Herr Schoch, wie viele Krisensitzungen gab es schon zum Quotenschwund?
Hansruedi Schoch: Ich habe die Sitzungen diese Woche nicht gezählt, aber es war keine einzige Krisensitzung darunter. Wir haben selbstverständlich besprochen, wie die Zahlen einzuordnen sind, die von verschiedenen Medien diese Woche nicht in den nötigen Zusammenhang gesetzt wurden. Von Krisenstimmung kann keine Rede sein.

Sie sind zufrieden mit der Quotenentwicklung?
Welche Zeitung ist schon zufrieden mit der Auflage, die sie hat? Man will immer noch ein wenig mehr haben. Das ist bei uns nicht anders. Es gibt aber zurzeit keinen besonderen Anlass zur Sorge.

Warum nicht?
Die Tendenz über die letzten Jahre sieht so aus, dass wir im Jahresdurchschnitt immer einen Marktanteil zwischen 32 und rund 34 Prozent hatten. Die etwas höheren Ergebnisse gab es jeweils in den Jahren mit grossen Sportereignissen.

Trotzdem: Die Zahlen sinken.
In der langfristigen Zeitachse gibt es einen leichten Rückgang. Das bereitet keine Freude, aber die stärkere Fragmentierung betrifft die ganze Medienwelt. Wir müssen noch mehr um jedes Stück des Marktkuchens kämpfen.

Alles im grünen Bereich? Am Leutschenbach passieren keine Fehler?
Natürlich machen auch wir Fehler.

Ein Beispiel, bitte.
«Ab in die Küche». Da dachten wir, nach dem Erfolg von «al dente» wieder mit einer Kochshow in die Primetime gehen zu müssen, haben das aber schnell korrigiert.

Kritiker bemängeln die Innovationskraft des Schweizer Fernsehens.
Ich erinnere an «Grüezi Deutschland» mit Frank Baumann . . .

. . . der schlechte Kritiken bekommen hat.
Das gehört bei neuen Sendungen dazu. Baumann ist nicht überall schlecht angekommen. «Die Zeit»-Kritik wollte ihm für seine Reportage das Bundesverdienstkreuz verleihen. Innovation bedeutet immer auch ein Risiko. Im Sommer gibt es mit «Die Millionen-Falle» ein neues Quiz-Format, «Schweiz aktuell» startet eine grosse Aktion im Wald. Wir wollen künftig sicher noch mehr Akzente setzen, auch mit flexibleren Sendeplätzen. Wir sind in der Struktur noch recht starr.

Wann kippen Sie «Benissimo»?
Das Publikum schätzt «Benissimo» nach wie vor. Die letzten Ausgaben erreichten 38 und 40 Prozent Marktanteil, im nächsten Jahr gibt es die 100. Sendung. Aber selbstverständlich sind wir daran, die Gesamtstrategie in der Unterhaltung für die nächsten Jahre zu definieren. Dabei werden alle Sendungen überprüft, auch «Benissimo». Eine neue Tendenz werden sicher Themenshows wie «Alpenrose» sein.

Damit wird der Abwärtstrend nicht aufzuhalten sein.
Die Leute in der Deutschschweiz verbringen 14,3 Stunden pro Woche mit unseren Angeboten – sei es am TV, am Radio oder online. Das ist ein sehr stolzer Wert. Das Nutzungsverhalten des Publikums hat sich verändert, gewisse Inhalte wie Nachrichten beispielsweise können heute jederzeit überall und mit allen möglichen Geräten konsumiert werden. Dass das einen Einfluss auf das Fernsehverhalten hat, ist klar. Wir stellen fest, dass das Publikum beim klassischen Fernsehen zunehmend die Events, Highlights und Specials sucht. Bei den «Grössten Schweizer Talenten» beispielsweise hatten wir tolle Quoten.

Das Schweizer Fernsehen verkommt zum Event-Sender?
Sicher nicht. Information und Nachrichten sind nach wie vor absolut zentral, das zeigen wir unter anderem mit einem starken trimedialen Schwerpunkt zu den Wahlen im Herbst. Während zweier Wochen senden wir live vom Bundesplatz, im Fernsehen, im Radio, online. Aber hier zeigt sich genau die Schwierigkeit: Wenn im TV die Marktanteile dann allenfalls nicht so hoch sind, heisst es wieder, wir seien im Quotenloch. Obwohl möglicherweise ganz viele Leute das Angebot nutzen, aber eben online. Die Schwierigkeit liegt in den jeweils unterschiedlichen Messmethoden. Diese lassen sich nicht vergleichen oder miteinander verrechnen.

Sie wollen eine neue Messmethode, bei der die Marktanteile dem Online-Zeitalter angepasst werden?
Absolut. Es braucht eine neue Währung für die Publikumsnutzung. Wie diese aussehen soll, ist international ein Thema. Die Nutzungsdauer als gemeinsamer Nenner kann eine Lösung sein.

Wenn 5000 Personen die «Tagesschau» online schauen, ist das nicht wirklich ein Spitzenwert.
Das ist ein fundamentaler Irrtum. Lineares Fernsehverhalten kann man nicht mit der News-Nutzung im Netz vergleichen. Viele Leute sehen sich online nur einzelne «Tagesschau»-Beiträge an – total sind das viel mehr als 5000. Die Visits auf www.sf.tv legten 2010 um 52 Prozent zu. Diesen Mai waren es 16 Millionen Visits. Es spielt letztlich keine Rolle, woher die Leute unsere Inhalte bekommen – ob online oder am TV –, sondern, dass sie genutzt und geschätzt werden.

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