VON DENISE BATTAGLIA

Das Ökosystem ist sichtbar aus den Fugen geraten: In Indien und Pakistan gingen Anfang Jahr ganze Reisfelder im Wasser unter, in Australien verursachte eine «Jahrhundertflut» Ausfälle bei der Getreideernte in Milliardenhöhe. Im Sommer vernichtete «extreme» Trockenheit in Russland, in Nord- und Südamerika grosse Getreideflächen. Der Weizenpreis stieg – auch dank Börsenspekulanten – innerhalb eines Jahres von 170 Franken auf fast 370 Franken pro Tonne. Leidtragende sind die Menschen, die ohnehin nicht viel haben.

Gemäss der Welternährungsorganisation FAO stieg die Zahl der Unterernährten zwischen 2007 und 2009 von 840 Millionen auf über eine Milliarde; noch nie litten so viele Menschen Hunger.

Schuld an diesem Elend sind auch die Industrienationen. Rund ein Drittel des Klimawandels wird gemäss des Weltagrarberichts allein durch die industrielle Agrar- und Lebensmittelproduktion verursacht.

Der Bericht räumt gründlich auf mit dem Mythos der grünen Revolution, die den Hunger in den Entwicklungsländern hätte beseitigen sollen: Sie konnte zwar den Ertrag erhöhen, das Hungerproblem gelöst hat sie nicht. Stattdessen hat sie die Qualität von Böden, Wasser und Luft stark vermindert.

Selbst Microsoft-Gründer und Multimilliardär Bill Gates musste zugeben, dass es ein Fehler war, allein auf die moderne Agrartechnik und -chemie zu setzten. Zum ersten Mal überhaupt investiert er in ein biologisches Landwirtschaftsprojekt: Er will den Bauern in ganz Afrika den biologischen Landbau zugänglich machen, sie das Handwerk des Biobauers lehren.

Die Bill&Melinda Gates Foundation beauftragte das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick (Fibl) mit dem Projekt. Das Fibl hat sich mit seiner Forschung weltweit einen Namen gemacht. Ein Mitarbeiter des Fibl war schon lange in Kontakt mit der amerikanischen Stiftung und versuchte sie davon zu überzeugen, auch in den Biolandbau zu investieren.

Gates hatte bisher allein mittels Hochleistungs-Saatgut, Hochleistungsmaschinen und mit viel Kunstdünger versucht, die Produktivität in den Entwicklungsländern zu steigern. Doch kürzlich stellte die Stiftung ernüchtert fest, dass die «übermässige Nutzung von Düngemitteln zu unerwarteten Konsequenzen für die Umwelt» führte. Sie habe die Lehren daraus gezogen.

300000 Franken hat das Fibl vorerst von der Gates-Stiftung erhalten, um Schulungsunterlagen für afrikanische Lehrer und Agrarwissenschafter sowie Anleitungen für Kleinbauern zu erstellen. Am Informationsmaterial arbeiten afrikanische Agronomen mit, die extra nach Frick geholt werden. Zudem sind Radiosendungen über den biologischen Landbau geplant.

Die Themen sind Kompostaufbereitung, Herstellung von natürlichen Pflanzenschutzmitteln, Wassernutzung oder Vermarktung. Der Biolandbau hat den Vorteil, dass die Bauern mit einfachen und kostengünstigen Methoden gute Erträge und von Pestiziden unbelastete Produkte erwirtschaften.

Urs Niggli, Leiter des Fibl, freut sich über das Projekt, «unser Gesellenstück für Bill Gates». Er hoffe, dass darauf konkrete Bioprojekte folgten. Noch mehr freut ihn, dass die Gates-Stiftung «etwas vom Technologiewahn» abgekommen sei und vermehrt ganzheitliche Lösungen suche. «Das stimmt mich optimistisch», sagt Niggli.

Denn: Der biologische Landbau könnte die Landwirtschaft der Zukunft sein. Zu diesem Schluss kommt auch der Weltagrarrat, ein Gremium von über 400 Wissenschaftler aller Kontinente, das vier Jahre lang die Ursachen für Hunger und Armut analysierte und Handlungsempfehlungen abgab.

Weiter wie bisher, so das Fazit des Weltagrarberichts, sei keine Option. Das Gremium fordert einen radikalen Wandel, einen Bruch mit der industriellen Landwirtschaft. Vor allem müsse man – um den Hunger zu bekämpfen – beim Kleinbauern ansetzen, der sich das Hybrid-Saatgut, Dünger und Maschinen nicht leisten kann.

Der Weltagrarrat empfiehlt zum Beispiel den systematischen Aufbau von organischem Humus, weil dieser Wasser gut speichern kann und die Bodenfruchtbarkeit erhöht. Er empfiehlt den Ersatz von Kunstdünger durch Gründünger, von Pestiziden durch biologische Schädlingsbekämpfung und von Monokulturen durch Mischkulturen.

Die Empfehlungen richten sich nicht nur an die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern, sie richten sich vor allem an die Agrarwirtschaft in den Industrieländern, die grosse Umweltsünden zu verantworten hat – und damit auch die steigende Zahl an Hungernden.

So hat die industrielle Landwirtschaft die menschliche Arbeitskraft durch Grosstechnik und Agrarchemie ersetzt – auf Kosten der fossilen Energien. Ein Kilogramm Kunstdünger wird mit einem Liter Erdöl hergestellt und setzt wiederum in den Böden das stark klimaschädliche Lachgas frei. Auch die Pestizide belasten Böden und Gewässer massiv.

Die Landwirte mästen ihre Rinder und Kühe – eigentlich reine Grasfresser – mit Soja und Mais angereichertem Kraftfutter, damit das Rind viel Fleisch ansetzt und die Kuh über 10000 statt vernünftige 5500 bis 6000 Liter Milch pro Jahr gibt. Auch die meisten Schweizer Bauern verfüttern ihren Tieren importiertes Billigkraftfutter, für dessen Anbau in Brasilien Regenwälder geopfert werden – und produzieren Fleisch- und Milchüberschüsse. Unser Hunger nach Fleisch frisst das Getreide weg, das Millionen Hungernde ernähren könnte.

Immer mehr Getreide wird zudem als Treibstoffersatz eingesetzt, für Urs Niggli «ein Skandal, eigentlich ein krimineller Akt». Ein mit Biosprit gefüllter Tank eines mittelgrossen Autos, so Niggli, könnte einen Menschen ein ganzes Jahr lang ernähren. Heute dienen nur noch 47 Prozent der Weltgetreideproduktion der Ernährung.

Die Wende, sagt Urs Niggli, fängt bei jedem Einzelnen an: beim Schweizer Bauer, der seine Rinder und Kühe mit Gras und Heu statt mit Getreide füttert und Kunstdünger durch Gründüngung ersetzt, beim Konsumenten, der weniger Fleisch konsumiert und saisonale, regionale (Bio)-Produkte wählt.

Niggli: «Der Einzelne kann zwar nicht die Welt verändert, aber viele Einzelne sehr wohl, wie uns die Revolutionen in den nordafrikanischen Staaten zeigen.» Eine global ökologische und vernünftige Landwirtschaft sei im Interesse von allen: «Sie reduziert nicht nur die Umweltbelastung. Sie ist auch die einzige Möglichkeit, den Flüchtlingsstrom aus dem Süden in den Norden aufzuhalten.»

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