Sorgen ums Geschäft? Oder um die Funktion des Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft?
In erster Linie um die Demokratie. Online ist die Refinanzierung von aufwändigem Journalismus nicht sichergestellt. Und Journalismus ist absolut essenziell für eine demokratische Gesellschaft. Die Politik beginnt das zu begreifen, und die Wirtschaft tut zumindest so, als würde sies begreifen. Tatsache ist: Niemand weiss, wer in 10 oder 15 Jahren Recherchen finanziert.

Nicht mehr die Werbung?
Auf dem Smartphone können Sie Display-Werbung vergessen. In den Zeitungen stören ganzseitige Anzeigen niemanden. Im Gegenteil. Es ist das perfekte Modell, doch die Anzeigen gehen laufend zurück. Und Online – da will jeder die Pop-ups so schnell wie möglich von seinem Display haben. Aber es macht wenig Sinn, das zu beklagen.

Werden Stiftungen einspringen müssen?
Stiftungsfinanzierten Journalismus halte ich für keine gute Lösung. Journalismus, den sich nur noch Mäzene leisten, verliert die Verankerung in der Gesellschaft.

Sie verdienen viel Geld mit kommerziellen Plattformen. Damit könnten Sie locker guten Journalismus querfinanzieren. Warum leisten Sie sich keine publizistische Plattform, die kein Geld verdient?
Früher haben Kleinanzeigen die Zeitungen querfinanziert. Vielleicht kehren wir zu diesem Modell zurück. Mein Wunschszenario ist das nicht. Es geht nicht nur um Demokratie und Gesellschaft. Es geht auch um die Ausstrahlung der Firma. Sollen wir nur noch Kleinanzeigen verkaufen? Fashion Nights organisieren? Wenn wir keinen Journalismus mehr verkaufen können, sind wir auch nicht mehr die gleiche Firma.

CS-Präsident Urs Rohner sagte über Tamedia: "Ohne den Tages-Anzeiger würde der Konzern für nichts mehr stehen".
Die Publikationen sind Teil der Seele. Wir sind gottseidank noch nicht soweit, dass wir uns diese Gedanken machen müssen. Aber ich schliesse nichts aus.

Sie machen sich also doch auch Sorgen ums Geschäft?
Ich mache mir Gedanken. Auch darüber, ob der Journalismus in den richtigen Händen bleibt. Unsere Freunde da drüben (zeigt zur NZZ) wären eine wunderbare Beute, für wen auch immer. Und sie ist immer noch eine der wichtigen und grossen Stimmen in der Schweiz und für die Schweiz. Wenn es die NZZ nicht mehr gibt oder wenn sie in die falschen Hände fällt, fehlt diesem Land etwas.

Wenn die NZZ den liberalen Pfad verlässt?
Zum Beispiel. Wir haben schon eine „Weltwoche“, wir brauchen sie nicht noch als Tageszeitung. Das rechtspopulistische Journalistenmodell funktioniert wirtschaftlich zum Glück nur selten.

Muss es das, wenn es ein politisches Projekt ist?
Sie müssen eine Mehrheit der Menschen erreichen mit Medien. Das funktioniert nicht mit einem politischen Konzept. Es wäre geschäftlich völlig idiotisch. Früher konnte man sich das vielleicht noch leisten, heute nicht mehr. Es gibt eine Wochenzeitschrift, die das versucht. Und sie ist am Lesermarkt nicht wahnsinnig erfolgreich.

Auch die „Basler Zeitung“ dürfte trotz Leserrückgang kaum je existenzielle Geldsorgen haben.
Das mag sein. Aber man muss auch sagen, dass Markus Somm keine „Weltwoche“ macht, sondern eine durchaus interessante Zeitung. Und wenn er nicht gerade über den Einfluss von Werbung auf die Redaktionen redet, ist er ein gescheiter Kopf und ein hervorragender Journalist.

