Wer durch die Twitter-Kurznachrichten von Wolfgang Büchner scrollt, merkt, wofür der 49-jährige Ex-Chefredaktor des «Spiegels» stehen will: Digitalisierung. Fortschritt. Wer in den letzten Jahren die deutsche Branchenpresse gelesen hat, weiss, wofür Büchner auch steht: Reorganisation. Streit.

Wolfgang Büchner ist der neue starke Mann in der «Blick»-Gruppe. Und das bedeutet: Der grössten Schweizer Tageszeitung stehen turbulente Zeiten bevor. Das ist der Redaktion spätestens seit vorletzter Woche klar. An einem Donnerstag rief der neue «Blick»-Gruppen-Geschäftsführer eine Vollversammlung ein und informierte über seine Stossrichtung. Sie lautet: Online, mobil, digital. Mehr, besser, und zwar sofort.

Büchner hat Erfahrung darin, Redaktionen auf Konvergenz zu trimmen, wenn auch nicht die besten. Im September 2013 war er beim «Spiegel» angetreten, um die unabhängigen Teilbereiche «Spiegel-Online» und «Magazin» näher zusammenzuführen – und rieb sich in der Folge am erbitterten Widerstand der Print-Redaktion auf. Der Disput zwischen Chefredaktor Büchner und den Print-Journalisten, die den Verlag mitbesitzen, wurde teils in der Öffentlichkeit ausgetragen und kostete Büchner letztlich den Job. Beim «Blick» dürfte es einfacher werden, weil der Verlag nicht den Mitarbeitern gehört. Weniger weitgehend wird die Reorganisation aber nicht.

Büchners Plan sieht eine grundlegende Neustrukturierung der «Blick»-Gruppe vor, die aus den Titeln «Blick», «SonntagsBlick», «Blick-Online» und «Blick am Abend» besteht. Neu sollen im Newsroom alle Ressorts aller Titel einer zentralen Triage-Stelle untergeordnet werden, dem sogenannten Content-Desk. Der künftige Leiter dieser Organisationseinheit soll darüber entscheiden, welche Artikel in welcher Publikation erscheinen – und wird damit zum neuen starken Mann. Die Chefredaktoren würden durch diese neue Kaderstelle einen mächtigen Gegenspieler erhalten.

Wird «Blick am Abend» eingestellt?
Klar ist auch: Sowohl im Kader als auch bei der Redaktion wird es weniger Personal brauchen. Mehrere gut informierte Quellen gehen davon aus, dass die Bereiche «Blick am Abend» und «Blick-Online» von der Führungsstruktur zusammengelegt werden. Laut Ringier-Kommunikationschef Edi Estermann sei noch nichts entschieden. Er gehe davon aus, «dass jeder Titel auch in Zukunft einen Chefredaktor haben wird». Die Frage ist aber in Bezug auf den defizitären «Blick am Abend», ob auch jeder Titel eine Zukunft hat.

Büchners Tempo ist eindrücklich. Erst Anfang Juli hatte er seine Stelle angetreten. Schon zwei Wochen nach Stellenantritt stellte er einen Plan vor, an dem er gemäss Ringier-Sprecher Estermann massgeblich mitgewirkt hat. Büchner soll nun endlich umsetzen, was Ringier-CEO Marc Walder schon lange fordert. Walder gehört zur wachsenden Zahl von Medienmanagern, die regelmässig in die Traumwelt des Silicon-Valley pilgern, um sich von den neuen Ideen beseelen zu lassen.

Was Walder zurück in seiner Zürcher Realität antrifft, kann ihm nicht gefallen: Die «Blick»-Gruppe ist eine Baustelle. Angefangen beim gedruckten Flaggschiff «Blick». Dessen Hauptproblem umschrieb der Publizist Kurt W. Zimmermann in der «Basler Zeitung»: «Der Blick hat sein primäres Zielpublikum bei den heutigen Nichtlesern.» Die Boulevardzeitung komme aus Zeiten, als auch einfache Menschen bezahlte Zeitungen gelesen hätten. Doch die seien vorbei.

Darauf deuten auch die Verkaufszahlen. Sie sinken schneller als im Branchenschnitt. Innerhalb eines halben Jahres verlor der «Blick» diesen Frühling fast 20 000 Leser. Der «SonntagsBlick» gar 46 000. Und die Talfahrt geht weiter: Im ersten Halbjahr 2015 sind insbesondere Kiosk-Verkaufszahlen nochmals eingebrochen, wie es aus gut informierten Kreisen im Konzern heisst.

Mindestens so viel Sorgen dürfte Walder die Entwicklung im Digitalen bereiten: Gegenüber dem Branchenprimus «20 Minuten-Online» hat Blick verloren, insbesondere bei den Werbeeinnahmen. Branchen-Insider schätzen den Werbeumsatz bei «20 Minuten-Online» mehr als doppelt so hoch ein. Büchner liess bei seinen ersten Kontakten mit den Ringier-Journalisten durchblicken, dass er den journalistischen Kurs der Plattform ändern wolle. Die Seite sei ihm «zu trashig», er wolle einen «cooleren» Auftritt.

Und zwar rassig. Das Tempo bleibt hoch. Bereits im Februar 2016 soll die neue Strategie umgesetzt sein. Die ersten richtungweisenden Entscheide stehen in den kommenden Wochen an. Und dann wird sich herausstellen, ob Büchner beim «Blick» mehr Erfolg hat als beim «Spiegel». Via Twitter verbreitet der als freundlich und jovial geltende Büchner jedenfalls gute Stimmung. Er verschickte eine WEF-Studie zur Risikobereitschaft von Firmen in verschiedenen Ländern mit den Worten: «Ziemlich unerschrocken, die Unternehmer in der CH».

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