Radiosender müssen eine Community aufbauen, ihre Moderatoren zu Freunden der Hörer machen, einzigartig sein; so lauten die gängigen Rezepte. Genau das Gegenteil macht Radio Swiss Pop – und ist mit mittlerweile 320 000 täglichen Hörern erfolgreicher als jedes Privatradio des Landes. Das Rezept der öffentlich-rechtlichen Station: ausschliesslich Pop-Musik, keine Nachrichten, keine Moderation.

Der Branche ist der Sender ein Dorn im Auge, viele wollen ihn weghaben. Das «music only»-Konzept sei bei gewissen Hörern beliebt, sagt Matthias Hagemann, Geschäftsleiter und Inhaber von Radio Basilisk. Es führe dazu, dass der Sender in Restaurants, Shops oder Fitnessstudios dauernd laufe. Der Sender, ein Nachfolger des damals enorm bekannten Telefonrundspruchs, sei zudem werbefrei. «Lange Werbeblöcke sind kritisch für die Hörergunst», sagt er. Auf sie ist Swiss Pop nicht angewiesen. Als Sender der öffentlich-rechtlichen SRG finanziert er sich mit Gebührengeldern.

Für Privatradios sei ein ähnliches Geschäftsmodell kein Thema: «Die Werbeblöcke hätten wir ja ohnehin», sagt Hagemann. «Unser Erfolg ist die Mischung von Musik, Redaktion mit den wichtigsten News und einer Heimat und Vertrauen vermittelnden Moderation.» Hagemann will Swiss Pop an den Kragen: «Der Sender ist nicht im Geringsten Service public». Für ihn sei klar, dass die SRG in der anstehenden Definition ihres Angebots auf den Sender verzichten müsse. «Gäbe es Swiss Pop nicht, hätten alle Privatradios 320 000 potenzielle Hörer mehr.» Ins gleiche Horn stösst André Moesch, Geschäftsleiter von Radio FM1. «Es ist stossend, dass mit Gebührengeldern ein Nonstop-Musikkanal finanziert wird», sagt er. Zur Konkurrenz zähle der Sender nicht: In der Ostschweiz habe FM1 einen Marktanteil von 17,3 Prozent, Swiss Pop nur 1,9 Prozent. «Leute, die lieber einfach Musik hören, die gerade so gut ab CD kommen könnte, hat es immer schon gegeben.» Swiss Pop sei in diesem Sinn kein Radiosender. Moesch plädiert fürs Abschalten: «Was hat das mit Service public zu tun?»

So weit würde Tony Immer nicht gehen. Der Geschäftsleiter von Radio Zürisee hält Swiss Pop zwar für ein überflüssiges Produkt. Eine Abschaltung berge aber Gefahren: «Damit würden 320 000 Menschen wütend auf das Medium Radio.» Ein Effekt, den sich die Branche nicht wünschen kann. Ein Nonstop-Musiksender wie Swiss Pop sei auch deshalb erfolgreich, weil er den Hörern keine Anstrengungen abverlange und dennoch Überraschungen garantiere. Radio in der Form, wie es Zürisee mache, werde aber nicht aussterben. Vorbote eines Trends in Richtung inhaltsfreie Radiosender wie in den USA sei Swiss Pop nicht.

Shenja Erismann, Redaktionsleiterin von Radio Swiss Pop, verteidigt ihren Sender. «Meiner Meinung nach gehört Swiss Pop in jedem Fall zum Service public», sagt sie. «Wie alle SRG-Sender sind wir der Schweizer Musik verpflichtet. Ihr Anteil im Programm beträgt über 30 Prozent, kein privater Sender erreicht nur annähernd so hohe Werte.» Ausserdem biete Swiss Pop im Internet viele Zusatzleistungen, etwa eine umfangreiche Musiker-Datenbank, Konzerthinweise und die Musikjury, an der das Publikum teilnehmen könne. Swiss Pop bediene eine Nische, die kein anderes Programm der SRG oder der Privaten abdecke.

Auch dürfte Radio Swiss Pop eine wichtige Funktion für das Digitalradio DAB+ einnehmen. Über die dominierende UKW-Technologie kann der Sender nicht gehört werden. 23 Prozent des Radiokonsums in der Schweiz finden mittlerweile über DAB+ statt. Das zeigen neue Zahlen, die am Donnerstag am Swiss Radio Day kommuniziert wurden. Ein Erfolg – möglicherweise auch dank Swiss Pop. Das Beispiel Grossbritannien zeigt, wie wichtig attraktive Sender für eine Adaption der neuen Technologie sind. Bis 2024 soll DAB+ nach dem Willen der Branche die UKW-Technologie ablösen. Heute ist UKW noch für 55 Prozent des Radiokonsums verantwortlich, 22 Prozent macht das Internet aus.

Nicht zuletzt ist Swiss Pop ein äusserst günstiger Sender: Gerade vier Vollzeitstellen plant die SRG für die Station ein – fast nichts im Vergleich zu den insgesamt 1600 Vollzeitstellen in der Deutschschweiz. Im Fokus der künftigen Service-public-Debatten dürfte eher der Sender SRF 3 mit seinen 17 Prozent Marktanteil stehen. Für die Privaten ist aber sowieso klar: «Die Politik», sagt Zürisee-Chef Tony Immer, «muss nun endlich regeln, was zum Service public gehört.»

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