VON MARTIN AMREIN

Weihnachtswünsche sind tabu, stattdessen schreiben Schweizer Grossfirmen «Schöne Festtage» oder ganz international «Season’s Greetings» auf ihre Grusskarten zum Jahresende. Mit ihrer Religionsneutralität wollen die Konzerne nicht nur die Gefühle andersgläubiger, sondern gerade auch jene nichtgläubiger Menschen schonen. Denn die Grösse der zweiten Gruppe ist nicht zu unterschätzen: Laut einer Umfrage der EU glauben 45 Prozent der Europäer an keinen Gott.

Der bekannteste Exponent der Nichtgläubigen ist der englische Evolutionsbiologe Richard Dawkins. Er gehört zu jenen Atheisten, die den Gottesglauben offen kritisieren. In seinem Buch «Der Gotteswahn» erklärte er vor drei Jahren, dass der Glaube an ein höheres Wesen ein gewaltiger Irrtum sei. Verantwortlich für verschiedenste Formen von Terrorismus, seien die Religionen «das eigentliche Übel unserer Zeit».

Schnell war Dawkins der Erzfeind vieler Gläubiger. Die Gegenseite konterte prompt: Radikale Christen schickten ihm Hassbriefe und Todesdrohungen. Den geschickteren Weg wählte der nordirische Theologe Alister McGrath, er antwortet Dawkins in einem eigenen Buch.

Nun versucht ein weiterer Brite, die beiden Seiten zu versöhnen: Nicholas Wade, ein aus England stammender Wissenschaftsjournalist der «New York Times», hat das Buch «The Faith Instinct» (frei übersetzt: «Der Glaubensinstinkt», Penguin Press) veröffentlicht. Seine These: In den Genen des Menschen ist der Drang verankert, Religionen auszuüben. Dies, weil religiöses Tun bei unseren Vorfahren den Zusammenhalt der Gruppe stärkte und damit in der Evolutionsgeschichte ein Selektionsvorteil war. «Das entsprechende Verhalten wurde in den Schaltkreis des Gehirns eingefügt, bevor die ersten Menschen ihre afrikanische Urheimat verliessen», schreibt Wade. Deshalb komme Religion auf der ganzen Welt vor.

Für Atheisten mag es kein besonders willkommener Gedanke sein, dass religiöse Anschauungen entstanden sind, weil sie für die frühsten Gemeinschaften und ihre Nachfolger entscheidende Vorteile brachten. Wenn Religionen helfen, das Überleben zu sichern, ist es schwer, sie als nutzlos abzutun. «Andererseits», so Wade, «dürfte Gläubige der Gedanke beängstigen, die Evolution habe den Verstand so geformt, dass er an Götter glaubt.» Die tatsächliche Existenz göttlicher Wesen scheint dadurch weniger wahrscheinlich.

Doch die evolutionäre Deutung der Religion ist für keine der beiden Seiten eine wirkliche Bedrohung. «Dass die natürliche Selektion religiöses Verhalten begünstigte, beweist weder die Existenz noch die Nichtexistenz von Göttern», schreibt Wade. «Wenn Gläubige akzeptieren, dass die Evolution den Körper erschaffen hat, weshalb dann nicht auch den Verstand?» Die Evolution habe lediglich eine genetische Veranlagung für religiöse Handlungen bereitgestellt. Ähnlich wie bei der Sprachfähigkeit des Menschen sei es dann die Kultur, die den konkreten Inhalt der Tätigkeit bestimme, nicht die Gene.

Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern über die Religiosität des Menschen nimmt «The Faith Instinct» nicht einen einzigen Blickwinkel auf das Phänomen ein: Wade verwebt Erkenntnisse der Evolutionsbiologie, der Genetik, der Psychologie, der Philosophie und der Soziologie, um seine Ansichten zu untermauern.

Am Anfang aller Religionen, so vermutet Wade, standen Rhythmus und Musik: Archaische Verbünde von Jägern und Sammlern verfügten über so genannte Tanzarenen. Eine dieser Kultstätten, an denen sich unsere Vorfahren vor Jahrtausenden gemeinschaftlich in Trance tanzten, fanden Wissenschafter im Oaxacatal in Mexiko.

«Die rituellen Handlungen in Tanzarenen haben das Gruppengefühl gestärkt», schreibt Wade. «Vor 50 000 Jahren lebten Menschen in kleinen, egalitären Gruppen ohne Anführer. Die Religion diente ihnen als unsichtbare Regierung.» Die Furcht vor zornigen Gottheiten habe die Menschen dazu gebracht, die Interessen der Gemeinschaft über die eigenen zu stellen – auch in blutigen Kämpfen gegen verfeindete Clans. Die evolutive Folge: Gruppen mit Gottheiten im Rücken setzten sich gegen solche ohne Religion durch, und die Gene für den Gottesglauben verbreiteten sich weltweit.

Obwohl der Glaube längst keinen Selektionsvorteil mehr verspricht, ist Wade überzeugt, dass Religionen nie ganz verschwinden werden – zu sehr ist der Glaubensinstinkt in uns verankert. Dafür hofft er auf eine entspanntere Beziehung zwischen Atheisten und Gläubigen. Oft würden Religionen für ihre gewalttätigen Exzesse verurteilt, so Wade. «Wenn wir aber einen Glaubensinstinkt zur Stärkung der Gruppe annehmen, ist es nicht die Religion, sondern es sind die Gesellschaft und ihre Anführer, die diese Gruppe Gutes oder Verwerfliches vollbringen lassen.»

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