Eva Baer erinnert sich gut, wie die Rückenschmerzen anfingen. «Als Heilpädagogin arbeitete ich mit Kindern mit schweren cerebralen Bewegungsstörungen und musste mich oft verrenken, um sie zu stützen.» Dabei, so vermutet sie, hat ihre Wirbelsäule Schaden genommen, und als sie Ende vierzig war, begannen die Schmerzen. Anfangs halfen Medikamente und Physiotherapie, aber es dauerte nicht lange, und die Schmerzen blieben auch nachts so stark, dass Baer nicht mehr schlafen konnte.

Eine lange Leidensgeschichte nahm ihren Lauf; bald halfen auch hoch dosierte Schmerzmittel, Schlaftabletten, Physiotherapie und Spritzen nur noch kurzfristig. Zwei Operationen, bei denen die unteren Rückenwirbel mithilfe von Stangen und Schrauben versteift wurden, zeigten nur vorübergehenden Erfolg. «Zwanzig Jahre Dauerschmerz – ich war verzweifelt und fühlte mich einer Schmerzmittelvergiftung nahe», erzählt die 68-jährige Baslerin.

Für ihren Arzt Thomas Egloff, Schmerzspezialist und Wirbelsäulenchirurg an der Hirslanden Klinik in Münchenstein, war klar: Hier handelte es sich um einen Fall von chronischem regionalem Schmerzsyndrom Typ II. «Das bedeutet, dass kein mechanisches Problem vorliegt, sondern dass beispielsweise eine Verklebung oder Vernarbung der Nerven chronische Schmerzen hervorruft, die konventionell nicht mehr behandelbar sind», erklärt er.

In solchen Situationen bleiben zwei Möglichkeiten: Eine hohe Dosis von Opiaten, die jedoch massive Nebenwirkungen wie Sturzgefährdung und mentale Einschränkungen mit sich bringen. Oder der Einsatz eines Neurostimulators, der durch ständige leichte Reizung der Nerven die Schmerzschwelle erhöht und den grossen Schmerz quasi umlenkt. Dieser Stimulator ist eines von unzähligen Implantaten, mit welchen der menschliche Körper ergänzt werden kann.

Künstliche Hüft- und Kniegelenke gehören heute ebenso zum Standard-Repertoire wie Zahnimplantate und Herzklappen, künstliche Augenlinsen, Luftröhren, Harnschliessmuskeln und Implantate zum Anregen von bestimmten Hirnregionen. Letztere lassen Parkinsonpatienten, Epileptikerinnen und Depressive hoffen: Neurostimulatoren geben mittels Elektroden schwache Stromstösse ab, die im Hirn Impulse abgeben und das Leiden lindern sollen.

«Diese Entwicklung ist voll im Gang, laufend werden neue Anwendungen für neurologische Erkrankungen getestet und verbessert», sagt Facharzt Egloff. Ab Juli 2011 soll in der Schweiz sogar ein neues Netzhaut-Implantat namens «Argus II» all jenen wieder Licht bringen, die aufgrund einer Netzhauterkrankung wie Retinitis Pigmentosa erblindet sind. Am Universitätsspital Genf wurden bereits Test-Operationen durchgeführt.

Mit all diesen Implantaten hat der menschliche Körper, ein biologisches Wunder, in den letzten Jahren ständig neue technische Unterstützung erhalten: Würden sämtliche Teile ersetzt, die ersetzbar sind, gliche der Körper einem veritablen Ersatzteillager. Nicht jedes Implantat ist jedoch für jeden Fall geeignet. Bevor ein solcher Schritt beschlossen wird, finden intensive Abklärungen statt: Immerhin kostet der Einsatz eines Neurostimulators je nach Modell 18 000 bis 40000 Franken.

Ein hoher Preis, wie auch Egloff weiss. «Er zahlt sich aber bei Weitem aus, weil die Betroffenen danach keine langwierigen Therapien und Eingriffe mehr benötigen, sondern wieder ein normales Leben führen können.» Im Fall Eva Baer hatte der Spezialist keine konventionelle Schmerztherapie-Möglichkeit unversucht gelassen. «Die Indikation war eindeutig gegeben», betont Egloff.

Vor einem Jahr war es so weit, die Kostengutsprache der Krankenkasse lag vor und das Implantat bereit: Die Probeimplantation konnte stattfinden. Thomas Egloff verabreichte Eva Baer eine lokale Betäubung und führte unter Röntgenkontrolle eine Elektrode durch ihren Wirbelkanal entlang des Rückenmarks an jene Stelle, wo die Stimulation den Schmerz ableiten soll. Noch während des Eingriffs nahm die spezialisierte Technikerin eine Probestimulation vor, um den Neurostimulator optimal zu programmieren. Danach testete Baer den Stimulator mit einem extern angeschlossenen Mini-Generator während einer Woche zu Hause, um zu sehen, ob er wirkt. «Und wie er wirkte!», strahlt sie.

In einer zweiten Operation wurde ihr deshalb der endgültige wiederaufladbare Generator angeschlossen, an eine wenig störende Stelle im Gesäss implantiert und fein eingestellt. «Die Patienten können die Frequenz gemäss ihren persönlichen Profilen einstellen», erklärt Facharzt Thomas Egloff.

Patientin Baer hat das gut im Griff. Heute braucht sie praktisch keine Schmerzmittel mehr und kann sogar wieder gärtnern oder zwei Stunden im Gesangschor durchstehen – grossteils schmerzfrei. Und wenn die Einstellung zu niedrig ist, drückt sie einfach ein paar Knöpfe. Sie lächelt verschmitzt: «Ja, ich gebe jeden Morgen ein wenig Pfuus aufs Fudi, dann geht es mir gut.»

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