VON FELIX STRAUMANN

Für viele Pollenallergiker war es ein hartes Frühlingserwachen. Ein Monat zu spät, dafür heftig wie selten blühten Ende Februar die beiden Pollenschleudern Hasel und Erle. Eine zweite, ebenso intensive Welle ging vor knapp einer Woche zu Ende. Und schon droht die nächste Keule: Nach Ostern werden laut Prognosen die Birken ihre Pollen freisetzten – je nach Wetter ist dann mit weiteren Spitzenwerten zu rechnen. «Zu solchen Explosionen kommt es jeweils nach langen, kalten Wintern», weiss Regula Gehrig, Biometeorologin bei Meteo Schweiz. «Dann braucht es nur ein paar warme Tage und plötzlich blühen alle Bäume gleichzeitig.»

Der unschöne Auftakt ins Pollenjahr macht leidenden Allergikern schmerzlich bewusst, wie sehr sie den Launen der Natur ausgeliefert sind. Potente Medikamente wie Kortison und Antihistaminika helfen ihnen zwar die Symptome zu unterdrücken – allerdings nur zum Preis mehr oder minder starker Nebenwirkungen. Die einzige Behandlung, die das Übel an der Wurzel packt, ist die spezifische Immuntherapie, auch Hyposensibilisierung oder Desensibilisierung genannt. Das Ziel dieser rund 100 Jahre alten Methode ist es, den Körper langsam an die allergieauslösenden Pollenproteine zu gewöhnen.

Die Methode ist wirksam, aber beschwerlich: Verteilt über drei bis fünf Jahre muss alle paar Wochen ein Extrakt unter die Haut gespritzt werden. «Aufgrund des hohen zeitlichen Aufwands entscheiden sich nur knapp fünf
Prozent der Pollenallergiker für eine Immuntherapie», sagt Georg Schäppi, Geschäftsleiter von aha! Schweizerisches Zentrum für Allergie, Haut und Asthma. Aus dem gleichen Grund halten viele die Therapie nicht bis zum Schluss durch.

Ein neuer Ansatz, der Allergiker bereits vor anderthalb Jahren aufhorchen liess, verspricht die Immuntherapie massiv zu beschleunigen. In einer Vergleichsstudie mit 160 Allergikern erzielten Mediziner um den Zürcher Dermatologen Thomas Kündig mit nur drei Injektionen innerhalb von acht Wochen den gleichen Erfolg, wie die herkömmliche Hyposensibilisierung in drei Jahren. Der Trick: Statt unter die Haut wurde der Pollenextrakt direkt in den Lymphknoten gespritzt, dort, wo der Körper bei der Immuntherapie schützende Antikörper bildet. Diese verhindern, dass Allergie-Antikörper (IgE) an die allergieauslösenden Stoffe binden.

Inzwischen sind die Forscher vom Universitätsspital Zürich und dem Schweizerischen Institut für Allergie- und Asthmaforschung (SIAF) in Davos einen Schritt weiter. Allerdings: «Wir sind umgeschwenkt auf Katzenhaare», sagt Thomas Kündig vom Unispital Zürich auf Anfrage des «Sonntags» – zur Enttäuschung der Pollenallergiker.

Doch es gibt gute Gründe für diesen Schwenker: Die Allergie gegen Katzenhaare ist viel weniger kompliziert als andere Atemwegsallergien und eignet sich deshalb besser für einen ersten Allergieimpfstoff. Anders als bei Heuschnupfen löst hier nur ein einziges Eiweiss die überschiessende Immunreaktion aus – und zwar bei allen Betroffenen weltweit. Dieses Eiweiss lässt sich hochrein in den Lymphknoten spritzen, wo es dank einer kleinen molekularbiologischen Änderung die gewünschte Immunreaktion sogar noch verstärkt. «Wir können deshalb mit rund 10000-fach geringerer Dosis arbeiten und vermindern dadurch das Risiko von gefährlichen Komplikationen», sagt Kündig.

Die Mediziner haben soeben eine Katzenallergie-Studie mit 20 Patienten abgeschlossen und sind dabei, die Daten zu publizieren. «Die Patienten tolerieren praktisch alle die Konzentrationen, die normalerweise in der Umgebung vorkommen», freut sich Reto Cameri vom SIAF in Davos. «Nebenwirkungen gab es erfreulicherweise bisher überhaupt keine.» Sollte es weiterhin so gut klappen bei der Katzenallergie, werden die Forscher das Prinzip bestimmt auf andere Allergene wie Pollen anwenden.

Der Schwenker auf die Katzenallergie hat auch ökonomische Gründe: Global gesehen, ist die Erkrankung sehr relevant. Alleine in den USA und Europa gibt es rund 150 Millionen Katzenallergiker. Der potenzielle Markt ist grösser als bei den Pollenallergikern, die je nach Kontinent und Breitengrad auf andere Pflanzen reagieren und damit unterschiedliche Behandlungsextrakte brauchen.

Ob sie wollen oder nicht: Die Wissenschafter müssen auf den Markt schielen, denn um ihr Projekt weiterzutreiben, brauchen sie unbedingt einen Industriepartner. «Alles hängt nun von der Finanzierung ab. Für die nächste Studie braucht es acht bis zehn Millionen Franken», schätzt Crameri. Die Industrie ist jedoch sehr zurückhaltend. Man scheut die hohen Kosten und möchte offenbar nichtdie eigenen Medikamente und Extrakte konkurrenzieren. Doch Crameri hat gute Argumente: «Wenn ein Industriepartner morgen unterschreiben würde, könnte unsere Idee bis in drei, vier Jahren marktreif sein.»

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