VON FELIX STRAUMANN

«Die Technik kann noch so gut sein, irgendwann kommt das Hirn nicht mehr mit.» Uwe Kühhirt ist pessimistisch, was die Zukunft von 3-D-Filmen angeht. Die Überforderung des Gehirns sei der Haupthinderungsgrund, wieso sich 3-D nicht durchsetzen werde, sagt der Ingenieur vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT) im deutschen Ilmenau.

Sollte er recht behalten, wird es 3-D gleich ergehen wie vor sechzig Jahren. Damals dauerte die Blütezeit der dritten Dimension gerade mal von 1952 bis 1954. Dabei hat hierzulande der Eroberungsfeldzug erst begonnen: Nach den grossen 3-D-Kinofilmen wie «Avatar» sind nun seit Mai die ersten 3-D-Fernseher erhältlich und in einem Kino (in Schöftland AG) wurden erste Live-Bilder von WM-Spielen in 3-D übertragen. Weitere Standorte werden ab nächster Woche folgen, bereits sicher ist die Übertragung in den Pathé-Kinos.

Die Promotoren von stereoskopischen Bildern sehen keine Parallelen zu den 1950er-Jahren. Sie weisen auf die massiv verbesserte Technik hin, die keine Nebenwirkungen wie Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit haben soll. In den 1950er-Jahren benötigte man zwei Filmkopien, die in unterschiedlichen Farben oder Polarisationen synchron projiziert wurden, um die 3-D-Illusion zu erzeugen. Wegen der analogen Technik gelang jedoch die Synchronisation nie perfekt, wodurch die Bilder für das linke Auge nie genau mit denen für das rechte zusammenpassten. Die Folge: Der Filmgenuss war anstrengend und führte oft zu Kopfschmerzen. Die Synchronisationsprobleme fallen bei der neuen 3-D-Projektion weg, da die Bilder dank digitaler Technik in rascher Folge nacheinander mal für das eine, mal für das andere Auge projiziert werden.

Doch trotz neuer 3-D-Technik gibt es immer wieder Berichte über unangenehme Nebenwirkungen. Genaue Untersuchungen, wie das Phänomen zustande kommt, gibt es noch nicht. Fraunhofer-Ingenieur Uwe Kühhirt hat eine mögliche Erklärung: «Das Problem ist vermutlich, dass sich bei 3-D alles auf einer flachen Ebene abspielt, das Auge aber woandershin fokussieren will.» Das strengt das Hirn an und kann unter Umständen zu Kopfschmerzen führen. Daran kann noch so präzise Technik nichts ändern.

Auch wenn die Datenlage dünn ist, zeigt eine repräsentative Befragung von rund 1000 Personen durch Forscher von der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg von 2009, dass 3-D-Nebenwirkungen nicht einfach als eine Ausnahmeerscheinung abgetan werden können. Rund ein Drittel der Befragten befürchtete nämlich, dass ihnen bei 3-D-Filmen übel oder sonst unwohl wird.

Bei vielen Betroffenen dürfte jedoch nicht die von Kühhirt vermutete Erklärung zu unangenehmen Symptomen führen. Vielmehr leiden sie an einer teilweise angeborenen Bewegungsüberempfindlichkeit. «Das ist wie bei der Reisekrankheit», sagt Stefan Hegemann, Schwindelspezialist am Universitätsspital Zürich. Fachleute vermuten den Ursprung der Beschwerden darin, dass Auge und Gleichgewichtsorgan nicht dieselbe Information liefern. So wird auf hoher See oder bei einer kurvenreichen Autofahrt der Körper durchgeschüttelt, während das Auge diese Bewegungen kaum wahrnimmt.

Bei 3-D-Filmen ist es umgekehrt: Während wir still sitzen, führt die Kamera unser Auge auf wilde Berg-und-Tal-Fahrten. Bei empfindlichen Personen reagiert der Körper mit Benommenheit, Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel. «Das kommt auch bei normalen Kinofilmen vor, wenn Betroffene nahe bei der Leinwand sitzen und das ganze Gesichtsfeld von den bewegten Bildern gefüllt ist», sagt Hegemann. Dieser Effekt wird bei 3-D-Filmen noch verstärkt, da der visuelle Bewegungsreiz dank ausgefeilter Technik viel realistischer ist.

Bekannt ist das Phänomen auch aus Computerspielen und Flugsimulatoren. Wie viele Menschen davon betroffen sind, variiert dabei beträchtlich und ist unter anderem von der Art der Spiele und Simulatoren abhängig. Eine umfangreiche Studie der US Navy mit Flugsimulatoren fand beispielsweise heraus, dass 10 bis 60 Prozent der Versuchsteilnehmer Symptome entwickelten.

Doch es gibt auch Spezialisten, die glauben, dass die 3-D-Krankheit kein schwerwiegendes Phänomen ist und in erster Linie von der Qualität der Filme abhängt. «Das ist alles eine Frage der Sorgfalt bei der Produktion», sagt Jesko Jockenhoevel, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Vor allem müssten die Filmemacher darauf achten, dass sie nicht auf extreme Tricks setzten und den 3-D-Effekt nicht zu stark machten. Auch auf die Schnitte müsse geachtet werden. «Die meisten Kinofilme gehen sehr sorgfältig damit um», sagt Jesko Jockenhoevel.

Inwiefern die Brillen zu 3-D-Nebenwirkungen beitragen, ist unklar. In der erwähnten Befragung der Hochschule für Film und Fernsehen in PotsdamBabelsberg gaben jedenfalls über 20 Prozent an, dass sie eine Brille sehr stark störe. Klar ist, dass das Gestell im Gesicht das Blickfeld zusätzlich einschränkt, was die Illusion von Bewegung und damit das Risiko einer 3-D-Übelkeit zusätzlich verstärkt.

Doch was lässt sich gegen die 3-D-Krankheit tun? Am einfachsten ist es natürlich, auf das 3-D-Erlebnis zu verzichten. Wer dies nicht tun will oder erst im Kino merkt, dass ihm mulmig wird, kann sich auf statische Bildteile konzentrieren, beide Augen vorübergehend schliessen oder zwischendurch den Blick im Kino umherschweifen lassen. Auf keinen Fall sollte man versuchen, auf Objekte und Bildteile zu fokussieren, die gerade nicht scharf sind, denn das fördert 3-D-Symptome erst recht. Hingegen hilft es, zeitweilig ein Auge abzudecken und damit den 3-D-Effekt zu eliminieren. Sie sehen dann so wie die rund 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, die nicht stereoskopisch sehen und sich deshalb das Geld für 3-D-Filme sparen können.

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