AUF PIRSCH IN DER WILDEN, GEHEIMNISVOLLEN SCHWEIZ

In der Schweiz gibts zwar keine Löwen oder giftige Riesenspinnen, aber dass es auch hier wild zu- und hergehen kann, das beweist der Film «Wildnis Schweiz».

VON GERALDINE CAPAUL

«Wildnis kann vor der eigenen Haustür stattfinden», sagt der erfahrene Natur- und Tierfilmer Christoph Schmid, der mit fünf anderen Tierfilmern das Material für den Film «Wildnis Schweiz» geliefert hat. Damit meint er die Schweizer Gartenkultur, die sich in den letzten Jahren wieder vermehrt zum Natürlichen geändert hat. «Sind diese Gärten untereinander vernetzt, gibt das ein kleines Ökosystem. Nicht für den Wolf oder den Luchs, aber für Insekten, Reptilien und Vögel», ist Schmid überzeugt.

Auch unsere Schweizer Wälder sind wild – zumindest zeigt sich eine Tendenz dazu. Seit man von der Monokultur der Nadelholzbäume weggekommen ist und wieder vermehrt auf Mischwälder setzt, gibts auch wieder mehr verschiedene Tier- und Pflanzenarten. «Eine Eiche kann bis zu 200 Tierarten beherbergen», so Schmid. Ebenfalls zu einer Verbesserung der Situation beigetragen hat «Lothar». Dadurch, dass der Orkan ganze Regionen kahl geschlagen hat, konnte eine neue Vegetationsstruktur heranwachsen. Das liegen gebliebene Altholz hat viele Arten gefördert.

Nach wie vor gibt es viele Rehe und Füchse in den Schweizer Wäldern. Diese Tiere sind Kulturfolger, das heisst, sie passen sich den Menschen an. Rehe und Füchse kommen auch zu uns in die Städten. «Die leben unter uns Menschen, ohne das wir das merken», sagt Schmid. Dass wir bei unseren Waldspaziergängen trotzdem selten auf ein Reh oder einen Fuchs treffen, hat damit zu tun, dass sie aufgrund des Populationsdrucks von uns Menschen nachtaktiv geworden sind.

Ursprüngliche Wildnis kann man vor allem in den Bergen erleben: Dort gibts vernetzte Inseln und Naturschutzgebiete, die den Tieren ein ungestörtes Leben ermöglichen. Auch unsere Seen und die Flüsse sind in einem relativ guten Zustand. Trotzdem – Fakt ist: Unsere Wildnis ist sehr stark bedrängt, vor allem durch die Grenzen in der Schweiz. «Wir können das Territorium nicht ausweiten», erklärt Schmid. Es gibt sehr viele Tierarten, die mit den Menschen und ihrem teilweise rücksichtslosen Verhalten nicht leben können.

Bedroht sind beispielsweise Wildhühner, die in den Bergen leben und von den Menschen unberührte Wälder brauchen. Nach wie vor bedroht sind der Luchs und alle grossen Raubtiere, wie auch der Wolf, «der sofort abgeschossen wird, sobald er in die Schweiz einwandert. Dabei gäbe es genug Nahrung für alle», ist Schmid überzeugt.

Gefährdet sind auch die Amphibien, die auf ihren Wanderungen dem dichten Strassennetz und damit dem Verkehr zum Opfer fallen. Am stärksten bedroht sind all diejenigen Tierarten, die nicht zu den Kulturfolgern gehören und die spezielle Lebensräume brauchen, wie beispielsweise Hochstammobstgärten.

Auch die Schilfzonen an Gewässern sind durch die Wellengänge, verursacht durch die Motorboote, gefährdet. Schmid spricht in diesem Zusammenhang vom Erholungsdruck am Wochenende und vom Individualismus der Menschen. «Freizeitaktivitäten sollen stattfinden, aber sinnvoll», sagt er und bringt das Beispiel des Freeclimbings an steilen Bergwänden, wo der Falke brütet. «Die Kletterer sollen ihren Platz haben», meint Schmid, «es soll aber nicht an jeder Wand einen geben, nur weil man der Einzige sein will, der diese Wand bezwingt», meint Schmid.

So gilt es also einerseits diese Räume zu erhalten, zu pflegen und zu vernetzen und andererseits nicht rücksichtslos in sie vorzudringen. «Wenn man jedoch verantwortungsvoll mit der Natur umgeht, kann man jede Wildnis erkunden», sagt Schmid. In den letzten Jahren habe bereits ein Umdenken stattgefunden, die Natur ist wieder «in» und die Menschen gehen sorgfältiger mit ihr um. Das zeige auch das grosse Interesse an Filmen wie «Wildnis Schweiz». Deshalb kann man heute noch, wenn man sich darauf einlässt, in Wildnis geraten.


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