Zweimal in Serie attackierte die «Weltwoche» Res Strehle, den Chefredaktor des «Tages-Anzeigers». Zuerst unter der Schlagzeile «Der ‹Tagi›-Chefredaktor und die Terroristen›.» Dann schrieb die Zeitschrift über «Die befremdlichen Schriften des Dr. oec. HSG Res Strehle». In beiden Fällen warf die «Weltwoche» Strehle Nähe zum Links-Extremismus vor.

Was an der Attacke irritiert, ist der Zeitpunkt. Von Zufall spricht man in den höchsten Etagen der Tamedia. Es gehe um eine Abrechnung von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli mit Strehle, erklärt ein Verlagsmann. Ein zweiter hält fest: «‹Weltwoche›-Verleger Roger Köppel und Strehle haben sich auseinandergelebt.» Zufall? Kenner von Blocher sehen das anders.

In zwei Wochen tritt ein Deal zwischen Christoph Blochers «Basler Zeitung» (BaZ) und der Tamedia in Kraft: Die «Basler Zeitung» vertreibt in Basel die «SonntagsZeitung» (SoZ) für den Dumpingpreis von 18 Franken pro Jahr. Für diesen Deal hatten sich auch die AZ Medien beworben, die den «Sonntag» herausgeben; Blocher verlangte von den AZ Medien aber weitgehende unternehmerische Konzessionen. Von der BaZ angefragt worden war auch die «NZZ am Sonntag». Der NZZ-Verlag wollte jedoch keinen Dumpingpreis gewähren.
Weshalb ging Blocher eine so weit gehende Kooperation ausgerechnet mit der Tamedia ein, mit der er politisch auf Kriegsfuss steht? Und vor allem: Welchen Preis zahlte die Tamedia dafür? Was für Konzessionen machte sie?

Es gehe um rein wirtschaftliche Überlegungen, heisst es bei Tamedia. Blocher habe die BaZ unbedingt im für die kriselnde Zeitung überlebenswichtigen Anzeigenkombi Metropool halten wollen. Dieses vereint die Tageszeitungen BaZ, «Berner Zeitung»/«Bund» und «Tages-Anzeiger» auf dem Inseratemarkt. Für die Tamedia wiederum sei die Präsenz in Basel wichtig wegen der Chemie- und Pharmaindustrie.

Kreise, die Blocher nahe stehen, behaupten allerdings, hinter dem Deal stecke mehr. Sie deuten an, Tamedia-Verwaltungsrats-Präsident Pietro Supino solle Blocher in einem Vier-Augen-Gespräch mündlich zugesichert haben, die Tamedia werde ihn und die SVP künftig ausgewogener thematisieren.

Ein solches Eingeständnis wird in Tamedia-Kreisen entschieden bestritten: «Supino und Blocher sind inkompatibel», sagt einer. Auch «Tagi»-Journalisten halten es für «absurd»: «Blocher hat null Einfluss.» Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer sagt: «Die redaktionelle Ausrichtung ist Sache der Chefredaktionen. Sie entscheiden unabhängig.» Ein Blocher-Vertrauter sagt jedoch: «Einflussnahme erfolgt sicher nicht über den Chefredaktor. Es gibt andere Wege.»

Was im Umfeld Blochers als «sicher» gilt: Es sei ein zentrales strategisches Ziel des SVP-Nationalrats, im Grossraum Zürich publizistisch Einfluss zu gewinnen – «und den ‹Tages-Anzeiger› von seinem Linkskurs abzubringen, der sich in den letzten zwei Jahren akzentuiert hat». Die Beziehungen zwischen Supino und Blocher hätten sich dank des Basler Deals «mit Bestimmtheit verbessert».

Seit geraumer Zeit bietet ein Kreis von Blocher-Vertrauten immer mit, wenn im Grossraum Zürich Zeitungen wie die «Zürichsee-Zeitung» und der «Zürcher Unterländer» zu erwerben sind. Auch Tele Züri wollte Blocher haben. Zum Kreis gehören unter anderen SVP-Vizepräsident Walter Frey und der Zürcher SVP-Politiker Thomas Matter. Frey gibt mit der Lokalinfo AG in der Stadt Zürich und an der Zürcher Goldküste mehrere Gratis-Anzeiger heraus. Und die SVP des Kantons Zürich leistet sich den «Zürcher Boten».

