Die aufsehenerregende essayistische Schimpftirade des Schweizer Schriftstellers Lukas Bärfuss diese Woche auf dem Feuilleton-Auftakt der renommierten «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» – über weite Strecken war sie auch eine Medienkritik. Dass sich das Kulturmagazin «Du» für 60 000 Franken von potenten Geldgebern den Inhalt diktieren lässt – zuletzt von Kunstsammler Christoph Blocher und davor von der Robert-F.-Kennedy Stiftung, was selbst die «Basler Zeitung» in einer Replik als «schlimm für das ‹Du› und schade für den Schweizer Kulturjournalismus» bezeichnete –, brachte Bärfuss bereits in der Vorwoche an einem Journalistenanlass in Rage. In seinem Essay nahm Bärfuss neben der politisch rechten Publizistik bei «Weltwoche» und «Basler Zeitung» vor allem den «Tages-Anzeiger» ins Visier.

«Beim ‹Tages-Anzeiger› scheinen sie bisweilen nur noch verwirrt zu sein», so Bärfuss. «Das ist allerdings kein Wunder in einem Haus, das fünfzig Prozent des Geschäfts nicht mehr mit Journalismus, sondern mit Adresshandel und einem Internetauktionshaus verdient. Noch weniger erstaunlich ist es, wenn man weiss, dass in diesem Mischkonzern in den letzten Jahren eine gute Milliarde von den Redaktionen zu den Aktionären verschoben wurde.»

Dass der «Tages-Anzeiger» darauf mit einer säuerlichen Replik reagierte, ohne auch nur mit einer Zeile auf die Kritik am eigenen Titel einzugehen, und sich stattdessen in einer kleinkrämerischen Buchhaltung über Bärfuss’ angebliche Fehler erschöpfte, die darin gipfelte, eine «Zürcher Weltwoche» gebe es nicht – alles keine Überraschung. Auch auf Kritik des verstorbenen Soziologen Kurt Imhof, geäussert alljährlich bei der Präsentation des von seinem Forschungsinstitut «Öffentlichkeit und Gesellschaft» an der Universität Zürich herausgegebenen Monumentalwerks «Jahrbuch Qualität der Schweizer Medien», reagierten die Verantwortlichen an der Werdstrasse jeweils unsouverän bis gar nicht.

Dass Tamedia als reichweitestärkstes Medienhaus für ihr radikales Renditedenken kritisiert wird – auch das ist eigentlich keine Überraschung. Selbst im eigenen Haus kam es deswegen schon zu Aufständen – und einem Abschied mit Getöse, als der heutige «Watson»-Chefredaktor Hansi Voigt in einem Interview der «Schweiz am Sonntag» zur Tamedia in die Spalten diktierte: «Es scheint, als solle die Rendite in einer rasant umbrechenden Zeit die einzige Konstante sein. Leider wird das erwirtschaftete Geld nicht in bessere Inhalte oder neue Medienmodelle gesteckt, sondern eher für eine Art Dot-com-Bingo ausgegeben.»

Doch jetzt kann in der langen Reihe der Tamedia-Kritiker ein überraschender Neuzugang vermeldet werden: CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner.

in Der Blattkritik vom 18. September, die beim «Tages-Anzeiger» – wie bei vielen Medien üblich – regelmässig an externe Gäste vergeben wird, holte Rohner als ebensolcher externer Gast zu grundsätzlicher Kritik aus, wie «Schweiz am Sonntag»-Recherchen zeigen. Er sei erstaunt, dass der Tamedia-Verwaltungsrat den «Tages-Anzeiger» wie ein Renditeobjekt geführt haben wolle und der Konzern die Zeitung «nach gewöhnlichen Renditekriterien beurteilt». Eine derart «enge Sicht», so steht es im internen Protokoll seiner Blattkritik, «verbietet» sich seiner Ansicht nach. Der «Tages-Anzeiger» sei «das Flaggschiff des Konzerns» und eine Zeitung «auch ein ideelles Projekt». Rohner weiter: «Ohne den ‹Tages-Anzeiger› würde der Konzern für nichts mehr stehen».

Nicht protokolliert, aber überliefert zielte Rohner mit seiner Kritik konkret auf die bevorstehende Zusammenlegung der Chefredaktion von «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung» – die wie alles bei Tamedia dem Sparen dienen soll.

Auf Anfrage will «Tages-Anzeiger»-Chef Res Strehle die Blattkritik von Rohner, die dem Vernehmen nach bei der Redaktion ausgesprochen gut ankam, im Haus aber weitgehend totgeschwiegen wird, nicht kommentieren: «Ich bin der Meinung, dass solche Blattkritiken off the record geführt werden müssen, damit offen geredet wird, und werde mich deshalb hüten, etwas wiederzugeben oder zu kommentieren, was in einer solchen Runde gesagt wird.»

Gesprächiger sind Berater im Umfeld des Credit-Suisse-Verwaltungsratspräsidenten, der derzeit mit Hochdruck an der bevorstehenden Präsentation der neuen Strategie seiner Bank feilt. Der studierte Rechtswissenschafter ist in der Medienbranche kein unbeschriebenes Blatt. Zwischen 2000 und 2004 war er Vorstandschef der ProSiebenSat.1 Media AG – unter seiner Leitung wurden die beiden deutschen Privatfernsehstationen Pro Sieben und Sat.1 unter ein Dach fusioniert. In Rohners Umfeld heisst es, dass ihm die Qualität der Medien sehr am Herzen liege, sowohl als Staatsbürger wie auch als Wirtschaftslenker. Auch könne Rohner selber ausgezeichnet texten – eine Qualität, auf die Bestsellerautor Martin Suter zurückgriff, als er Rohner das Manuskript seines Romans «Montecristo» zur Durchsicht überliess. Die beiden sind befreundet.

Der Verwaltungsratspräsident der zweitgrössten Schweizer Bank, der die Tamedia für ihr Renditedenken kritisiert und sich um die Medienqualität sorgt – was kommt als Nächstes? Und: nützts was?

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