Von Renzo Ruf aus Washington

Die Episode ist in Vergessenheit geraten, aber im Herbst 2009 erklärte schon einmal ein Präsident einem Nachrichtensender den Krieg. Damals handelte es sich um Fox News, der zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehört und aufgrund seines konservativen Einschlags von der allerersten Minute an auf Kriegsfuss mit der Regierung von Präsident Barack Obama stand.

Nach einigen Monaten platzte hochrangigen Beratern des Demokraten der Kragen. Fox News sei «kein legitimes Medium», verkündeten sie und beschlossen, den Sender von einem Routine-Interview mit einem Regierungsberater auszuschliessen. Doch überraschenderweise schlugen sich die Konkurrenten CNN, NBC, ABC und CBS auf die Seite des Nachrichtensenders und drohten ihrerseits mit einem Boykott. Das Weisse Haus krebste zurück.

Die Episode ist der Erinnerung wert, weil sich nun wieder ein Präsident anschickt, einen Nachrichtensender zum Feind zu erklären. Dieses Mal ist es CNN, ein Nachrichtenkanal ohne klares Profil, der von rechten Amerikanern aber häufig «Clinton News Network» genannt wird, als sei er ein Propagandakanal der Demokraten. Der Sender weckte diese Woche den Zorn des Republikaners Donald Trump, der am kommenden Freitag ins Weisse Haus einziehen wird.

Der Anlass: Die Berichterstattung von CNN über ein Dossier, das im Wahlkampf 2016 angefertigt wurde und saftige Details über die angeblichen Verbindungen Trumps und seines Umfelds zu den russischen Machthabern enthält. Der Nachrichtensender berichtete am Dienstagabend als erstes Medium, dass eine Zusammenfassung dieses Dossiers in ein Geheimdienst-Briefing integriert worden sei, an dem Präsident Barack Obama und sein designierter Nachfolger über russische Einmischungsversuche in den Wahlkampf informiert wurden.

Auf den Inhalt des 35 Seiten umfassenden Dossiers – und auf die Behauptung, dass der künftige US-Präsident von den Russen bei Sex-Spielen in Moskau gefilmt oder fotografiert worden sei – ging CNN dabei nicht ein, weil er sich nicht überprüfen liess.

Angeblich ermittelt die Bundespolizei FBI, ob die Behauptungen zutreffen. Auch will der Geheimdienstausschuss des Senats einen Blick auf die persönlichen Beziehungen zwischen Kreml-Angestellten und Trump-Beratern werfen. Das Internet-Portal Buzzfeed nahm die Berichterstattung des Nachrichtensenders aber zum Anlass, um das Papier in seiner ganzen Länge online zu publizieren.

Die Begründung für den radikalen Schritt: Die amerikanische Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, mit eigenen Augen zu sehen, was informierte Kreise in Washington schon lange wüssten.

Behauptung ohne Beweise
Dann begann das Hauen und Stechen. Trump griff die Geheimdienste an, weil er sie verdächtigte, das Dossier den Medien übergeben zu haben. Dann wetterte er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter gegen CNN, weil der Sender Falschmeldungen verbreite. Einen Beweis für die Behauptung lieferte er nicht.

Der Höhepunkt aber war seine Pressekonferenz am Mittwoch, an der CNN-Korrespondent Jim Acosta ihm eine Frage stellen wollte – und von Trump abgekanzelt wurde. Der Wortwechsel in der Lobby des Trump Tower in New York dauerte 30 Sekunden und endete damit, dass Trump dem Journalisten sagte: «You are fake news.»

Interessant war, was anschliessend geschah. CNN veröffentlichte eine Stellungnahme, in der sich der Sender deutlich von Buzzfeed distanzierte, als würde dies Trump zufriedenstellen. Gleichzeitig lieferten sich Acosta und Sean Spicer, der künftige Sprecher des Weissen Hauses, im Trump Tower ein Scharmützel. Spicer drohte Acosta, er werde ihn aus der nächsten Pressekonferenz werfen lassen, falls er sich noch einmal so aufführe. Acosta wollte auf Anfrage keine Stellung zu der Episode nehmen, verteidigte auf CNN aber seinen Sender klar.

Erst nach diesem Wortwechsel sahen sich einige hochrangige Medienschaffende veranlasst, Partei für den CNN-Journalisten zu ergreifen – nachdem sie an der Pressekonferenz betreten geschwiegen hatten. Seither zerbrechen sich Kolumnisten den Kopf darüber, wie die Presse künftig mit Trump umspringen soll.

Jim Rutenberg, der für die «New York Times» schreibt, nannte den künftigen Präsidenten einen «meisterhaften Manipulator der Presse» und die Medien müssten seine Machenschaften geeint bekämpfen.

Der Journalismus-Professor Jay Rosen wies Rutenbergs These zurück: Tatsache sei, dass Trump keine Scham kenne. Mit den Mitteln der amerikanischen Presse sei ihm deshalb nicht beizukommen.

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