VON MARTIN LEUCH

Am kommenden Sonntag werden drei junge Bartgeier an einem neuen Standort im sankt-gallischen Calfeisental ausgewildert. Eines der rund 100 Tage alten Jungtiere stammt aus dem Tierpark Goldau, die zwei anderen kommen aus Spanien und der Tschechischen Republik. Der Tierpark Goldau ist seit Jahren an einem Zuchtprogramm beteiligt.

Die Stiftung Pro Bartgeier will mit der Auswilderung die bestehenden Bartgeierbrutplätze im Engadin und im Gebiet Hochsavoyen/Wallis mit einem dritten Standort in den Nordalpen ergänzen. «Dem Bartgeier soll sein ehemaliger Lebensraum auch nördlich der Alpen zurückgegeben werden», sagt Daniel Hegglin, Geschäftsführer der Stiftung. Als weiteres Ziel nennt Hegglin die Verbreiterung der genetischen Basis der bisher im Alpenraum lebenden Bartgeier. Eine Studie hat ergeben, dass diese noch sehr klein ist.

Abklärungen der Stiftung zeigten, dass das im Sarganserland gelegene Calfeisental gut geeignet ist, um eine neue Keimpopulation zu gründen. Die zur Auswilderung vorgesehene Region befindet sich im eidgenössischen Jagdbanngebiet Graue Hörner. «Die intakten Wildtierbestände und die gute Thermik bieten gute Lebensbedingungen für Bartgeier», erläutert Hegglin. Die Greifvögel bevorzugen Kalkgestein mit schroffen Felswänden und benötigen eine gute Thermik, wenn sie auf der Suche nach toten Steinböcken oder Gämsen in ihrem Lebensraum patrouillieren. Für das Calfeisental spricht nach Hegglin auch der Umstand, dass dort bis Ende des 19.Jahrhunderts Bartgeier in freier Wildbahn lebten und sich seit einigen Jahren ein einzelner Bartgeier in der Region aufhält.

Das Projekt für die Wiederansiedlung des Bartgeiers im Alpenraum wird von verschiedenen Organisationen getragen und zwischen den Ländern Österreich, Schweiz, Italien und Frankreich koordiniert. Nach einigen Jahren der Vorarbeit sind ab dem Jahre 1986 in den vier Freilassungsgebieten Hohe Tauern, Schweizerischer Nationalpark/Stilfserjoch, Hochsavoyen und im südwestlichen Teil des Alpenbogens in den Nationalpärken Mercantour und Alpi Marittime insgesamt 160 junge Bartgeier ausgewildert worden.

37 Jungvögel wurden ab dem Jahr 1991 im Gebiet Schweizerischer Nationalpark in die Freiheit entlassen. Nach Angaben von Hegglin sind in diesem Gebiet seither 30 Bartgeier aus Naturbruten ausgeflogen, im gesamten Alpenraum sind es 58 Tiere.

Das Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern hat zusammen mit der Vogelwarte Sempach eine Studie über die Entwicklung der Bartgeierpopulation in den Alpen durchgeführt und im Jahre 2009 publiziert. Um an die nötigen Daten zu gelangen, werteten die Forscher Meldungen von Beobachtern aus. Vor der Freilassung werden die Flügelfedern der Vögel nach einem bestimmten Schema gebleicht. Dies erlaubt es, die einzelnen Individuen im Flug und wenn sie tot aufgefunden werden zu identifizieren. Die entsprechenden Daten werden an eine zentrale Datenbank weitergeleitet und ausgewertet. Genetische Analysen von aufgefundenen Federn und neuerdings die so genannte Satellitentelemetrie erlauben ebenfalls entsprechende Rückschlüsse auf das Verhalten und die Überlebensrate der Vögel.

«Aufgrund der Ergebnisse der Studie war die Bartgeierpopulation im Alpenraum bereits im Jahre 2006 selbsttragend», sagt der an der Studie beteiligte Biologe Michael Schaub. Zwar haben die Bartgeier, die in Freiheit zwischen 20 und 30 Jahre alt werden, eine für lang lebende Tiere typische, niedrige Fortpflanzungsrate. Sie liegt nach Schaub bei lediglich 0,6 Tieren pro Brutpaar und Jahr. Die Überlebensrate ist mit 88 Prozent im ersten Jahr und 96 Prozent in den folgenden Jahren hingegen hoch. «Die Resultate beruhen auf den gemeldeten Beobachtungen und sind mit Unsicherheiten belastet», räumt der Forscher ein. Zwar entgehe den Beobachtern kaum eine Geburt, hingegen bestehe keine Gewissheit, dass jeder lebende Bartgeier beobachtet werde und tote Bartgeier aufgefunden und gemeldet würden.

Trotz momentan überlebensfähiger Population steht der langfristige Erfolg der Wiederansiedlung des Bartgeiers noch auf wackligen Füssen. Wenn nämlich aus irgendwelchen Gründen die Sterberate der ausgewilderten und der in Freiheit geborenen Bartgeier steigt oder die Geburtenrate sinkt, ist der Bestand nach Schaub nicht gesichert. «Ausserdem droht den Greifvögeln Gefahr von den Windkraftanlagen, die im Alpenraum geplant sind», sagt Schaub zur noch nicht eindeutig gesicherten Zukunft des Greifvogels.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!