Warum investieren Sie nicht in journalistische Start-ups?
Wir sind ein Haus mit einer sozialen Verantwortung. Wir zahlen ganz andere Gehälter als Start-ups. Wir können auch nicht das Ringier-Logo auf einer Garage anbringen. Ringier muss Minimalstandards einhalten, mit dem Namen Ringier gehts nicht drunter.

Wie lange sind „Blick“ und „SonntagsBlick“ noch selbsttragend?
Wenn wir jedes Jahr 5 bis 6 Prozent der Anzeigen verlieren, wird es irgendwann eng. Da sind wir im kleinen Schweizer Markt in einer besonders schwierigen Situation. In Deutschland ist es vielleicht etwas einfacher, auch weil es dort keine Gratiszeitungen gibt.

Von der Idee einer Paywall, wie sie die deutsche „Bild“-Zeitung hat, ist der „Blick“ abgekommen.
Wie sollen wir „Blick“-Inhalte verkaufen, wenn „20 Minuten“ und andere ähnliche Inhalte gratis anbieten? So lange das so ist, wird sich an dieser Situation nichts ändern.

Was also tun?
Unsere Inhalte müssen besser werden. Wir müssen exklusiver werden, das ist der Schlüssel. Jede noch so kleine Meldung im „Blick“ sollte exklusiv sein. Das ist natürlich nicht möglich, aber es sollte das Ziel sein, damit man zumindest die Hälfte davon erreicht.

Was heisst exklusiv für Sie?
Exklusiv heisst, eine Idee zu haben, Geschichten eine Wendung geben. Jede Redaktion muss heute eine Denkfabrik sein. Nur muss man, um denken zu können, auch etwas wissen.

Fehlt es Journalisten am Wissen?
Ich hoffe, dass nie jemand ausgräbt, was ich als Journalist vor 35 Jahren im „Stern“ geschrieben habe (lacht). Die Anforderungen an Journalisten sind enorm gestiegen. Früher war das ein relativ bequemer Job mit guten Löhnen. Heute ist es ein anstrengender Beruf, und finanziell sieht es auch nicht so rosig aus. Der finanzielle Druck auf die Journalisten ist immens.

Finden Sie heute noch genügend qualifizierte Journalistinnen und Journalisten?
Das intellektuelle Potenzial ist vorhanden in den Redaktionen, aber es braucht mehr. Es ist die einzige Chance, die wir haben. Mehr Boulevard als das Internet kann keine Zeitung machen. Deshalb müssen wir Zusammenhänge aufzeigen, die Welt erklären. Und deshalb ist der „Blick“ wieder wesentlich politischer als auch schon. Alles ist politisch heute. Denken Sie nur an die Migrationskrise. Deshalb kann man nicht mehr mit der Boulevard-Definition aus den 80er, 90er-Jahren arbeiten.

Wie definieren Sie Boulevard heute?
Boulevard ist das Leben. In der Medienproduktion ist es nicht Inhalt, sondern nur die Form. Das ist der grosse Fehler, den wir gemacht haben bei der Definition von Boulevard: dass wir Themen ausgeschlossen haben. Literatur – Boulevard pur! Da geht es um Liebe, Sex, Tod, Geld, um alles. Grossartigste Schriftsteller haben sich damit beschäftigt, auf einem Niveau, das wir meistens nicht bieten können. Aber das ist auch schwieriger auf 30 Zeilen.

Hat der „Blick“, dessen Auflage stark geschrumpft ist, überhaupt noch die Kraft, um politisch Einfluss zu haben?
Der „Blick“ ist immer noch die einflussreichste Zeitung – wenn er die richtigen Geschichten hat. Der Wettbewerb ist natürlich gross, vor allem am Sonntag. Am Sonntag wird aber leider auch zu viel aufgeblasen. Man kann nur aufblasen, was in den Augen des Publikums auch aufblasbar ist. Das ist am Sonntag leider oft missbraucht worden. Von fast allen, von uns noch am wenigsten.

