Von Jürg Ramspeck*

Aufmerksamen Zeitungslesern ist durchaus bekannt, was sie zu lesen bekommen. Aber Roger Schawinski, die Nase im Wind, fasst es in seinem neuen Buch zur schnörkellosen Saga einer aktuellen Zeiterscheinung zusammen: Wie kommen Manager zu exorbitanten Löhnen und Boni und stürzen auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren jäh ab?

Es sind die Geschichten von Sepp Blatter, Joe Ackermann, Franz Beckenbauer, Daniel Vasella, Thomas Middelhoff, Marcel Ospel, Rico Hächler, die Porträts von Lance Armstrong, Jörg Kachelmann, Steve Jobs, David Petraeus – von Männern, die durch den Faktor Charisma nach oben und durch den Faktor Selbstüberschätzung zu Fall kamen.

Man könnte das Buch «Ich bin der Allergrösste» auch dazu benutzen, sich darüber hinwegzutrösten, dass man es selber nie in komfortable Spitzenpositionen gebracht hat. Und dafür einem die Schmach öffentlicher Demütigung erspart geblieben ist. Dazu liefert es aber der Schadenfreude zu wenig Nahrung. Vielmehr geht es Schawinski darum, eine Warnung auszusprechen: Hüte dich davor, zu deiner eigenen Persönlichkeit die Distanz zu verlieren. Er zeigt eine Gefahr auf, der zu entrinnen ihn nach eigenem Eingeständnis selber auch etliche Mühe und Überwindung gekostet hat. Deshalb ist der im Leben erfolgreiche Medienmann auch der prädestinierte Autor, um Charakterstudien über Erfolgreiche vorzulegen.

Sepp Blatters Vergleich mit Christus
Es ist der Schlüsselbegriff «Narzissmus», um den es in diesen Biografien geht. Um Narzissmus, in seiner übersteigerten Erscheinung mittlerweile eine auch von der Psychiatrie anerkannte klinische Persönlichkeitsstörung. Wie kommt beispielsweise ein so kluger Mann wie Sepp Blatter dazu, ohne Erröten zu sagen: «Ich habe gelitten, auch Christus hat gelitten.» Also gewissermassen seine «Friedensmission Weltfussball» mit der Friedensmission Gottes in Vergleich zu setzen. Da muss doch eine Sicherung durchgebrannt sein. Oder hat man je davon gehört, Jesus habe nach der Bergpredigt beim Veranstalter sein Honorar abgeholt?

Solche Sicherungen müssen auch beim Aufsichtsrats-Vorsitzenden des Warenhauskonzerns Arcandor AG, vormals KarstadtQuelle, Thomas Middelhoff, durchgebrannt sein. Zu einer Zeit, in der sein Konzern bereits enorme Verluste einfuhr, nahm er ungerührt den Helikopter, um von seinem Wohnsitz in sein Büro zu gelangen, mietete Jets, um Wochenenden in New York zu verbringen und Exkursionen ins Nachtleben von Saint-Tropez zu unternehmen. Wie an seinem Prozess herauskam, hatte er für seine Eskapaden seinem maroden Konzern insgesamt 935 000 Euro abgenommen. Da hatte wohl ein Mensch ausser seinem Anstand auch gleich seinen Verstand verloren. Ganz nach dem L’Oréal-Werbespruch «weil ich es mir wert bin» sahen CEOs wie Novartis-Chef Daniel Vasella bei ihren Gehaltsvorstellungen keine Obergrenze mehr. Beinahe fassungslos rekapituliert Schawinski den Aufstieg dieses charismatischen, liebenswürdigen studierten Arztes in die Olympia-Klasse. Er stellt bei ihm den schleichenden Prozess einer sich allmählich entfaltenden Hybris fest, auf deren Höhepunkt ihm das Augenmass für die Realität abhandenkam. Also die klassische Vita des sterblichen Götterlieblings, den die Götter bestrafen, wenn er sich erdreistet, ihnen ähnlich, wenn nicht gleich zu sein.

Von den Göttern fallen gelassen
Und so lassen die Götter sie fallen. Sie lassen Radfahrer Lance Armstrong fallen, wenn er sich nach jahrelang brillant vertuschtem Doping unangreifbar wähnt. Sie lassen Banker Marcel Ospel fallen, wenn er sich in einer nationalen Krisensituation die Freiheit nimmt, den Anruf eines Bundesrates zu ignorieren. Und sie lassen den genialen Apple-Milliardär Steve Jobs sogar sterben, wenn er sich zu der Einbildung versteigt, seine Krebserkrankung nicht mithilfe der Medizin, sondern mit einem selbst erdachten Heilverfahren zu bekämpfen.

Auch in kleiner dimensionierten Abstürzen macht Schawinski die Katastrophe des Narzissmus aus. So fiel der deutschen Fussball-Lichtgestalt Franz Beckenbauer der Lack ab, als er verlauten liess: «Wir wollten die WM haben. Alles andere ist mir wurscht.» Und dem führenden Fernseh-Wetterpropheten Jörg Kachelmann half auch sein Freispruch vor dem Vorwurf der Vergewaltigung einer seiner Geliebten nicht, sein Ansehen zurückzugewinnen.

In zwei Kapiteln und einem Interview mit dem Psychiater und Uni-Dozenten Mario Gmür geht Schawinski dem Phänomen der narzisstischen Persönlichkeit auch theoretisch zu Leibe. Es sind interessante Erkenntnisse. Sie wären allerdings vordringlich von jenen Insassen in Verwaltungsräten zu beherzigen, die dem Bluff eines fleissigen und eloquenten Stellenbewerbers ausgesetzt sind, dessen Selbstverliebtheit dem Kundigen in seinem Auftritt nicht entgehen dürfte.

Zum Schluss findet Schawinski im ehemaligen CEO des Verlagshauses Tamedia, Rico Hächler, noch einen Gestrauchelten, der seine Fehler einsieht («ich hätte mehr machen können aus meinem Leben»). Der seiner verlorenen Macht nicht nachtrauert. Der, anders als alle anderen vom Sockel geholten männlichen Diven, seinen abrupten Abgang verinnerlicht und verschmerzt hat. Vielleicht ist und war er gar kein Narzisst.


* Der ehemalige «Weltwoche»-Chefredaktor und Ringier-Kolumnist ist freier Journalist.

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