Deutschland – nur schon wegen der Sprache nehmen wir diese Taten sehr unmittelbar wahr. Wir können am Freitagabend zwischen ARD, ZDF, RTL und den Nachrichtensendern hin- und herzappen, hören Schüsse und Schreie, sehen zugedeckte Leichen und Passanten, die um ihr Leben rennen. Statt «Tatort – Adams Albtraum» (ARD) und «Ein Fall für zwei» (ZDF) gibt es Endlos-Sondersendungen, die einen realen Albtraum zeigen. Live und zur besten Sendezeit.

Was man in all den Stunden erlebt, ist ein Abbild unserer Echtzeit-Gesellschaft. Aus «bis zu drei Tätern», wie die Polizei meldet, werden auf RTL «drei Täter» (am Ende war es einer). Opferzahlen werden rauf- und runterkorrigiert. Die ARD fragt besorgt: Wo ist die Bundeskanzlerin? Barack Obama hat sich bereits zu Wort gemeldet, Angela Merkel aber wartet ab. Weil es kaum gesicherte Informationen gibt, skizzieren Terrorexperten alle möglichen Szenarien, um am Ende anzufügen, sie wollten nicht spekulieren. Mal ist von einem islamistischen Hintergrund die Rede, mal von einem rechtsextremen (am Ende stimmt weder das eine noch das andere). Mal gibt es einen Tatort, mal fünf Tatorte. Mit bewundernswerter Ruhe verkündet zwischendurch ein Polizeisprecher den wahren Erkenntnisstand und antwortet auf eine Journalisten-Frage, was die Polizei jetzt tue: «Wir machen unsere Arbeit.»

Vor 22 Uhr unterbricht das ZDF seine Sondersendung für internationale Kurznachrichten («Wir sind gleich wieder da, Sie verpassen nichts») und blendet als erstes Donald Trump ein, der zum Präsidentschaftskandidaten gekürt worden ist. Hillary Clinton habe «schreckliche, schreckliche Verbrechen» begangen, brüllt er. Ihr Erbe seien «Tod, Zerstörung und Terrorismus». Nur er, Trump, könne das ändern.

Danach zeigen die TV-Sender zwar nicht Merkel, die noch immer schweigt, aber Kanzleramtschef Peter Altmaier. Er sagt: «Wir alle müssen in einer Zeit der Globalisierung, wo sich auch Verbrechen und Terror weltweit vernetzen, damit leben, dass wir den Ort und die Stunde von Anschlägen nicht immer kennen können.» Und fügt den ebenso richtigen wie hilflosen Satz an, den wir so oft gehört haben: «Es darf nicht so weit kommen, dass die Terroristen ihr Ziel erreichen und unsere Gesellschaft verunsichern.»

Um Mitternacht ist von acht Toten die Rede, über die Täterschaft weiss man immer noch nichts. Die ARD sendet weiter, blendet nun Tweets von Münchnern ein. Einer davon: «Innehalten – durchatmen – weiter an das Gute im Menschen glauben, auch wenn es immer schwieriger wird.» Es ist nicht der schlechteste Rat in diesem verrückten Sommer.

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