Roger Schawinski (71) ist ausser sich. Seine Empörung richtet sich gegen Kurt W. Zimmermann (65), den Chefredaktor des «Schweizer Journalisten». Zimmermann habe das Branchenmagazin seit der Übernahme Anfang Jahr «eigenhändig qualitativ enthauptet». Die wichtigste nationale Bastion seriöser Medienkritik sei damit gefallen. Zimmermanns Vergehen: Er hatte vom langjährigen Zwist Schawinskis mit dem Geschäftsführer von Ringiers «Radio Energy» berichtet, ihn aber nicht angehört.

Die linke «Wochenzeitung» enervierte sich publizistisch über Zimmermanns Beitrag «Klebe-Karrieren: Die Top-Frauen von Radio SRF». Die Autorin erkannte auf eine gleichzeitige Frauen- und SRG-Feindlichkeit, was den Hormonspiegel sprunghaft ansteigen liess. Schliesslich kündete kürzlich ein langjähriger Autor nicht nur seine Mitarbeit auf, sondern verbreitete dies gleich per Twitter: «An ein Fachmagazin der Medienbranche stelle ich besonders hohe Ansprüche. Die letzten Ausgaben haben diese Ansprüche nicht erfüllen können.» Kommentar und Berichterstattung würden auf «unzulässige Art und Weise» vermischt, einzelne Artikel seien sexistisch. Hinzu kämen «haarsträubende handwerkliche Fehler, welche das Magazin enorm abwerten».

Die auf ihn einprasselnde Kritik gibt Zimmermann allerdings nur eines zu verstehen: Er hat alles richtig gemacht. Denn Aufmerksamkeit ist die Währung, die zählt, und Polarisierung ist das Mittel zur Erreichung des Zwecks.

Kritiker von Zimmermann sagen, er sei ein Zyniker, vielleicht der einzige Zyniker in einer sonst nur scheinbar zynischen Branche. Er selbst sieht sich als Phänomenologe, ohne jedoch philosophisch zu argumentieren oder sich seiner Gefolgschaft des Philosophen Edmund Husserl wirklich bewusst zu sein. Seine Kritiker attestieren ihm zudem eine ausserordentliche journalistische Spürnase, Auffälligkeiten in der Oberfläche der Erscheinungen zu entdecken. Und das Geschick, mit gezielter Auslassung und dosierter Zuspitzung süffig-provokante Geschichten zu schreiben.

Als Zürcher Student der Sozialpsychologie («Da war der Mädchenanteil hoch») war ihm der direkte Einstieg bei der «Weltwoche» gelungen. Er arbeitete bei Schawinskis Boulevardzeitung «Tat» von der Gründung bis zur turbulenten Einstellung. Machte Karriere bei der «Schweizer Illustrierten» und beim Wirtschaftsmagazin «Politik und Wirtschaft», die später in die «Bilanz» einfusioniert wurde.

Bekannt wurde Zimmermann ab 1990 als Chefredaktor der «SonntagsZeitung», die in seiner Ära stetig die Auflage steigerte, was ihn mit der Aura umgab, zu den erfolgreichsten Schweizer Chefredaktoren «ever» zu gehören. Sein Verdienst war dies nicht. Vielmehr war es einem cleveren Vertriebskonzept geschuldet, das Jahr für Jahr neue Regionen mit der Frühzustellung erschloss, was Auflagegewinn garantierte.

Die Erfahrung, dass die Treiber der Medien nicht in der publizistischen Etage, sondern darüber, in der Verlagsetage, sitzen, führten Zimmermann genau dorthin. Er wurde Marketingleiter und Mitglied der Tamedia-Konzernleitung. Nun konnte er am grossen Rad drehen und den realen Zynismus der Medienwelt mitgestalten: Er forcierte Investitionen in Online (60 Millionen) und in das TV-Abenteuer «TV 3» (90 Millionen). Betriebswirtschaftlich floppte beides und prädestinierten Zimmermann für den Titel des teuersten Medienmanagers.

Geburtshelfer und Totengräber
Doch das mit Millionen-Investitionen unterlegte Versprechen, Tamedia werde ein Multimedia-Unternehmen, überhitzten die Kursfantasien vor dem Börsengang derart, dass Zimmermann zum Mann der lohnendsten Fehlinvestition wurde. Lachend erinnert er sich, wie er mit dem damaligen Konzern- und dem Finanzchef im Privatjet auf Roadshow ging. Als Einziger des Englischen genügend mächtig, habe er das grosse Wort geführt und über die wunderbare TV-Zukunft des Konzerns fabuliert.

Als Medienmanager war Zimmermann ebenso Geburtshelfer des Nachrichtenmagazins «Facts» wie Totengräber von Roger de Wecks Strategie, der als damaliger Chefredaktor aus dem «Tages-Anzeiger» eine überregionale Zeitung nach dem Vorbild der «Süddeutschen Zeitung» machen wollte.

Seine Geburtsstunde als Medienjournalist hatte Zimmermann 1997 noch als Manager: Er prophezeite den Schweizer Verlegern an einer Fachtagung, sie würden bald ein Drittel ihrer rubrizierten Anzeigen, also ihrer Stellen- und Immobilieninserate, auf Nimmerwiedersehen an die Online-Welt verlieren. Wenn sie im Geschäft bleiben wollten, müssten «die Verleger versuchen, das Rubrikengeschäft auf dem Internet zu monopolisieren». Ungläubigkeit strahlte ihm entgegen, doch was folgte, hat die Prognose übertroffen, seither hat sein Wort in der Branche Gewicht.

Seit seinem Ausscheiden aus dem Tamedia-Management führt Zimmermann das Ein-Mann-Beratungsunternehmen Consist, ist Verleger und Teilhaber des Politmagazins «ff» in seiner zweiten Heimat Südtirol. Er studierte einige Semester Zoologie an der Universität Tübingen, verbringt Zeit in Thailand und neuerdings vermehrt in Ungarn. Und seit 13 Jahren verfasst er wöchentlich eine Medienkolumne für Roger Köppels «Weltwoche». Dass er immer wieder und ohne Quelle vertrauliche Zahlen aus dem rechtsbürgerlichen Medienumfeld publiziert, macht ihn verdächtig: Sollte nun auch der «Schweizer Journalist» in diese Allianz eingebracht werden? Zimmermann als Trojaner, um die Medienzunft von innen auf rechts zu trimmen?

Für Zimmermann wäre dies eine gute Geschichte. Phänomenologisch wahrscheinlicher ist: Ein alternder Journalist will noch einmal spüren , was es heisst, auf der Klaviatur der Aufmerksamkeit zu spielen.

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