Von Ihnen noch am Wenigsten? Der „SonntagsBlick“ ist offiziell die einzige Boulevardzeitung am Sonntag. Skandalisierung wäre sein Geschäft.
Dieses Geschäft wurde uns aus der Hand genommen. Im Internet wird dauerskandalisiert. Die Skandalnudel-Rolle, die wir mal spielen konnten, gibts für uns heute nicht mehr. Wir müssen mit guten, nachvollziehbaren und relevanten Geschichten kommen. Die Skandalisierung von allem und jedem wertet den Skandal ab. Wenn der SBB-Chef zum Abzocker wird, frage ich mich: was soll das?

Im Unterschied zu Medienkritikern könnten Sie als Verleger nicht nur kritisieren, sondern selbst etwas tun, dass der Journalismus besser wird. Warum tun Sie das nicht?
Machen wir ja. Der „Blick“ hat sehr viel gelernt. Natürlich sitzen sie jeden Tag vor einer grossen leeren Frontseite. Dass wir da nicht in die Skandal-Falle tappen, darüber haben wir oft geredet und reden auch heute noch oft.

Im Unternehmensmagazin äusserten sich CEO Marc Walder und Sie kürzlich sehr kritisch über den „Blick“: politisch irrelevant, purer Empörungsjournalismus, „Fasnacht“ statt wichtige Themen.
Wir diskutieren solche Fragen intern. Ich bin ein Verleger, der sich einmischt, sonst braucht es mich nicht mehr. Dass Redaktionen komplett unabhängig sind, ist der dümmste Satz, den man sagen kann – ich habe ihn nie gesagt. Dabei geht's vor allem ums Handwerk, nicht um Politik.

Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument und Markus Somm stellten soeben die Unabhängigkeit der Redaktionen von Werbekunden öffentlich in Frage.
Diese Äusserungen bestärken mich darin, dass es höchste Zeit war, den Verband zu verlassen.

Weil Lebruments und Somms Aussagen zu ehrlich waren? Oder falsch?
Was sie gesagt haben, ist doch nichts Neues. Es gab immer ein Spannungsfeld zwischen Redaktion und Anzeigenkunden. Manchmal haben wir Fehler gemacht, dann haben wir korrigiert. Manchmal verbittet man sich Einflussversuche und erhält keine Anzeigen mehr. Das war immer so.

Sie stellen Ringier dar, als wären ausgerechnet die „Blick“-Titel die letzte Insel für seriösen Journalismus und unabhängige Redaktionen. Wie passt das zur Beilage einer japanischen Automarke, die aussieht wie der „Blick“?
Der Autosalon ist ein wichtiges Ereignis. Was sollen wir dann zeigen? Weihnachtsbäume? Ich kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Publireportagen gibts schon seit 20 Jahren.

Wie unabhängig können Ihre Redaktionen noch über SRG oder Swisscom schreiben, seit Ringier mit diesen beiden Firmen die Werbevermarktungsfirma Admeira betreibt?
Fragen Sie die Journalisten bei der SRG, ob sie Nähe spüren.

Kann der „Blick“ noch den Lohn des Swisscom-CEO kritisieren?
Sicher. Aber es muss gerechtfertigt sein. Man darf nicht den Lohn des Swisscom-Chefs mit dem Lohn eines Bundesrats vergleichen. Für solche Vergleiche fehlt mir das Verständnis. Der Swisscom-CEO kann überall mehr Geld verdienen.

Wie der Tamedia-CEO mit seinen 6 Millionen Franken Salär und Bonus?
Ich mische mich nicht in die Gehälter anderer Verlage ein. Ich hätte aber nicht das geringste Problem damit, jemandem eine solche Summe zu bezahlen, der Ausserordentliches leistet.

