VON GERALD TRAUFETER

Jahrtausende zog der Java-Adler ungestört über den Wipfeln des Regenwalds seine Kreise. Gänzlich unbehelligt vom Menschen jagte der Greifvogel mit der markanten Federhaube auf dem Kopf Schlangen, Echsen und Nagetiere. «Bis in die Neunzigerjahre existierten nicht mal ordentliche Fotos von dem Vogel», sagt der Biologe Vincent Nijman.

Doch dann wurde der Java-Adler plötzlich zur Berühmtheit: Zuerst erkor ihn Indonesiens Diktator Suharto zum seltenen Nationaltier, dann kam er auf die rote Liste bedrohter Arten – «eine tödliche Ehre», sagt der niederländische Zoologe. Denn nun muss Nijman zusehen, wie der Haubenadler immer öfter feilgeboten wird. Zoos stellen ihn aus, Sammler reissen sich um die rare Spezies, deren Bestand auf nur noch 600 bis 900 geschätzt wird.

Zwar ist jeglicher Handel mit dem Tier verboten, den Geschäftemachern drohen drakonische Strafen – «offiziell», wie Nijman lakonisch bemerkt. Aber dennoch begegnet der Forscher auf seinen vielen Reisen nach Java dem Vogel immer wieder auf den Tiermärkten. «Im Schnitt kostet ein Exemplar inzwischen 40 Dollar», sagt Nijman. Für einen Vogelhändler in diesem Land ist das eine hübsche Summe.

Im angesehenen Fachblatt «Oryx» kritisierte Nijman diese ungewollte Wirkung von Schutzlisten, und damit eine klassische Waffe der Naturhüter. Arten, deren Aussterben sie fürchten, setzen sie auf die rote Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) oder, im Falle besonderer Gefährdung durch Handel, in die Anhänge des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (Cites).

Doch genau diese Waffe kann sich als Bumerang erweisen. «Die Listung gilt im Kreis illegaler Händler fast wie eine offizielle Auszeichnung», klagt Nijman. Der Biologe der Oxford Brookes University fordert, ein Tier nur dann zu listen, wenn auch die Wilderei in jenem Land bekämpft werden kann.

Über 5000 Tierspezies finden sich mittlerweile auf den Cites-Anhängen. Diesen Oktober läuft die Frist für Artenschützer ab, neue Vorschläge für die Cites-Listung abzugeben. Im März wird darüber beschieden. In der Vergangenheit schoss in der Zeit zwischen dem Einreichen und der Konferenz der noch legale Handel hoch – um durchschnittlich 135 Prozent, so das Ergebnis einer französischen Studie.

Trotzdem brüsten sich Naturschutzverbände gern bei ihren Anhängern, wenn sie wieder einmal mit harten Kampagnen erreicht haben, dass einem Tier Schutzstatus gewährt wurde. Dass sie mitunter genau das Gegenteil bewirken, ist etwa dem World Wide Fund for Nature auch bewusst. «Für uns ist das ein Dilemma», sagt dessen Biodiversitäts-Experte Volker Homes. Und der IUCN-Biologe Jean-Christophe Vié erwidert: «Wilderer wissen doch eh besser als wir, welche Arten rar sind.»

Die Schattenseite der Listen entdeckte Chris Shepherd von der Organisation Traffic auf einem Wochenendmarkt in Bangkok: Strahlenschildkröten, eine vom Aussterben bedrohte Art aus Madagaskar, waren dort ausgestellt. «Potenzielle Käufer bekamen Informationen über den Rote-Liste-Status gleich mitgeliefert.»

Der illegale 10-Milliarden-Dollar-Markt ähnelt dem Drogenhandel: Der Fänger in Madagaskar etwa erhält 2 Franken für eine Strahlenschildkröte, im Westen kostet sie bis zu 3000 Franken. Den Käufern gehe es um Status, so Shepherd: «Ein totales Ego-Ding eben.»

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