Von Renzo Ruf aus Washington

Auf der Suche nach neuen Einkommensquellen geht die «New York Times» unkonventionelle Wege. Ab Sommer wird die Zeitung ins Geschäft mit Mahlzeiten zum Selberkochen («meal kits») einsteigen. Monat für Monat liessen sich rund 7 Millionen Leserinnen und Leser von den Kochrezepten inspirieren, die über die Plattform «NYT Cooking» angeboten würden, meldete die Pressestelle der Zeitung. Angesichts des grossen Interesses für feines Essen sei es naheliegend, dass das Blatt nun mit «Chef’d» zusammenspanne, einem Mahlzeitendienst für Gourmets. Die Partnerschaft sieht vor, dass die «Times» die Rezepte liefert und das im vorigen Jahr gegründete Start-up innerhalb von 48 Stunden die entsprechenden Zutaten. Allfällige Erträge aus dem Joint Venture werden zwischen den beiden Firmen geteilt.

Dass die 165 Jahre alte «New York Times» selbst mit Kochrezepten Geld verdienen will, hängt mit der anhaltenden Zeitungskrise in den USA zusammen. Die grösste Volkswirtschaft besitzt zwar eine reiche Medienlandschaft, zu der auch qualitativ hochstehende Tageszeitungen gehören. Viele Blätter leiden aber unter einer sinkenden Nachfrage und rückläufigen Werbeeinnahmen.

Deshalb wird auf der Teppichetage der «Times» mit Hochdruck nach alternativen Einnahmequellen gesucht. Dabei gleicht das Weltblatt immer mehr einem Gemischtwarenladen: Verkauft werden Fotografien, Sport-Memorabilien, Replika-Zeitungen, exklusive Reisen – eine neuntägige Wanderung rund um den Mont Blanc kostet beispielsweise mehr als 6000 Dollar, Flug nach Genf nicht inbegriffen – und teure Konferenzen. Immerhin 21,8 Millionen Dollar nahm die entsprechende Konzernsparte in den ersten drei Monaten des Jahres ein.

Fehlende Inserateeinnahmen
Weil sich die Ausgaben der «Times» im ersten Quartal 2016 auf 351,6 Millionen Dollar summierten, sind solche Zusatzeinnahmen aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Konzernchef Mark Thompson, einst für die britische BBC tätig, will deshalb noch stärker auf die Karte «Digital» setzen. Stolz verwies der Brite bei der Präsentation des Quartalsabschlusses darauf, dass die «Times» nun 1,16 Millionen Abonnenten zählt, die Artikel auf dem Smartphone oder am Computer lesen. Gegenüber dem Vergleichsquartal im Jahr 2015 gewann die «Times» mehr als 200 000 neue Digital-Abos hinzu, wohl auch aufgrund des grossen Interesses am Präsidentschaftswahlkampf. Hinzu kommen fast 200 000 Menschen, die bloss am legendären Kreuzworträtsel der Zeitung interessiert sind und dafür jährlich 20 Dollar bezahlen. Das sind stolze Zahlen. Zum Vergleich: Das «Wall Street Journal», nebst der «Times» die einzige politische Zeitung mit nationaler Ausstrahlung, zählte im ersten Quartal des Jahres 893 000 Digital-Abos.

Mittlerweile nimmt die «Times» im Geschäft mit den Digital-Abonnementen 54,2 Millionen Dollar ein. Allein: Das reicht nicht, um den Umsatzeinbruch auszugleichen. Denn obwohl das Weltblatt derzeit wohl von mehr Menschen als jemals zuvor gelesen wird – Thompson spricht von 113 Millionen Unique Visits im März 2016 –, gehen die Inserate-Einnahmen drastisch zurück. Im ersten Quartal 2016 sanken die Werbeeinnahmen um 7 Prozent auf 139,7 Millionen Dollar. Im Printbereich betrug der Rückgang 9 Prozent, während im digitalen Geschäft 1 Prozent weniger Einnahmen generiert wurden. Das Verhältnis zwischen traditioneller und digitaler Werbung beträgt etwa 70 Prozent zu 30 Prozent.

Weil gleichzeitig die Produktionskosten für die Herstellung der Zeitung stiegen, und die «Times» einen Abschreiber auf einer Papierdruckerei in zweistelliger Millionenhöhe vornehmen musste, schrieb das Unternehmen rote Zahlen. Der Verlust belief sich auf 13,6 Millionen Dollar.

Konzernchef verströmt Optimismus
Weitere Sparmassnahmen sind deshalb notwendig, wie Branchenkenner sagen. So will die «Times» die Redaktion in Paris dichtmachen, wo sich der Sitz ihrer internationalen Ausgabe befindet. Davon sind 70 Stellen betroffen. Ausserdem sollen in New York offenbar 100 bis 200 Stellen gestrichen werden. Die «Times» zählt heute etwa 1300 Angestellte.

Konzernchef Thompson sagte, die «Times» müsse der Wahrheit «kompromisslos» ins Auge sehen und sich den strukturellen Problemen stellen. Er sagte aber auch, dass das Management optimistisch in die Zukunft schaue, weil sowohl Leser als auch Werbekunden auf neue Angebote positiv reagierten – ein besonderer Lichtblick seien dabei neue Artikel- und Werbeformen für Smartphones.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper