VON ANDREAS KREBS

«Ich habe zuerst selber gedacht, Häuser aus Strohballen seien ein Blödsinn», sagt Werner Schmidt aus Trun, Graubünden. Häuser aus Stroh – das halte doch nicht, glaubte einer der kreativsten Schweizer Architekten, wie die Architekturzeitschrift «architektur aktuell» Schmidt bezeichnet. Stroh würde verrotten und sei voller Ungeziefer, war er überzeugt. Als er aber den fast 100-jährigen Schweinestall seines Grossvaters abriss, begann das Vorurteil zu wanken. «Stroh und Sägemehl unter dem Lehmputz waren noch frisch», berichtet der 57-Jährige.

Schon vor 20 Jahren war der ehemalige Maurer überzeugt, dass Häuser ohne Heizungen auskommen könnten. «Der Eisbär überlebt ja auch, ohne zu heizen, bei minus 40 Grad.» So machte sich Schmidt auf die Suche nach einem günstigen und ökologischen Isolationsmaterial – und landete via Schweinestall beim Stroh.

Die meisten Strohhäuser werden in so genannt lasttragender Bauweise, ohne Holzständertragsystem, errichtet. Zum einen, weil Stroh billiger sei als Holz; vor allem aber, weil es besser dämme. In manchen Ländern, etwa in Deutschland, erschwert oder verbietet die Bauordnung jedoch lasttragende Strohbauten. Die Vorzüge des Baustoffs Stroh werden dort deshalb vor allem für Stroh- und Reetdächer genutzt.

Die Dächer halten über Jahrzehnte dicht, ohne dass dabei das Stroh zu schimmeln oder zu vermodern beginnt. Im Gegensatz zu den Strohdächern werden die Wände von Strohhäusern erst gar nicht wirklich feucht, sind sie doch durch den Putz und durch den Dachüberhang geschützt. War Stroh früher ein gängiges Baumaterial, wurde es ab den 1950er-Jahren zunehmend von den aufkommenden standardisierten Baustoffen verdrängt. Eine Branche mit starker Lobby entstand und Strohhäuser wurden fast nur noch von Idealisten und Aussteigern im Selbstbau realisiert.

Nach dem Erscheinen von «The Straw Bale House», der Bibel aller Strohbauinteressierten, im Jahre 1994 nahmen sich jedoch plötzlich auch renommierte Architekten des Themas an, vorerst in den USA. Im Zug des steigenden Bewusstseins für Umwelt- und Klimaschutz wurde man bald auch ausserhalb der Vereinigten Staaten wieder auf den nachwachsenden Baustoff aufmerksam. «Zur Erzeugung von einem Kubikmeter Steinwolle benötigt man 300 Kilowattstunden Energie; für einen entsprechenden Strohballen reichen zirka 10», sagt Schmidt, «das sind Welten.»

Stroh ist zudem praktisch überall lokal vorhanden und entsteht quasi nebenbei. Schmidt ist überzeugt vom Naturmaterial: Es lässt sich leicht bearbeiten und kann mit der Kettensäge beinahe in jede beliebige Form gebracht werden – organische Formen wie runde Wände, Torbögen, Gewölbe lassen sich problemlos realisieren. Das passt ideal zur so genannten Bioarchitektur. Bei dieser geht es nicht nur um rein technische Aspekte, sondern darum, den Umweltgedanken kreativ in Architektur umzusetzen.

Schmidt unterbreitet jedem Bauherrn zwei Varianten: ein konventionelles Haus und eines aus Stroh. Vor acht Jahren konnte er hierzulande sein erstes Strohhaus realisieren. «Meist wird für ein Haus schon unheimlich viel Energie verbraten, bevor man überhaupt einzieht», sagt Schmidt. Hinzu kommt der oft hohe Energieverbrauch während der Betriebsjahre. Schmidts Strohhäuser hingegen sind nahezu energieautark.

16 Strohballenbauten hat er innerhalb der letzten acht Jahre realisiert, für die Umwelt nicht wirklich von grosser Bedeutung. Das weiss auch Schmidt. «Die Baugesetze verhindern die Entwicklung, die Regelungen müssten offener sein», fordert er. «Man sollte nur noch Häuser bauen dürfen, die weitgehend energieautark sind. Aber die Energieproduzenten wehren sich mit Händen und Füssen dagegen.» Auch die Baulobby verhindere den Fortschritt. «Die Firmen wollen ihr Styropor verkaufen», so Schmidt.

Mittlerweile wurden aber zahlreiche Strohgebäude in der ganzen Welt mit Architektur- und Umweltpreisen ausgezeichnet, so auch Schmidts Feriensiedlung Esserhof in Lana in Südtirol, und nicht zuletzt dank umfangreicher Studien wächst das Vertrauen in den Baustoff Stroh allmählich. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur zum Beispiel zeigte, dass die 350 Kilogramm schweren Strohballen, die Schmidt wegen der unerreichten Dämmwerte gerne verwendet, mit 15 Tonnen pro Quadratmeter belastet werden können, ohne Schaden zu nehmen. Wenn die Strohwände verputzt sind – innen verwendet Schmidt meist Lehm, aussen Kalk –, entsprechen sie der Feuerwiderstandsklasse einer 25 Zentimeter dicken Betonwand. Auch Schädlinge wie Mäuse oder Insekten hausen keine in den extrem dicht gepressten Ballen.

Natürlich müsse man beim Bauen mit Stroh einige Punkte berücksichtigen, sagt Schmidt. So dürfen nur trockene Strohballen verwendet werden. Und wie beim konventionellen Bau muss die Bauphysik stimmen. Dann kann man auch mehrstöckige lasttragende Strohgebäude bauen – so, wie Schmidt es vormacht.


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