Die Exponenten der Gegner, beispielsweise Verleger Max U. Rapold, haben eine gewaltige Verantwortung auf sich geladen», sagte der damalige «Bilanz»-Chefredaktor Peter Hartmeier im Namen des Schaffhauser Komitees für den EWR-Beitritt nach verlorener Schlacht. Und auch sein Mitstreiter Arnold Marti führte die Niederlage auf die «erbitterte Gegnerschaft der bürgerlichen Tageszeitung» zurück. Er sei aber, fügte Jurist Marti bei, angesichts des heftigen Widerstands mit dem Abstimmungsergebnis «relativ zufrieden».

Da musste der heutige Vize-Obergerichtspräsident Marti angesichts der Schlappe einen Anfall von geistiger Umnachtung erlitten haben. Hatten die Schaffhauserinnen und Schaffhauser doch die Vorlage tags zuvor mit einer selbst für ihre Verhältnisse rekordhohen Stimmbeteiligung von 85 Prozent regelrecht versenkt. Eine satte Mehrheit von 25 810 war gegen einen Beitritt zum EWR, nur 15 249 stimmten dafür.

Einer geeinten Befürworterallianz aus politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Exponenten stand in Schaffhausen einzig ein widerborstiges Häufchen bereits betagter Gegner gegenüber. Und die «Schaffhauser Nachrichten». Die Redaktion hatte sich nach intensiver Diskussion mit ihrem damaligen Verleger und Chefredaktor Max U. Rapold als einzige Tageszeitung, ja, als einziges Medium weit und breit auf eine Nein-Parole geeinigt. In seinem Appell für eine unabhängige und eigenständige Schweiz und gegen die Teilnahme am «Trainingslager» (Ogi) hatte Rapold am Samstag vor der Abstimmung unter dem Titel «Suiza existe» unter anderem geschrieben, im Verhältnis zu Europa müsse die «Entscheidungsautonomie gewahrt bleiben». Wer gegen den EWR-Vertrag antrat, bezahlte seine Überzeugung teuer: Druckaufträge wurden zurückgezogen, Abonnements gekündigt. Und immer wieder musste die Redaktion sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre Haltung gefährde die gedeihliche Zukunft des Landes.

Nicht nur die EWR-Befürworter, auch die Publizistik erlitt vor 20 Jahren eine empfindliche Niederlage. Angesichts der schweizerischen Einheitsmeinung hatte ich mich damals, drei Tage vor der Abstimmung, mit den Kollegen beschäftigt und unter anderem geschrieben: «Wer derzeit die Schweizer Medienlandschaft durchwandert, erblickt gar wunderliche Dinge. Journalisten, die sich jahrelang in Ausgewogenheit und Meinungsabstinenz bis zur Selbstverleugnung übten, bekennen nun plötzlich Farbe, übertünchen damit jeden Artikel, jedes Ressort und schliesslich das ganze Blatt. Wir erleben ein Coming-out auf allen Stufen; vom Volontär bis zum Chefredaktor schreibt nun fast jeder für den EWR. Wie ein Mann stehen die Redaktionen mit wenigen Ausnahmen hinter dem Bundes- und den anderen Räten und Managern der Multis.»

Die Wochen vor der EWR-Abstimmung waren ein Lehrstück für journalistische Parteilichkeit. Dies traf alle Gegner, vor allem aber einen, den engagiertesten: Christoph Blocher. Er erfuhr aus der «SonntagsZeitung», dass der St. Galler HSG-Professor Cuno Pümpin seinen Rücktritt aus dem Verwaltungsrat von Christoph Blochers EMS-Chemie ankündigte, weil dieser sich gegen den EWR engagierte. Professor Pümpin habe den «wohlüberlegten Entscheid» seinem Verwaltungsratspräsidenten nicht persönlich mitteilen können, weil Christoph Blocher am Freitag nicht im Büro gewesen sei, meldete die Zeitung.

Der damals schon notorische Blocher-Gegner Frank A. Meyer schrieb im «SonntagsBlick»: «Die böse Stimmung dieser Kampagne, die auf Angst setzte und Hass schürte, entstand nicht aus dem Nichts. Es brauchte dazu den Messias, der diese Stimmung anheizte, der sie genoss, der sich nie distanzierte vom totalitären Ungeist seiner Gläubigen. Seine Messen waren schwarze Messen für unsere demokratische Kultur.»

Sogar der Verleger des «Tages-Anzeigers», Hans-Heinrich Coninx, griff zur Feder: «Am 6. Dezember 1992, also erst 46 Jahre nach Churchills historischer Rede, schicken wir uns an, darüber zu befinden, ob wir in den ‹Vorhof› einer echten europäischen Mitverantwortung treten wollen oder auch nicht.» Was wir wie folgt quittierten: «Ob eine Verantwortung einen Vorhof hat, sei einmal dahingestellt. Aber Churchill, der sich ja leider nicht mehr wehren kann, als Kronzeugen für einen EWR-Beitritt anzurufen, das ist ein starkes Stück.»

Beliebig lang ist die Liste der Verstösse gegen jegliche journalistische Unabhängigkeit in jenen Tagen vor dem 6. Dezember. Zitat aus den «Schaffhauser Nachrichten» von damals: «Während sich der ‹Tages Anzeiger› bei seinem Ja zum EWR auf Winston Churchill beruft, bemüht das ‹Forum der Katholiken› Niklaus von Flüe. «Bruder Klaus – für oder gegen EWR?», heisst der Titel eines Artikels des früheren Bruder-Klaus-Kaplans Walter Signer, in dem nachgewiesen wird, dass Niklaus von Flüe für den EWR gewesen wäre. Der Beweis: Bruder Klaus war ein Mystiker. Mystiker kennen keine Grenzen, weil sie allein Gott die Macht und die Ehre geben.»

Schliesslich: 1992 war ein Lehrstück für all jene, die behaupten, Titelvielfalt ersetze Eigentümervielfalt und sei gleichbedeutend mit Meinungsvielfalt.

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