Das Unbehagen in der SVP gegenüber den Medien ist inzwischen derart gross, dass sie einen Parteitag zur Medienpolitik in der Schweiz plant, wie Recherchen zeigen. Und SVP-Präsident Toni Brunner hält am 9. März ein Zukunftsseminar ab unter dem Thema «Die schweizerische Medienlandschaft heute und morgen – und wir?» Gastreferent: Rolf Bollmann, Mitbegründer von «20 Minuten» (Tamedia) und CEO der Basler Zeitung Medien. Brunner kritisiert vor allem die Tagesmedien: «Wenn durch sie keine normale Behandlung möglich ist, müssen wir eben andere Wege gehen.» Einer ist das «Extrablatt», das sporadisch in alle Haushaltungen versandt wird. Brunner: «Es wird weiterhin erscheinen.»

Dass eigene Kanäle die Präsenz in unabhängigen Printmedien nicht ersetzen, weiss aber niemand besser als Blocher. Bei der NZZ, seinem ursprünglichen Lieblingsblatt, sind sämtliche Bemühungen um Einfluss chancenlos geblieben. Wer als SVP-Politiker NZZ-Aktien erwerbe, erhalte Probleme, heisst es in SVP-Kreisen gar.

So hat er, darauf deutet vieles hin, den «Tages-Anzeiger» ins Visier genommen. «Von ihm geht eine Antipathie aus gegen uns», sagt auch Toni Brunner.

Für diese wird im Wesentlichen Strehle verantwortlich gemacht. Nach Peter Hartmeier, der den «Tagi» als Chefredaktor in die Mitte zu positionieren versuchte, sei er unter Strehle wieder stark nach links gerückt, sagen SVP-Politiker. Und nun sei auch noch der bürgerliche Co-Chefredaktor Markus Eisenhut weg, klagen sie. Das Timing der «Weltwoche»-Attacke, die Strehle destabilisieren soll, könnte auch mit Eisenhuts Abgang zusammenhängen.

In der Tamedia betrachtet man die «Weltwoche»-Artikel «als Kampagne», wie Verlagssprecher Zimmer sagt. «Wir haben keinen Grund, an Res Strehles Arbeit und Position zu zweifeln.»

Sekundiert wird die «Kampagne» von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli via Twitter. «Wie lange hält die börsenkotierte TA-Media Spitzenmanager Strehle?», fragte Mörgeli am Donnerstag. Schon früher schoss er sich auf Strehle ein. Am 22. September 2011 bezeichnete er ihn in seiner «Weltwoche»-Kolumne als «Vordenker der hiesigen Sekte der Marxisten», nachdem dieser den Artikel «Wo Karl Marx recht hatte» veröffentlicht hatte.

Und am 23. August 2012 dankte Mörgeli ironisch «Res Strehle und Constantin Seibt für ihre mutigen Attacken im ‹Tages-Anzeiger› gegen unsere Banken». Es sind Strehle und Seibt, deren Artikel der SVP schwer aufliegen. So schwer, dass Mörgeli heute gar sagt: «Ich fordere eine Historiker-Kommission zu den Beziehungen von Schweizern zum Ostblock, zu kommunistischen Organisationen und zu linksextremen Terrorgruppierungen wie RAF und Brigate Rosse.»

Eine grosse Frage aber stellt sich: Ist es Blocher selbst, der sowohl via Basler Sonntagsdeal als auch via «Weltwoche»-Attacken den «Tagi» vom linken Kurs abzubringen versucht? Gewisse Ängste, dass Blocher Einfluss bekommen könnte, scheinen in der Tamedia-Spitze zu existieren. Als ihr damaliges Geschäftsleitungs-Mitglied Bollmann Chef der BaZ-Gruppe wurde, insistierte sie, dass er bei Tamedia für die Ziegler Druck- und Verlags-AG verantwortlich bleibt. Damit Bollmann, der Blocher auch politisch sehr nahe steht, nicht plötzlich zum «Unterseeboot Blochers in die Tamedia» wird, wie Kenner sagen. Durch die Einbindung bei Ziegler, so die Überlegung, bleibe er gegenüber Tamedia weiter zur Loyalität verpflichtet. Weder Blocher noch Bollmann reagierten auf wiederholte Anfragen des «Sonntags».

In der SVP freut man sich über die Attacken der «Weltwoche» und glaubt, ein erstes Ziel bereits erreicht zu haben: Res Strehle, als «Linksextremer» gebrandmarkt und mit Polizeifoto an den Pranger gestellt, könne nun nicht mehr pointiert links kommentieren. Seine Glaubwürdigkeit sei angekratzt. «Ihm sind nun», sagt ein Politiker, «die Hände gebunden.»

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