VON MARTIN AMREIN

Die wahren Schwerarbeiter der Wissenschaft stehen in St. Gallen – im Kellergeschoss der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa). Wenn sie mit ihrer Forschung loslegen, fliesst der Schweiss in Strömen. Und das ist gut so, denn Schwitzpuppe SAM und seine Kollegen sind dazu geschaffen.

Die Empa hat die High-Tech-Puppen – mit dabei auch ein künstlicher Schweissfuss – entwickelt, um die Vorgänge beim Schwitzen zu untersuchen. Kurz vor der WM steht ihre Arbeit ganz im Zeichen des Fussballs: Eine der Puppen trägt noch immer das Trikot des FC St. Gallen.

«Richtiges Schwitzen kann matchentscheidend sein», sagt der Bekleidungsphysiologe Markus Weder vom Empa-Bereich «Neue Textilien». Mit Schweiss regulieren wir unsere Körpertemperatur. Ein gut trainierter Athlet kann pro Stunde 1,5 Liter Flüssigkeit ausscheiden, um sich abzukühlen.

Steigt die Körpertemperatur aber über 40 Grad Celsius an, wird es lebensgefährlich. Dann betätigt der Körper die Notbremse, indem er Warnsignale aussendet: «Der Sportler ermüdet immer mehr und schaltet einen Gang zurück», sagt Weder. Je besser der Kühleffekt des Schwitzens funktioniert, desto länger kann ein Fussballer Vollgas geben.

Weder hat Versuche durchgeführt, um den Einfluss des St.-Gallen-Shirts auf die Schwitzfunktion eines Fussballers zu ermitteln. Dafür waren die Schwitzroboter ideal: Sie verfügen über künstliche Schweissdrüsen, aus denen Wasser austritt und verdunstet – geruchsfrei. Temperatursensoren ermitteln dabei, was im Innern und auf der Oberfläche der Puppen passiert. Je nachdem, wie saugfähig die getragenen Textilien sind, fällt der Kühleffekt des Schwitzens unterschiedlich aus.

Für St.-Gallen-Fans hat SAM leider eine schlechte Nachricht: Das Trikot ihrer Mannschaft beeinträchtigt die Spieler beim Schwitzen. «Die grossen Werbeaufdrucke auf dem Shirt sind ein massiver Nachteil», sagt Weder. «Sie verhindern den Feuchtigkeitstransport und damit die kühlende Verdunstung des Schweisses.»

Die gute Nachricht dafür für alle Anhänger der Schweizer Nationalmannschaft: Das Nati-Trikot ist frei von störenden Sponsorenschriften. Dazu besteht es zu hundert Prozent aus Polyester, dem Material mit der effizientesten Kühlleistung, wie Weder weiss. «Anders als Baumwolle saugt es den Schweiss nicht auf, sondern lässt den für die Kühlung wichtigen Wasserfilm auf der Haut zurück», sagt er.

Bei den ersten beiden WM-Spielen der Nati ein wesentlicher Vorteil: Gegen Spanien und Chile spielen die Schweizer auf Meereshöhe, dort kann es auch im südafrikanischen Winter an die 30 Grad Celsius heiss werden. Anders sieht es beim dritten Spiel gegen Honduras aus, das in Bloemfontein stattfindet – auf 1400 Meter über dem Meer. Da die Schweiz am Abend spielt, sind dann Temperaturen gegen null Grad möglich. «Spielertypen, die nicht ständig in Bewegung sind, müssen aufpassen, dass ihre Körper nicht auskühlen», sagt Weder. «Ihre Haut sollte trocken bleiben.»

Deshalb ist hier ein anderes System gefragt: das 2-Schichten-Prinzip, bei dem die Feuchtigkeit in die äussere Schicht transportiert wird. «Bei kühlen Bedingungen tragen die Spieler atmungsaktive Unterleibchen aus Kunstfasern, die speziell auf das Trikot abgestimmt sind», sagt Nati-Arzt Cuno Wetzel. Baumwollunterzieher kommen nicht infrage, weil sie den Feuchtigkeitstransport nicht zulassen.

Vor einigen Jahrzehnten spielte die Nati noch in Baumwolle. Bei hohen Temperaturen nicht ungefährlich: «Der Saugeffekt von Baumwolle verhindert die Verdunstung des Schweisses, was einen Hitzestau auslösen kann», so Wetzel. Dementsprechend froh ist er, dass den Spielern mittlerweile modernste Kunstfasershirts zur Verfügung stehen, die erst noch wenig wiegen: «Frühere Trikots waren ja schwer wie Stein.»

Einen Nachteil hat Polyester dennoch. Anders als bei Baumwolle ist der Schweiss nicht in Fasern eingeschlossen. Für Bakterien, die für den Schweissgeruch verantwortlich sind, ein Paradies: Polyester-Trikots stinken schneller.

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