Von Joel Bedetti

Wenn abends um Punkt halb acht die Fernseher im Welschland das Signet des «19 30» abspielen, dann wissen die Romands, wer ihnen in der nächsten halben Stunde vom Weltgeschehen berichten wird: Ein Mann in dunklem Jackett und mit einer Frisur, die er auch in den 70ern und 80ern hätte tragen können.

Darius Rochebin ist seit 15 Jahren der Sprecher der welschen Tagesschau «19 30 Le Journal», das meist einfach «19 30» genannt wird. Ablösung gibt es nur in den Ferien und am Wochenende. Doch auch dann sieht man Rochebin am Fernsehen: Er hat sich neben dem «19 30» noch das sonntägliche Interview «Pardonnez-moi» aufgehalst. Rochebin ist zweifellos der bekannteste Romand – zumindest in der Romandie.

Der charmante Genfer ist mehr als ein Franz Fischlin oder ein Florian Inhauser. Er ist eher Stefan Klapproth, Kurt Aeschbacher und Sven Epiney in Personalunion. Einerseits ist Rochebin der Inbegriff journalistischer Seriosität, der noch am Moderatorenpult stehen würde, wenn hinter ihm die Welt unterginge. Zugleich ist er das «Chouchou» der Romands, wie das «Migros Magazin» schrieb, das omnipräsente Telegesicht, das regelmässig auf der Titelseite der «Illustré» klebt.

Darius Rochebin, 47 Jahre, hochgewachsen, wie immer in dunklem Anzug und Krawatte, sitzt in der Kantine der TSR-Zentrale in Genf. Vor sich: Zwei ineinandergestellte Pappbecher mit Kaffee. «Eine Vorsichtsmassnahme», sagt Rochebin, «falls einer rinnt.» Aus demselben Grund liegen neben den Kaffeebechern zwei Handys, die während des Gesprächs regelmässig vibrieren.

Rochebin ist ein klassischer Newsjunkie, er kommuniziert jederzeit auf allen Kanälen. Sein erstes Facebook-Profil war bald mit 5000 Freunden ausgefüllt, jetzt hat er eine Fanseite mit fast 30 000 Anhängern. Auf Twitter publiziert Rochebin im Minutentakt, selbst während der Einspieler des «19 30». Dann trinkt er auch gern einen Schluck Kaffee aus den zwei Pappbechern, die er unter dem Moderatorenpult versteckt.

Solche Marotten kann er sich erlauben. Er spricht und bewegt sich durch die TSR-Zentrale mit der Gelassenheit eines Fernsehstars ausser Konkurrenz. Zwar gibt es den 38-jährigen Waadtländer Olivier Dominik, der «Le Journal» am Mittag präsentiert und den RTS im Tagesschau-Austausch vom vergangenen März vertrat, weil Rochebins Deutsch nicht gut genug war. Doch auch er sei davon entfernt, Darius Rochebin den Thron streitig zu machen, ist RTS-intern zu hören.

Er lächelt auf die Frage, wie er sich diese Position erarbeitet habe, und sagt: «Ich wollte es einfach.» Nach dem Literatur- und Geschichtsstudium heuerte Rochebin beim seriösen «Journal de Genève» an und trat mit 29 Jahren ins Westschweizer Fernsehen ein, das damals noch TSR hiess. Als Sonderkorrespondent im jugoslawischen Bürgerkrieg und im Nahen Osten zeigte sich schnell sein Kameratalent, 1996 wurde der 32-jährige Rochebin Sprecher des «19 30». Heute erreicht «19 30» einen Marktanteil von 60 Prozent, rund 300 000 Romands schauen sich die Sendung abends an.

Journalist sei er geworden, um Zeitgeschichte zu erleben, erzählt er. Schon als junger «Journal de Genève»-Reporter suchte er den Kontakt zu grossen Figuren. Mit 25 Jahren interviewte er den Palästinenserführer Yassir Arafat in einem Keller einer Villa in Tunis. Heute sitzt Rochebin im «Pardonnez-moi» Show- und Politikgrössen aus aller Welt gegenüber: Gérard Dépardieu, Julian Assange, François Hollande und der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad sind nur einige aus einer Liste, die jeden Berufskollegen vor Neid erblassen lässt. Mit den Interviews findet Rochebin manchmal internationale Beachtung, beispielsweise als er 2011 als erster Journalist Roman Polanski nach dessen Entlassung aus dem Hausarrest befragte.

Er betont, dass er viel Zeit verwende, um an diese Interviews zu kommen. «Bevor ich François Holland vor der Kamera hatte, ging ich sicher zehnmal in den Élysée-Palast und sprach mit seinen Presseleuten und Beratern.» Vor dem Exklusiv-Interview mit Polanski besuchte er den Regisseur an mehreren Sonntagen in Gstaad und trank mit ihm Tee. «Meine Frau war wütend, aber ohne diese Beziehung wäre es nicht zu diesem Interview gekommen», sagt Rochebin.

Nach diesem Scoop konnte Rochebin als Gastmoderator des französischen Senders TV5 die Kandidaten der Präsidentschaftswahlen im Frühling 2012 befragen. Peter Rothenbühler, ehemaliger Chefredaktor von «Le Matin» und guter Freund von Rochebin, ist überzeugt: «Er ist ein genialer Anchorman und könnte auch für einen grossen französischen Sender moderieren.»

Dazu wird es aber nie kommen. Dass ein Romand die Nachrichten von France 2 moderieren könnte, ist so wahrscheinlich, wie dass ein Deutscher die Tagesschau moderieren würde. Darius Rochebin hat mit seinen 47 Jahren zwar den prestigeträchtigsten Posten des RTS inne, ist aber an der Decke angekommen. Er habe damit kein Problem, versichert Rochebin. «Ich interessiere mich auch noch heute für Geschichten über Winterreifen, es muss nicht immer die grosse Politik sein.»

Obwohl Rochebin geradezu «süchtig nach der Aufmerksamkeit ist», wie Peter Rothenbühler diagnostiziert, bleibt er als Person schwer greifbar. Über seine Ansichten schweigt sich Rochebin hartnäckig aus. «Als Anchorman muss er ein politischer Eunuch sein, sonst verliert er seine Glaubwürdigkeit», sagt Rothenbühler. Die Kluft zwischen medialer Omnipräsenz und politischer Kastration hat aber dazu geführt, dass im Internet die Gerüchteküche brodelt. Die einen meinen zu wissen, dass er links sei, andere schwören, er sei bürgerlich. Was Rochebin nicht weiter stört.

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