Das von vielen erwartete Facebook-Handy blieb Mark Zuckerberg zwar schuldig. Doch in den USA können Facebook-Nutzer mit einem iPhone seit Donnerstag untereinander mit der App Facebook-Messenger gratis telefonieren. Das funktioniert ähnlich wie mit Skype oder dem Apple-Dienst Facetime.

Immer mehr Menschen kommunizieren und surfen mehrheitlich mit Smartphones und Tablets. Die Strategie von Facebook ist deshalb klar: Das soziale Netzwerk, das für stationäre Computer entwickelt worden ist, soll im mobilen Internet präsenter werden. Hier entscheidet sich die Zukunft des Konzerns – doch hier droht Facebook unerwartete Konkurrenz: vom chinesischen Dienst Weixin.

Anders als Facebook wurde das soziale Netzwerk Weixin von Grund auf fürs Smartphone konzipiert. Die Applikation wurde 2011 in China lanciert und expandierte im Frühjahr 2012 unter dem Namen WeChat ins Ausland. Diese Woche vermeldete der Dienst, die Marke von 300 Millionen Nutzern geknackt zu haben – dafür brauchte Facebook seinerzeit fast sechs Jahre.

Hinter Weixin steckt der chinesische Internet-Gigant Tencent. Ma Huateng, auch Pony Ma genannt, gründete das Unternehmen 1998 und entwickelte das Instant-Messaging-Netzwerk Tensent QQ. QQ feierte phänomenale Erfolge: Innerhalb eines Jahres verbanden sich auf dem Facebook-ähnlichen Netzwerk 5 Millionen Nutzer. Weltweit haben heute über 800 Millionen Menschen ein QQ-Profil.
Zusammen mit weiteren Diensten wie dem Twitter-ähnlichen Mikroblogging-Dienst Tencent Weibo erreicht das Unternehmen eine derzeitige Börsenkapitalisierung von 60,5 Milliarden US-Dollar und liegt damit nur knapp hinter Facebook mit 64,7 Milliarden US-Dollar.

Doch die wichtigste Applikation für Tencent – daraus macht der Konzern kein Geheimnis – ist Weixin. Im Kern ist Weixin eine Messenger-Applikation fürs Handy, mit dem sich Kurznachrichten verschicken lassen, ähnlich wie das hierzulande populäre Programm Whats App. Darüber hinaus verfügt Weixin aber über diverse Zusatzfunktionen: Es können wie auf Facebook Statusmeldungen gepostet werden. Man kann Fotos knipsen und mit Filtereffekten unterlegen wie bei Instagram. Zudem sieht man, welche Nutzer sich in der Nähe befinden, sodass man sie direkt anschreiben kann. In China soll so schon manche Romanze ihren Anfang genommen haben.

Und was Facebook jetzt lanciert, hat Weixin schon lange: Es lässt sich mit dem Programm auch gratis telefonieren. All die Funktionen, die man bereits von anderen Diensten kennt, bündelt Weixin zu einer einzigen App. Gut möglich, dass Weixin damit zum ersten chinesischen Internetphänomen wird, das die ganze Welt erobert. In der im Westen erhältlichen Version WeChat fehlen aber noch einige Funktionen. Liefert Tencent diese nach, könnte WeChat hierzulande zu dem werden, was die App jetzt schon für viele in China ist: das bessere Facebook.

Zahlreiche Technik-Blogs prophezeien Weixin eine glorreiche Zukunft im Westen. Weixin (bzw. WeChat) ist nicht das einzige chinesische soziale Netzwerk auf Expansionskurs. Auch Sina Weibo, ein chinesischer Mikroblogging-Dienst im Stile von Twitter, wirbt um die Gunst der ausländischen Nutzer. Seit kurzem gibt es den Dienst in einer englischen Sprachversion. Das dürfte auch den westlichen Firmen zugutekommen, die Sina Weibo bereits als Werbeinstrument für den chinesischen Markt entdeckt haben. Etwa Starbucks oder Nike. Unter den 400 Millionen Mitglieder von Sina Weibo sind auch bereits die ersten westlichen Stars anzutreffen. Brad Pitt ist dabei und Snoop Dogg auch.

Sina Weibo wurde 2009 gegründet, nachdem die chinesische Regierung zuvor Twitter und Facebook abgeschaltet hatte. Dank Sina Weibo lernen viele Chinesen zum ersten Mal freie Meinungsäusserung kennen. Zwar überwacht und zensiert die chinesische Regierung die Kommunikation – doch ein soziales Netzwerk von 400 Millionen Nutzern können auch Hunderte von Zensoren nicht «sauber» halten.

Zensur, das gibts auch auf Weixin: Letzte Woche wurde publik, dass, wer gewisse Begriffe auf Weixin verwenden wollte, eine Fehlermeldung erhielt. Die Fehlermeldung beschränkte sich nicht nur auf China, sondern die Nutzer wurden weltweit auf «unerlaubte Worte» hingewiesen.

Sollten sich die chinesischen sozialen Netzwerke wie Weixin im Westen verbreiten, dann wäre das nicht nur ein neues Internetphänomen, es hätte auch ungeahnte Konsequenzen. Denn plötzlich würde ein Riesenschatz von persönlichen Daten von Westlern auf den Servern eines Landes liegen, das die eigene Gesellschaft systematisch bespitzelt und in Verruf steht, im Ausland Cyberspionage zu betreiben.

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