Aus Angst vor Streik: NZZ mit täglicher Notausgabe

Ernennung der neuen Führungsspitze ist auf Ende Monat geplant.

Als Markus Somm im September 2010 als Chefredaktor der «Basler Zeitung» eingesetzt wurde, war er auf alle Eventualitäten vorbereitet. Weil er fürchtete, die BaZ-Redaktion reagiere auf seine Ernennung mit einem Streik, organisierte er eine Schattenredaktion, die im Notfall die Zeitung produziert hätte. Streikangst geht derzeit auch bei der NZZ um. An der Falkenstrasse werden jedoch keine Kampfmassnahmen der Redaktion befürchtet, sondern der Druckereimitarbeiter.

Die NZZ will die im November angekündigte Schliessung ihres Druckzentrums in Schlieren trotz Protesten auf Ende Juni durchziehen. 125 Angestellte verlieren damit ihren Job. Derzeit wird laut NZZ-Sprecherin Mirjam Käser ein Sozialplan ausgearbeitet und die Verlagerung der Produktion ins Tamedia-Druckzentrum vorbereitet. Vergeblich warnte die NZZ-Personalkommission, die Schliessung der eigenen Druckerei sei «betriebswirtschaftlich unnötig, strategisch falsch und bei langfristiger Perspektive sogar gefährlich»: «Wir wollen uns nicht mit Haut und Haaren an die direkte Konkurrenz ausliefern.» Teile der NZZ-Redaktion haben eine Petition gegen den Schliessungsentscheid unterstützt, flankiert von der Mediengewerkschaft Syndicom.

Doch der digital tickende CEO Veit Dengler und die NZZ-Geschäftsleitung blieben hart und verkündeten Anfang Februar das definitive Aus.

Gleichzeitig zog die strategische NZZ-Führung ein Abwehrdispositiv gegen die mögliche Meuterei ihrer Mitarbeiter auf. Von der NZZ wird derzeit täglich eine Notausgabe produziert, samstags auch von der «NZZ am Sonntag». Sie ist deutlich dünner als die Originalausgabe und würde im Fall eines Streiks bereits bei Tamedia gedruckt. «Es ist in der Druckbranche üblich, bei grösseren Veränderungen Notfallkonzepte auszuarbeiten», bestätigt NZZ-Sprecherin Käser die Recherchen der «Schweiz am Sonntag». Verantwortlich für die Notausgaben ist der Leiter Blattplanung und Gestaltung. Wer von der Redaktion involviert ist, will Käser nicht sagen. Auch, weil sonst interne Spannungen aufzubrechen drohen: Während der eine Teil der Redaktion gegen das Druckerei-Aus Widerstand leistet, betätigt sich ein anderer Teil als Streikbrecher auf Vorrat. Für die einen ist das fehlende Solidarität, für andere gelebte NZZ-Liberalität.

Auf Kurs ist dafür mittlerweile die Suche nach der neuen NZZ-Führungsspitze. Nächste Woche tagt der Verwaltungsrat in der Sache. Ende Monat sollen der neue Chefredaktor und der Digital-Leiter bestimmt sein. Die Zeit drängt: Der Verwaltungsrat will die NZZ-Aktionäre, die über die versuchte Inthronisierung des «Basler Zeitung»-Chefredaktors Markus Somm verärgert sind, noch vor der Generalversammlung im April milde stimmen.

Während im Favoritenfeld für die Chefredaktion vieles auf den derzeitigen Ausland-Chef Eric Gujer hindeutet (O-Ton aus einem Evaluationsgremium: «Der richtige Mann, um der Expansionsstrategie der NZZ inhaltlich Glanz zu verleihen, innenpolitisch ein unbeschriebenes Blatt»), taucht im Auswahlverfahren für den Leiter «neue Publizistik» ein überraschender Name auf: Michael Fleischhacker, derzeitiger Leiter von NZZ.at, dem Österreich-Feldzug von CEO Dengler. Fleischhacker, der auch «Köppel Österreichs» genannt wird, geht nach Gesprächen in Zürich als Favorit ins Rennen. Von Frauen als aussichtsreiche Kandidatinnen ist übrigens für keinen der beiden Spitzenjobs die Rede.

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