VON CLAUDIA WEISS

Machen Sie es sich gemütlich und hören Sie zu: «Als wir an diesem Abend aus der Kirche kamen, war es kalt und klar. Der Schnee knirschte unter unseren Füssen und die Sterne leuchteten hell, sehr hell. Und ich dachte an den Verkündigungsengel, an Hedwig mit ihren dünnen Beinen und ihren schmutzigen Stiefeln, die unter ihrem Kostüm hervorschauten, an Hedwig, die uns allen zurief: ‹He, euch ist ein Kind geboren!›»

Würden Sie am liebsten zuhören, wie diese etwas andere Version der Weihnachtsgeschichte von Barbara Robinsons «Hilfe, die Herdmanns kommen» weitergeht? Kein Wunder: Weihnachtlich oder nicht, Geschichten üben einen Zauber auf Gross und Klein aus. Guter Plot und lebhafte Intonation genügen, um alle in den Bann zu ziehen.

«Erzählen und Zuhören sind menschliche Grundbedürfnisse, seit je und in allen Kulturen», erklärt Barbara Gobrecht die Faszination. Die Erzählforscherin befasst sich professionell mit der Bedeutung von Märchen und untersucht auch, wie sie zwischen Kulturen Brücken schlagen können. Sie wundert sich allerdings, dass viele Leute ausgerechnet die Weihnachtszeit besonders intensiv mit Märchen verbinden: «Das hat keinen Grund – ausser dass die Abende lang sind und zum gemütlichen Zusammensitzen einladen: Märchen sind zu jeder Jahreszeit aktuell.»

Über herablassende Äusserungen wie «Märchen sind nett für Kinder, aber nicht ganz ernst zu nehmen» kann sie herzhaft lachen. «Nett? Wenn die Hexe verbrannt wird oder Aschenputtels Schwester sich auf Geheiss ihrer Mutter die Ferse abschneidet?» Im Gegenteil, Barbara Gobrecht ist überzeugt, dass Märchen dank ihrer Bildhaftigkeit für Menschen jeden Alters gehaltvoll sind: Kindern zeigen sie mögliche Wege und geben ihnen die Sicherheit, dass alles gut kommt. Erwachsenen bieten sie Unterhaltung und konkrete Lebenshilfe, und alten Menschen dienen sie zur Erinnerung und Konzentrationsförderung.

Manchmal malen Geschichten ganz einfach den Alltag bunter. Fanden Sie bisher die Altjahrswoche öde und trist? Dann lassen Sie sich dieses Jahr von den Mythen rund um die Raunächte verzaubern: Die zwölf Nächte zwischen der Wintersonnenwende am 22. Dezember und Epiphanias, dem Dreikönigstag, gelten weithin als magisch, in dieser Zeit sind die normalen Gesetze der Natur aufgehoben und die Grenzen zur Geisterwelt stehen offen. An Silvester um Mitternacht werden die Geisterkräfte so stark, dass die Tiere in den Ställen sprechen können, und noch heute öffnen Bergbauern der ungestümen Frau Percht und ihrer «wilden Jagd» die Scheunentore, damit der dämonische Zug ungehindert durchsausen kann.

Andere Sagen dienen dazu, die eigenen Ängste in Worte zu fassen oder klare Verhaltensanweisungen zu geben: Sagen sind Angstgeschichten, während Märchen Hoffnung spenden. Die Erzählforscherin schliesst sich dem Schweizer Literaturwissenschafter Max Lüthi an, der fand, Märchen seien ‹welthaltig›: «Sämtliche Themen, die für uns Menschen wichtig sind, kommen darin vor.»

Kein Wunder, haben mittlerweile Fachleute aus verschiedensten Gebieten die Möglichkeiten von Geschichten für sich erkannt: Pädagogen nutzen sie als Erziehungsmittel, Theologen bauen sie in ihre Predigten ein, Genderforscherinnen untersuchen sie nach Rollenbildern und Anthropologen oder Sprachwissenschafterinnen finden darin reichhaltiges Forschungsmaterial. In der Gerontologie spielen Biografiearbeit und Märchen eine zentrale Rolle, um das Gedächtnis alter Menschen fit zu halten; und inzwischen sind auch Manager auf die Vorbildfunktion von Märchenfiguren gekommen.

Psychologen und Psychiater wie der Argentinier Jorge Bucay zeigen ihren Patienten mithilfe von Geschichten auf illustrative Weise Lösungen auf. So redet Bucay in seinem Buch «Komm, ich erzähl dir eine Geschichte» nicht lange auf seinen fiktiven Patienten Demian ein, als dieser sich über abnehmende Leistungsfähigkeit beklagt, sondern erzählt ihm kurzerhand eine Geschichte: Ein Holzhacker, der am ersten Tag achtzehn Bäume fällt, bringt es am zweiten Tag nur noch auf fünfzehn Bäume und dann auf immer weniger, bis er am sechsten Tag nicht einmal mehr zwei ganze Bäume schafft.

Auf die Frage, wann er die Axt zum letzten Mal geschliffen habe, antwortet er erschöpft, zum Schleifen habe er absolut keine Zeit, er sei zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen. Ob als hilfreicher Lösungsansatz oder unterhaltsame Anekdote, die Erzählung macht Lust auf mehr. Darum machen Sie es sich bequem und füllen Sie die langen Dezemberabende mit vielen weiteren Geschichten. Sie machen die Welt bunter.

www.maerchengesellschaft.ch

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