so etwas wie eine selbst verfügte Gleichschaltung.» Bereits im Jahr 2009 war Ueli Maurer als Redner an den Verlegerkongress geladen, und schon damals sparte er nicht mit Kritik: von «Pfusch» und «totgeschwiegenen Themen» sprach er zum Ärger der Verleger und beschuldigte die Medien, eine «Scheinwelt» zu produzieren, statt die Realität abzubilden.

Wie anders die Rede von Berset, der den Verlegern zurief: «Ich vertraue auf die Innovationskraft der Medienhäuser.» Als Journalist hätte man da gern zurückgefragt: Warum eigentlich?

Selbst zu Selbstkritik setzte Berset an: «Wenn ich die manchmal polarisierte Debatte in den Medien kritisiere, dann meine ich natürlich auch immer uns Politiker. Denn wir sind es ja, die uns in diesen Debatten häufig nur allzu gerne profilieren.»

Berset reihte sich mit seiner Rede in die lange Liste von Bundesräten ein, die mit der Medienindustrie im Zweifelsfall lieber kuscheln statt keifen.

CVP-Bundesrätin Doris Leuthard als Medienministerin kündigte 2012 am Medienkongress die inzwischen mit ersten Forderungen zur staatlichen Förderung der Medien an die Öffentlichkeit getretene Medienkommission an und wies in ihrer Rede die SRG im Internet in die Schranken, was die Verleger der Medienministerin mit dem Attribut «weitsichtig» verdankten. Im Jahr zuvor pochte BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die nach ihrer Wahl in den Bundesrat im Abwehrkampf gegen SVP-Angriffe die Medien gern als Schutzschild nutzte, wieder auf «eine Armlänge» Distanz zwischen Medien und Politik und rief die Verleger auf, «im harten Konkurrenzkampf weiterhin auf die bewährten Qualitätsmerkmale zu setzen». Dann waren da SP-Bundesrat Moritz Leuenbergers Reden, von denen alle noch wissen, dass sie gut waren, aber niemand mehr, was er sagte.

Maurer oder Berset – welcher Bundesrat hat aus journalistischer Sicht recht mit seinem Bild der Schweizer Medien?

Berset punktet damit, dass er dem Mantra des Medienmainstreams entgegentritt, das nicht wahrer wird, je öfter es die SVP wiederholt. Einerseits die Medien für die flächendeckende Verbreitung ihrer Botschaften nutzen (Maurer, noch als SVP-Präsident: «Wenn ich Neger sage, bleiben die Kameras bei mir»), andererseits die Medien als links unterwandert abqualifizieren – diese Strategie ist durchsichtigwie das Wasserglas, das am Verlegerkongress auf dem Rednerpult steht.

Maurer hingegen ist zugutezuhalten, dass er unerschrocken genug ist, der Medienbranche schonungslos den Spiegel vorzuhalten. Wenn der SVP-Bundesrat sagt, er «vermisse Köpfe und Denker, vor allem auch spannende Querköpfe und Querdenker im Journalismus»: Wer ausser die Langweiler in den Redaktionen und Verlagen stimmt ihm nicht uneingeschränkt zu?

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