VON EVELYNE BAUMBERGER

Niki Reiser, für welchen Film komponieren Sie gerade?
Für «Das Leben ist zu lang» von Dani Levy.

Das wird wahrscheinlich ein witziger Film – haben Sie lieber Komödien oder Dramen?
Am besten ist Abwechslung. Als ich gleich nacheinander «Liebesleben» und «Im Winter ein Jahr» machte, also ein Jahr lang Betroffenheit und Drama vertonte, sehnte ich mich danach, wieder Komödien zu machen. Jetzt habe ich drei Komödien hintereinander vertont und habe wieder Lust auf etwas Ernstes.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie Musik zu einem neuen Film komponieren?
Es gibt weder ein Rezept noch Regeln. Meist brauen sich im Hinterkopf unbewusst Melodien zusammen und man muss dann im richtigen Moment am Klavier sitzen. Es ist, wie wenn sich eine Türe zum Universum öffnet, etwas hereinfliesst und sich die Tür dann wieder schliesst. Oft lese ich schon lange vorher das Drehbuch, ich komponiere auch gerne, bevor ich überhaupt Bilder vom Film habe. Schwierig ist es, wenn man gleich den fertigen Film vor sich hat.

Warum? Eigentlich würde man das Gegenteil erwarten . . .
Man hat dann fast keinen Einfluss mehr. Wenn schon frühzeitig Musik vorhanden ist, schneidet der Regisseur auch nach dieser Musik. Das hat oft eine musikalischere Wirkung, als wenn ich genau aufs Bild komponiere.

Sie als Filmkomponist haben also auch einen Einfluss auf den visuellen Rhythmus des Films.
Wenn ich rechtzeitig gutes Material bringe, schon. Manche Szenen werden zum Beispiel länger geschnitten, weil die Musik schon wirkt. Wenn noch keine Musik da ist, schneidet man eher kürzere Szenen, weil man schneller das Gefühl hat, es wird langweilig.

Wie viel Freiheit haben Sie beim Komponieren?
Der Regisseur hat eine genaue Vorstellung, was er vom Film will. Erst einmal kann ich ihm aber alles anbieten, was ich möchte. Oft habe ich am Anfang extrem viele Ideen, dann kommen die Regisseure und reden drein, und meist gibt es eine Phase, in der ich gar keine Ideen mehr habe.

Was machen Sie dann, wenn die Inspiration nicht kommt und die Deadline näherrückt?
Wenn jemand Musik einfach konstruiert, hört man das. Bei «Nirgendwo in Afrika» habe ich der Regisseurin, Caroline Link, deshalb gesagt, sie solle mich feuern, als mir nichts einfiel. Sie hat vordergründig eingewilligt und mich aber gebeten, noch eine Szene zu vertonen, die sie vorführen wollte. Der Druck war weg, ich habe etwas komponiert – und der Knoten war gelöst. Dieses Stück war das beste vom ganzen Film.

Mit Caroline Link haben Sie schon oft gearbeitet, ebenso mit Dani Levy. Wie ist das, wenn man sich so gut kennt?
Man weiss mit der Zeit, was für Musik die jeweilige Person mag und in welche Richtung es gehen soll. Bei Dani Levy ist es kraftvolle, rhythmische Musik. Caroline Link hat einen ganz anderen Musikgeschmack – viel dezenter.

Filmmusik verstärkt Emotionen oder baut sie sogar auf. Musik kann eine Szene total verändern. Wie fliessen die Vorstellungen vom Regisseur und von Ihnen als Komponist zusammen?
Oft finden Regisseure, wenn sie mit mir über die Musik sprechen, selber nochmals viel über den Film heraus. Zum Beispiel beim letzten Film von Caroline Link, «Im Winter ein Jahr»: Sie wollte auf keinen Fall eine Musik, die zu emotional, zu melodisch oder zu weich ist, weil die Verhärtung der Menschen das Thema war. Es ging darum, Musik zu schaffen, die dieses unangenehme Gefühl darstellt. Oft erzählt die Musik eine Geschichte hinter der Geschichte. Wie wenn ein Mensch etwas Angenehmes sagt, aber sich eigentlich schlecht fühlt. Dann kann die Musik dieses Gefühl darstellen.

Wie geht es weiter, wenn Sie eine Melodie im Kopf haben?
Meistens komponiere ich am Klavier oder am Keyboard, wo ich auch andere Instrumente einstellen und direkt mit dem Beat arbeiten kann. Später spielen Musiker im Studio die Musik ein.

Wenn wir also im Film ein Streichorchester hören, stecken da wirklich echte Musiker dahinter und nicht in Synthesizer?
Ja, im Idealfall schon. Ich mache eher Filme, bei denen ich weiss, dass ein Budget für Musiker vorhanden ist. Digital arbeite ich nur, um Entwürfe zu machen. Die Regisseure haben sich daran gewöhnt, dass sie schon in der Layoutphase die ganze Musik hören können, aber mein Ziel ist es, echte Instrumente zu verwenden. Musiker interpretieren noch weiter und bringen das Ganze auf eine zusätzliche Ebene.

