Autor Thomas Lüthi ist Redaktor Kultur SRF

Serien erleben eine Blütezeit. Allwöchentlich tauchen neue Formate auf, werden gehypt und verschwinden nach ein oder zwei Staffeln. Wie ein Dinosaurier in dieser Durchlauferhitzer-Branche mutet der von SRF koproduzierte ZDF-Krimi «Der Alte» an. Es gibt ihn bald vierzig Jahre. Der Schauspieler Michael Ande war von Anfang an dabei. Nach Beständigkeit sah es 1977 aber noch nicht aus. Speziell für ihn nicht.

«Siegfried Lowitz – alias Hauptkommissar Köster – nahm mich nach dem ersten Drehtag beiseite, flüsterte mir zu ‹Eigentlich brauche ich gar keinen Assistenten›.» Heute kann Ande darüber lachen, damals läuteten bei ihm die Alarmglocken. Einhundert Folgen später wurde Lowitz durch einen anderen «Alten» ersetzt. Michael Ande blieb, überdauerte seinen grantigen Kollegen um dreihundert Folgen. Jetzt geht Andes Hauptkommissar Gerd Heymann am kommenden Dienstag nach der Episode «Paradiesvogel» in Pension. 40 Jahre dieselbe Rolle – unter den TV-Polizisten dürfte das Weltrekord sein.

Der Hauptgrund für die Beständigkeit von «Der Alte» trägt einen Namen: Helmut Ringelmann. Der Produzent besass einen einzigartigen Riecher für das deutschsprachige Mainstreampublikum. Mit «Der Kommissar», «Derrick» und eben «Der Alte» etablierte Ringelmann Ermittlertypen, die dem Zeitgeist diametral entgegenstanden. Höfliche Herren mittleren Alters mit schütterem Haupthaar, die ihrer Arbeit betont nüchtern und ohne ideologische Brille nachgingen. In der gesellschaftspolitischen Zerrissenheit der 60er- und 70er-Jahre bediente Visionär Ringelmann so die Sehnsucht nach Orientierung. Im TV-Korps herrschte Ruhe, das Chaos tobte ausserhalb. In den Anfangsjahren von «Der Alte» prallten Episode für Episode wütende Bürgerkinder auf vorgestrige Väter. Die Mordfälle sind entpolitisiert, der Zeitgeist ist trotzdem spürbar.

Konstanz, Dauerhaftigkeit, Verlässlichkeit: Das galt nicht nur für die Ermittlerfiguren, sondern auch für die Castingpolitik von Ringelmann. Es gibt mehrere Darsteller, die zwei oder drei Jahrzehnte dabei waren. Michael Ande mag nur Positives über den bei ZDF-Redakteuren gefürchteten Patriarchen Ringelmann sagen: «Er wollte, dass es uns gut geht. Er war ein Schauspielerproduzent.» Dass ihn Ringelmann verpflichtete, empfand Ande schon damals als Glücksfall. «Es war wie der Sechser im Lotto.» Dass er nur der Assistent der Hauptfigur war, störte ihn nicht, im Gegenteil: «Ich wusste, auf was ich mich bei diesem Part einlasse.» Mit der Zusage schlug Ande zwei Fliegen mit einer Klappe: «Meine Existenz war gesichert. Und das gab mir die Freiheit, auch andere, weniger lukrative Dinge anzupacken.»

1977 war Michael Ande bereits ein alter Hase in der Branche: In den 50er-Jahren sorgte er als DER bundesdeutsche Kinderstar für das Auskommen seiner Familie. Im Teenageralter spielte er die Hauptrolle in der Miniserie «Die Schatzinsel», als ihn Orson Welles für ein Projekt verpflichten wollte. Doch Ande hätte Vertragsbruch begehen müssen. Auch Peter Stein gab er einen Korb. Der Regieberserker wollte Ande für seine Inszenierung von Edward Bonds «Gerettet». «Ich habe die Absagen nicht bereut: Der Film von Welles war ein Riesenflop, das Theaterstück mochte ich ganz einfach nicht.»

Wer weiss, ob aus Michael Ande ein Leinwandstar klassischer Prägung hätte werden können? Doch das ist nicht seine Sichtweise: «An Karriere im üblichen Sinn war ich nie interessiert. Meine Erfolge haben sich immer in meinem Inneren abgespielt, frei von äusserer Bewertung. Spass an der Arbeit, Jobsicherheit und liebe Kollegen» gaben den Ausschlag, dem ZDF-Format die Treue zu halten. Und umgekehrt? Weshalb setzte das ZDF so lange auf ihn? Nun, Ande ist der lebende Beweis für die Gültigkeit der Theater-Maxime: «Den König spielen immer die anderen.» Ein Starmime kann sich erst dann entfalten, wenn das Gegenüber ihm den Boden dazu bereitet. Damit diese Maxime funktioniert, muss die «zweite Geige» auf Augenhöhe mithalten können und gleichzeitig zurückhaltend unterstützend agieren. Helmut Ringelmann erkannte diese Kombination in Ande, setzte auf dessen Kamerapräsenz, den Instinkt und das nuancierte Spiel. Michael Ande brachte so Christoph Waltz, Bibiana Beglau, Ernst Schröder, ja die ganze Crème de la Crème der deutschen Kino-, TV- und Bühnenszene, die in Hunderten Episodenrollen auftauchen, zum Schillern.

Selber Schillern durfte Michael Ande in seiner langen Karriere als Gerd Heymann selten. Grosse dramatische Fallhöhen auszuloten, war und ist den Episodendarstellern vorbehalten. Ecken und Kanten zeigen, darf vor allem der Chef. Doch auch der behält seine Emotionen im Zaum, tut in erster Linie seinen Job. Symptomatisch sind dabei die viel gescholtenen Dialoge im ZDF-Krimi. Deren Kunstlosigkeit ist Absicht. Sätze wie «Grossfahndung einleiten» oder «ich habe das Handy geortet» dienen als vertrauenserweckende Orientierungshilfe für das treue Publikum. In den Büros der Münchner Mordkommission wird nämlich gearbeitet, kryptisches Gestammel à la «True Detective» hat da keinen Platz.

Und Hand aufs Herz. Wenn die Polizei eingeschaltet werden muss, wer soll mit Blaulicht angerast kommen? Der daueralkoholisierte Schönling aus obgenannter HBO-Serie, oder doch lieber Gerd Heymann? Der hat nämlich auch Starqualitäten. Man muss nur ein bisschen genauer hinschauen.

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