VON FELIX STRAUMANN

Pamela Thomas-Graham ist erfolgreich, gut aussehend – und doppelbegabt. Die diese Woche als neues Konzernleitungsmitglied und oberste Personalchefin der Credit Suisse (CS) berufene Amerikanerin hat nicht nur einen anspruchsvollen Job und drei Kinder, sie schreibt auch. Nicht fürs Poesiealbum. Nein, sie schreibt Krimis, von denen drei bereits veröffentlicht wurden, zwei davon auch auf Deutsch.

Musisch begabte Chefs imponieren. Allerdings sind sie gar nicht so selten. So gilt zum Beispiel der umstrittene ehemalige CEO von Credit Suisse, Lukas Mühlemann, als begnadeter Pianist. Der Tessiner Franco Ambrosetti ist Firmenchef und leidenschaftlicher Jazztrompeter mit internationalem Ruf. Auch in der Politik finden sich immer wieder musisch begabte Führungsfiguren. Etwa der Schriftsteller und ehemalige Staatschef der Tschechoslowakei, Václav Havel, oder der frisch gewählte kroatische Präsident, Ivo Josipovic, der an der Musikakademie Komposition studiert und auch verschiedene Musikstücke geschrieben hat.

Headhunter René Kuehni von Aebi und Kuehni AG kommt immer wieder mit künstlerisch talentierten Führungsleuten in Kontakt: «Das ist nicht so aussergewöhnlich.» Managerpersönlichkeiten seien oft sehr aktiv und hätten viele Interessen. «Doppelbegabungen sind dabei sicher immer interessant», sagt Kuehni. Doch seien diese für ihn kein Anforderungskriterium bei der Suche nach einer Führungspersönlichkeit. «Es ist gefährlich, von einzelnen Tätigkeiten auf die Persönlichkeit zu schliessen.»

Bücher schreibt auch Rolf Dobelli. Er war lange Jahre in führenden Positionen tätig, beispielsweise als Finanzchef und CEO bei verschiedenen Tochtergesellschaften der Swissair, und ist Mitbegründer der Firma getAbstract, einem Anbieter von Buchzusammenfassungen. Im Jahr 2001, mit 35, begann Rolf Dobelli zu schreiben und hat seither nicht mehr aufgehört. Gleich das erste Buch «Fünfunddreissig – Eine Midlife-Story» konnte er im Diogenes-Verlag veröffentlichen.

Inzwischen hat er sein sechstes Buch beendet. «Ich bin keine bessere Führungskraft, weil ich Bücher schreibe», ist Dobelli überzeugt. Im Gegenteil: Schreiben sei eine asoziale Tätigkeit, ein Einzelkampf – im Gegensatz zum Führen. Für ihn sind das Bücherschreiben und die Firma lediglich zwei verschiedene Ausprägungen seiner Persönlichkeit, die sich aber gegenseitig kaum befruchten.

Dies ist bei Doppelbegabten der Normalfall, sagt John Antonakis von der Universität Lausanne. «Es findet sich wissenschaftlich kein Zusammenhang zwischen einem künstlerischen Talent und Arbeitsleistung.» Der Psychologe, der sich unter anderem mit Merkmalen von Führungspersönlichkeiten beschäftigt, schränkt jedoch ein: «Es gibt kaum Forschung dazu.» Er glaubt aber, dass es in den oberen Etagen mehr Musiker, Kunstmaler und Buchautoren gibt als im Durchschnitt. «Menschen, die kreativ und künstlerisch tätig sind, sind etwas klüger – und das ist ein Vorteil in der Wirtschaft.»

Dies deckt sich mit der Erfahrung von Markus Leibundgut, der beim Unternehmen McKinsey für die Rekrutierung von neuen Unternehmensberatern zuständig ist: «Ich kenne tatsächlich einige aus meinem beruflichen Umfeld, die intensiv Musik machen, Bücher schreiben oder malen.» Er ist sich aber nicht sicher, ob dies überdurchschnittlich viele sind. Leibundgut glaubt auch nicht, dass eine künstlerische Ader ein besonderer Vorteil für einen Führungsjob in der Wirtschaft ist. «Bei McKinsey suchen wir letztlich Leute, die intellektuell neugierig sind und gleichzeitig besondere Leistungen erbringen können.»

Auch der zurückgetretene langjährige Bundesanwalt Valentin Roschacher hat ein künstlerisches Talent, das er neben seinem eigentlichen Beruf kultivierte. «Ich wollte immer schon Maler werden, hatte aber nie den Mut dazu», sagt er. «Meinen Freunden habe ich immer gesagt: Sterben werde ich als Maler.» Heute ist er es.

Für Roschacher hatte dieses Talent sehr wohl einen Einfluss auf seine berufliche Tätigkeit: «Das Wissen, dass ich noch eine Alternative im Leben habe, machte mich weniger verbissen.» Zudem habe er wegen seiner kreativen Ader in gewissen Situationen möglicherweise eher Unkonformes oder Überraschendes getan. «Das war dann für Kollegen, die es genauer nahmen, manchmal etwas befremdlich.»

Doch Doppelbegabung scheint vor allem eine Bürde zu sein. Roschacher litt jedenfalls daran, denn er konnte seine musische Seite zu wenig pflegen: «Man kommt nicht so weiter, wie man das eigentlich möchte.» Das sei eine unbefriedigende Situation gewesen. Auch für Dobelli war die Situation nicht befriedigend. Lange Zeit hat er das Schreiben nebenher betrieben. Erst dieses Jahr hat er sein Arbeitspensum reduziert, um sich vermehrt der Schriftstellerei zu widmen.

Schwierig scheint es auch für Pamela Thomas-Graham. Um ihrer Passion zu frönen, muss sie unmenschlich früh aufstehen. Zum Schreiben komme sie nur in den Morgenstunden zwischen vier und sechs Uhr, heisst es. Zudem ist ihre Leserschaft gespalten, was die Qualität ihrer Krimis betrifft – was eine Autorin nicht einfach so wegsteckt. Nicht genug: Bei der Credit Suisse scheint man nicht besonders stolz auf das musische Talent ihres neusten Geschäftsleitungsmitglieds zu sein. Auf Anfrage gibt man sich jedenfalls zurückhaltend. Keine Würde ohne Bürde.

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