Wie lang dauert dieser Prozess von den ersten Entwürfen bis zum Einspielen der Musik?
Ich beginne meist bei den Dreharbeiten. Ich gehe aufs Set, lerne die Schauspieler kennen und spreche mit ihnen darüber, was sie sich für Gedanken zum Film und ihrer Figur gemacht haben. Teamwork ist für meine Arbeit wichtig.

Arbeiten Sie jeweils nur an einem Film gleichzeitig?
Ich habe gleichzeitig an «Mein Führer» von Dani Levy und an «Liebesleben» von Maria Schrader gearbeitet . . .

Völlig gegenteilige Filme . . .
Ja. Da bin ich ins Rotieren gekommen. Meist bin ich etwa vier Monate an einem Projekt, und da muss ich voll eintauchen können. Ich bin in dieser Zeit richtig gefangen von dem Film, es verfolgt mich nachts, wenn ich keine Lösung gefunden habe.

Die meisten Leute achten im Kino nicht auf die Musik. Macht es Ihnen nichts aus, im Hintergrund zu stehen?
Nein. Ich brauche es nicht, auf der Bühne zu stehen. Ich finde es toll, meine Welt zu haben, unbeobachtet zu sein bei meiner Arbeit. Einem Schauspieler wird immer zugeschaut. Ich bekomme aber schon Feedback – die Leute kaufen heute mehr Soundtracks als früher.

Woran liegt das?
Soundtracks sind oft sehr emotional, die Leute erleben Gefühle wieder, die sie beim Film empfanden. Filmmusik kann auch vom Stil her alles sein. Viele Leute hören zum Beispiel nicht gern Klassik, aber wenn es Filmmusik ist, gefällt ihnen Orchestermusik trotzdem.

Sie selbst haben ja eine klassische Ausbildung als Flötist. Danach sind Sie in die USA gegangen, um Jazz und Komposition zu studieren. Wollten Sie von Anfang an zum Film?
Nein. Als ich in Amerika war, wollte ich Jazzmusiker werden. Ich habe zwar ein Filmfach belegt, aber das lange nicht benützt. Schliesslich hat Dani Levy mich gefragt hat, ob ich die Musik zu seinem ersten Film machen wolle. Ich habe diese Karriere nie gesucht, es hat sich einfach so ergeben. Ich habe mich noch nie für einen Film beworben, sondern wurde immer angefragt. Wichtig finde ich, dass man nicht einfach Filmmusik machen will, sondern eine eigene Sprache entwickelt. Dafür wird man schlussendlich auch engagiert.

Und was ist Ihre Handschrift?
Mir geht es darum, die Seele eines Films zu treffen und ihr eine Stimme zu geben. Ich arbeite im Durchschnitt viel länger als andere Komponisten. Statt zwei oder drei Monate arbeite ich manchmal sechs, sieben an einem Film – nicht sehr ökonomisch . . .

Sind Sie ein Perfektionist?
Nein, aber ich gebe mir Zeit, zu versagen und nochmals neu anzufangen. Ich will wirklich verstehen, was die Regisseure wollen, und versuche, ihnen das dann auch zu geben.

Sie arbeiten vor allem mit Schweizer und deutschen Regisseuren. Hat Sie Amerika nicht mehr fasziniert?
Doch, es wäre schon interessant, auch in andere Filmindustrien reinzuschauen. Aber das ist aus familiären Gründen schwierig.

Sehen Sie, auf die Musik bezogen, einen Unterschied zwischen europäischen Filmen und Hollywood-Produktionen?
Bei Hollywoodfilmen ist immer wieder das Gleiche gefragt. Komödien klingen meist auf die gleiche Art nach Komödie, Action klingt auf die gleiche Art nach Action. Aber Amerika ist gross – Independentfilme sind genauso interessant wie in Europa.

Was sehen Sie sich persönlich am liebsten für Filme an?
Filme, die Geschichten von Menschen erzählen. Action langweilt mich – ich habe auch selbst noch nie einen Action-Film vertont.

Was bedeutet Ihnen die «Rencontre» in Solothurn?
Das ist eine grosse Ehre – dass jemand auf die Idee gekommen ist, meinen Weg zu zeigen. Und das, obwohl ich mit «Heidi» erst einen einzigen Schweizer Film vertont habe.

Welchen Ihrer Filme mögen Sie am liebsten ?
Sehr schwierig zu sagen. «Nirgendwo in Afrika» war ein toller Film oder von Dani Levy «Stille Nacht». Der ist völlig anders – auch von der Musik her. Beides sind Filme, an denen ich sehr lange gearbeitet habe. Für «Nirgendwo in Afrika» habe ich vor Ort Musik aufgenommen und konnte sie danach mit Orchester kombinieren. Ich hätte diesen Film nicht vertonen können, ohne die Luft Kenias einmal geatmet zu haben.

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