Das Problem an Admeira ist, dass Sie mit zwei Staatsbetrieben zusammengehen.
Die Swisscom ist eine börsenkotierte Firma, mehrheitlich in Besitz des Bundes - und ob das noch lange so ist, werden wir sehen. Es geht doch um etwas völlig anderes: Der digitale Werbekuchen ist eine Milliarde Franken gross. 55 Prozent gehen ins Ausland via Google und Facebook. Uns bleiben noch 45 Prozent. Davon müssen wir etwas zurückholen.

Daran glauben Sie?
Ja, das ist möglich. Wir holen etwas zurück, für alle.

Was heisst für alle?
Für alle, die sich beteiligen.

Dafür sind sie offen?
Ich schliesse das nicht aus. Alle Verlage werden wir aber nicht beteiligen können.

Und wer nicht beteiligt wird, wird benachteiligt? Die Eigentümer werden sich kaum selber konkurrenzieren.
Genau das tun wir doch. Wenn Admeira einem grossen Kunden empfiehlt, alles in Fernsehwerbung zu investieren, gehen unsere Zeitungen leer aus. Darum geht es nicht. Sondern darum, dass Daten der einzige Weg sind, um Werbung zu generieren. Wenn es uns nicht gelingt, in dieses Geschäft vorzudringen, können wir den Laden dichtmachen.

Kann Admeira juristisch noch gestoppt werden?
Ich wüsste nicht, was uns noch bremsen könnte. Das Projekt kann nicht mehr gebremst werden, nur noch verzögert. Und wer jetzt noch dagegen kämpft, wird sich nicht mehr ohne Gesichtsverlust anschliessen können.

Admeira führte zum Bruch mit dem Verband Schweizer Medien. Kommt für Ringier eine Rückkehr in Frage?
Was sollen wir dort? Der Verband hat keine Daseinsberechtigung mehr, solange ein Teil der Medienrealität ausgesperrt ist. Wir müssen die neuen Player an Bord holen. Einen Täubeli-Verein braucht niemand.

Ringier ist auch in Osteuropa tätig. Spüren Sie dort politischen Druck auf ihre Medien?
Wir kamen bisher relativ glimpflich davon. In Ungarn und Polen haben die neuen Regierungen die Staatsaufträge sofort zurückgefahren und die meisten Inserate gestrichen. Wir sind froh, dass wir Springer als unseren Partner an der Seite haben. Wenn Deutschlands Kanzlerin Merkel Ungarns Präsident Viktor Orban anruft, bringt das mehr als ein Anruf des Schweizer Aussenministers. Wir hoffen stark, dass in Polen eine zivile Gegenbewegung entsteht. In Ungarn ist das nicht passiert. Keine gute Entwicklung.

Was ist Ihre rote Linie bei Zensur – wann verlassen Sie ein Land?
Von Zensur haben wir bisher keine Kenntnis. Dass Journalisten vorsichtig werden und sich selber zensieren, ist nie ausgeschlossen. In Afrika zum Beispiel achten wir darauf, dass wir nicht extrem exponiert sind und keine politischen Plattformen betreiben, sondern auf Sport und Entertainment fokussieren. Solange das Umfeld so instabil wie dort ist, können wir keinen politischen Journalismus machen. Wir sind nicht Robin Hood. Diesen Kampf müssen die Menschen vor Ort führen.

Verkäufe von Schweizer Firmen ins Ausland häufen sich. Könnte das auch mit Ringier geschehen?
Nein, das ist nicht geplant. Wir wollen ein Familienunternehmen bleiben.

Sie sind 67. Wie geht es in der Verlegerfamilie Ringier weiter?
Ich habe Nachfolger, wenn Sie das meinen.

Gehört CEO Marc Walder auch zur Familie?
Ja. Wir sind Waldier (lacht).

Ist denkbar, dass er Verleger wird?
Sie werden nicht erwarten, dass ich darauf eine Antwort gebe. Klar ist, dass Ringier die einzige Firma bleiben muss, für die Marc je gearbeitet hat.

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