VON MARCO GUETG

Am Anfang war ein Brief. Am 20. Februar 2009 erhielt Gody Studer, Gemeindepräsident von Escholzmatt, ein Schreiben von Hugo Loetscher. Er sei daran, teilte der bald 80-jährige Zürcher Schriftsteller mit, seinen Nachlass zu ordnen und beabsichtige, seine gesamte Bibliothek seiner Heimatgemeinde zu schenken. Die einzige Verpflichtung: «Dass die Bücher von Zürich nach Escholzmatt transportiert würden». Und damit der «liebe Gody Studer» sich auch ein Bild von diesem unerwarteten Angebot machen konnte, lud ihn Loetscher samt Entourage zu einer Besichtigung nach Zürich ein.

Zu dieser persönlichen Begegnung kam es allerdings nicht mehr. Nach einer Herzoperation starb Loetscher am 18. August. Immerhin erhielt der Schriftsteller («Der Immune») noch rechtzeitig vor seinem Tod die beruhigende Nachricht, dass der Gemeinderat von Escholzmatt «gerne bereit und sehr geehrt» und auch willens sei, seine «Bibliothek in Obhut zu nehmen.»

Auf was sich der Gemeinderat mit dieser Geste an seinen Ehrenbürger einliess, konnte er nicht abschätzen. Ein Indiz lieferte eine Passage aus Loetschers letztem Buch «War meine Zeit meine Zeit». Dort steht, was man antrifft, wenn man seine Wohnung betritt: «Ich, der einst voll Stolz seine ersten paar Bücher auf einem Nachttisch gestapelt hatte, mit einem Steinadler als Buchstütze, wohnte eines Tages zwischen Bücherwänden, in einem Festungsgürtel aus bedrucktem Papier, als müsste ich mich gegen die Unbill der Zeit behaupten.»

Diesen «Festungsgürtel aus bedrucktem Papier» an der Storchengasse 6 in der Altstadt von Zürich betrat die Delegation aus Escholzmatt kurz nach Loetschers Tod – und «erschrak ob der Masse an Büchern, die wir antrafen», sagt Hans Erni, Gemeindeschreiber und Mitglied der Archivkommission, «und wir fragten uns im Moment schon, worauf wir uns da eingelassen haben.» Restlos beantwortet wurde diese Frage noch nicht. Was fest steht: Die Bücher wurden inzwischen nach Escholzmatt, zuhinterst im Entlebuch, gekarrt.

Jetzt haben sie das Geschenk. Äschlimatt ist an diesem Mittwochabend in tiefes Weiss getaucht. Hans Erni führt uns durchs Dorf. Nur wenige Gehminuten vom Gemeindehaus entfernt, steigen wir hinab in die Zivilschutzanlage der Schulanlage Windbühlmatte: schwere Tür, langer Gang, das Licht von Neonröhren und der typische Geschmack fensterloser Betonräume.

Dort lagern Loetschers Bücher. Fünffach gestapelt in Schachteln. Hans Erni hat sie gezählt: 300 sinds, alles Brocki-Schachteln, und versehen mit dem blauen Emblem der Heilsarmee. Alles zusammen, verrät Hans Erni, ergibt 300 Laufmeter. So viel Heimat brauchts für 10 000 Loetscher-Bücher. Der Besucher weiss: In diesem mit Schachteln portionierten Bücherberg verbirgt sich zum Beispiel auch Helmut Hubers «Atem der Dinge» – kein bedeutendes Werk, das erst durch Loetschers handschriftliche Klappennotiz an Bedeutung gewinnt: «Mein erstes erworbenes Buch».

Der grosse Rest ist das Resultat eines Lese- und Sammlerlebens, an dem die biografischen wie intellektuellen Stationen dieses weitgereisten Schweizer Intellektuellen mit Entlebucher Wurzeln postum ablesbar werden. Die zum bildungsbürgerlichen Kanon zählenden Klassiker gehören dazu (mehrsprachig, inkl. Griechisch und Latein); eine ziemlich umfassende portugiesische Literatur plus das lusitanische Afrika und Asien; Literatur zur Entdeckungsgeschichte; Werke über Brasilien (mehrsprachig und umfassend); eine repräsentative Bücherei zu Mexiko, Kuba, Argentinien, Bolivien; eine fast vollständige Geschichte der Fotografie; «du»-Nummern, deren Mitarbeiter Loetscher war . . .

In einem Nebenraum trifft der Besucher auf ein paar eben erst ausgehändigte Requisiten, die später einmal zu nostalgischen Reminiszenzen verlocken werden: Loetschers Holzschreibtisch, darauf eine Lampe, seine Brille und eine Hermes Baby. Mit dieser portablen Schreibmaschine hat Loetscher die Welt bereist und beschrieben, Portugal, Südamerika, Asien – bis zu seinem 70. Geburtstag. Der Verlag schenkte ihm einen Laptop.

Ein Zwischenlager sei das, sagt Hans Erni. Es sei nach Loetschers Tod eben «alles plötzlich ein bisschen schnell gegangen». Andererseits: Wie soll jemand, der sich bisher vor allem mit Archivalien aus dem Nachlass eines Ortsbürgers befasst hat, auf einmal wissen, wie eine international bestückte Bibliothek zu handhaben ist? Ein beruhigendes Signal nach Escholzmatt geschickt hat das Schweizerische Literaturarchiv in Bern.

Was hingegen klar ist: «Wir suchen für die Bibliothek einen eigenen Platz», sagt Hans Erni. Dieser könnte zum Beispiel im Besucherzentrum des Biosphärenparks Biopolis zu stehen kommen. Bis im Jahre 2013 sollte es gebaut sein, sofern es finanzierbar ist. Wenn nicht? «Dann muss die Gemeinde aktiv werden», meint Hans Erni, «denn die Hugo-Loetscher-Bibliothek soll einen würdigen Platz erhalten.»

Noch liegt das Loetscher-Legat in der feuersicheren Katakombe des Schulhauses. Und es wird die nächsten Jahre wohl auch dort bleiben. Doch was geschieht, wenn dieser Ort für die 3200 Einwohner der Gemeinde unerwarteterweise plötzlich doch als Sicherheitsré-duit dienen müsste? Dann gäbe es ein unerwartetes Angebot. Rein statistisch gesehen, könnten dann jedem gebunkerten Bürger drei Bücher ausgehändigt werden. Damit lässt sich überleben.

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