Auf diese Idee muss einer erst einmal kommen. Weil Hansi Voigt, Chefredaktor von «20 Minuten Online», hohe Nachtschicht-Zulagen vermeiden will, verlegt er einen redaktionellen Arbeitsplatz 9300 Kilometer ostwärts. «Wir haben im 22.Stockwerk eines Hochhauses in Central Hongkong 60 Quadratmeter gemietet», bestätigt er entsprechende «Sonntag»-Recherchen. Abends, wenn in Zürich der Feierabend beginnt, fängt der Dienst in Hongkong an, am nächsten Morgen bei Arbeitsbeginn in Zürich werden in der einstigen britischen Kolonie die Lichter gelöscht. Konkret: Um 24 Uhr und um 7 Uhr (Schweizer Zeit) ist Dienstübergabe per Skype-Konferenz.

Hintergrund für dieses ungewöhnliche Projekt: Bis vor kurzem wurde «20 Minuten Online» vorwiegend zur Bürozeit angeklickt. Voigt: «Mittlerweile liest uns ein Drittel aller Nutzer über mobile Geräte.» Das hat Folgen: «Wir haben jetzt vor allem am frühen Morgen eine hohe Quote. Was bedeutet, dass wir früher frische Meldungen haben müssen.»

Hätte man in Zürich einen 24-Stunden-Betrieb einrichten wollen, wäre das nicht nur wegen der arbeitsrechtlich festgelegten Zulagen teuer geworden, es hätte auch Auswirkungen auf die Befindlichkeit des Personals gehabt. Voigt: «Wenn die Mitarbeiter Nachtschichten leisten oder dauernd um 4 Uhr morgens zur Arbeit müssen, dann können sie sich von der Familie verabschieden. Und vom Freundeskreis ebenfalls.» Voigt suchte nach einer, wie er es ausdrückt, «horizonterweiternden Lösung, die auch noch Spass macht».

Er verwarf der Reihe nach Sydney und Los Angeles als Aussenstationen und entschied sich für Hongkong. «Asien hat als Up-Coming-Markt Zukunft. Unsere Mitarbeiter sollen von dieser Aufbruchstimmung etwas mitbekommen.» Sechs Wochen dauert jeweils ein Hongkong-Einsatz. Länger wäre nach Voigts Ansicht kontraproduktiv: Der Aussendienstmitarbeiter soll in Hongkong keine Wurzeln schlagen, und den Bezug zur Schweiz darf er auch nicht verlieren.

Der Vorschlag des «20 Minuten Online»-Chefs stiess bei der Belegschaft auf Begeisterung: Bis Ende 2013 ist der Betrieb in Hongkong gesichert. Allzu anstrengend dürfte der Abstecher in den Fernen Osten nicht werden: Recherchen sind kaum möglich, weil die Schweiz schläft, wenn in Hongkong das Geschäftsleben auf Touren kommt. Voigt geht aber davon aus, dass der temporäre Hongkong-Mitarbeiter Geschichten mit Zusatzelementen weiterziehen kann, die beispielsweise von «10 vor 10» aufgebracht wurden. Zudem werden die USA laufend neue Nachrichten liefern.

Dieses spezielle Outsourcing, das nach Voigts Berechnung «nur unwesentlich teurer zu stehen kommt als eine Schweizer Nachtschicht-Lösung», soll mithelfen, die starke Stellung des «20 Minuten Online»-Portals zu festigen. Die Redaktion geniesst den Ruf, wesentlich journalistischer zu arbeiten als andere Online-Portale. Die Investition in die Qualität sei ein längerer Prozess, sagt Voigt. «Wir haben in den letzten vier Monaten die Redaktion von 40 auf 65 Stellen ausgebaut. Wenn unser Erfolgsrezept aufgeht, werden weitere neue Stellen geschaffen.» Und wie steht es um die Rentabilität? Voigt darf keine Zahlen nennen. Er sagt bloss: «‹20 Minuten Online› ist hochprofitabel.»

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