Die dunklen Korridore mit Linoleumböden atmen noch den Geist des vordigitalen Zeitalters. Nichts deutet darauf hin, dass hier, auf dem Boden der Genfer Vorortsgemeinde Meyrin, direkt an der französischen Grenze, die Wiege der digitalen Revolution liegt. «Irgendwo hier hat Tim Berners- Lee das World Wide Web erschaffen», sagt Ben Segal, während er durch ein in die Jahre gekommenes Bürogebäude auf dem Gelände des Cern schreitet. In welchem der kleinen, spartanisch eingerichteten Büros Berners-Lee damals gearbeitet habe, wisse niemand mehr so genau, sagt Segal.

Am 6. August 1991 ging hier die erste Website der Welt online – der Server befand sich in Berners-Lees Büro in einem Untergeschoss. Der britische Informatiker Ben Segal war einer der Mentoren von Berners-Lee. Er unterstützte ihn dabei, seine Vision eines weltweiten Informationsnetzes zu verwirklichen. Von 1971 bis zu seiner Pensionierung 2002 war Segal am Cern tätig. Heute ist der 79-Jährige Ehrenmitglied der Informatikabteilung.

Zielstrebig steuert Segal auf eine unspektakuläre Messingplatte zu: «Where the Web was born» steht dort in schwarzen Lettern. Es ist die einzige Reverenz an die wohl revolutionärste Entwicklung, die im Cern ihren Anfang nahm.

«Vage, aber aufregend»
Tim Berners-Lee arbeitete ab 1984 in der Informatikabteilung des Cern und befasste sich mit Standards zur elektronischen Datenübermittlung. Sein regulärer Job habe ihn nicht besonders in Anspruch genommen, weshalb er Zeit hatte, seine Vision des World Wide Web voranzutreiben, sagt Segal. 1989 legte Berners-Lee seinem Vorgesetzten Mike Sendall ein 14-seitiges Konzept vor. Der nüchterne Titel: «Information Management: A Proposal». Sendall war angetan von der Idee seines brillanten Mitarbeiters: «Vage, aber aufregend», lautete sein Fazit.

«Als ich Tims Vorschlag zum ersten Mal gelesen habe, habe ich das meiste nicht verstanden», gesteht Segal. Viele Forscher hätten sich damals mit Fragen des Informationsaustausches zwischen verschiedenen Computernetzwerken auseinandergesetzt. Im Gegensatz zu den anderen habe Berners-Lee eine Vision gehabt und diese umgesetzt. Er sei jung genug gewesen, um an seinen Traum zu glauben. Von Hindernissen für seine Idee eines weltweiten Netzes habe er sich nicht entmutigen lassen. «Tim sagte mir immer: Ben, wir müssen uns nur auf ein paar simple Sachen einigen.»

«Ein grossartiger Kerl»
«Tims netzartige Struktur war revolutionär und ihre Genialität wurde vom Cern zunächst nicht erkannt», sagt Maria Dimou. Die 56-jährige Informatikerin ist seit 1988 am Cern tätig. In der experimentellen Physik, der Königsdisziplin des Cern, seien hierarchische Informationsstrukturen dominant gewesen, sagt Dimou. «Tims Ideen trafen am Cern deshalb auf Widerstand.» Weil Berners-Lee keine Finanzierung für die Weiterentwicklung des Webs erhielt, wechselte er 1994 ans Massachusetts Institute of Technology in den USA.

Weder Segal noch Dimou hätten sich in der Anfangsphase des WWW vorstellen können, welche fundamentalen Veränderungen es für sämtliche Lebensbereiche bringen würden: «Auch Tim hatte keine Ahnung», glaubt Segal. Beide halten das Internet weiterhin für eine positive Errungenschaft. Gewisse Entwicklungen bereiten Ben Segal aber Mühe – etwa das Darknet, die Flut an Spam-Mails oder die sozialen Auswirkungen: «Als Internetpioniere wollten wir die Welt verbinden.» Das sei zwar gelungen: «Doch wir haben die Menge an Mist unterschätzt, die wir damit ebenfalls verbinden.»

Zum Glück sei Berners-Lee ein herzensguter Mensch und Humanist, der sich bis heute für die Vision eines freien Internets im Dienste der ganzen Menschheit einsetze: «Dass es ein so grossartiger Kerl wie Tim war, der das Web erfunden hat, ist letztendlich ein Zufall – aber ein glücklicher.»

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