Es sei einfach kein Kind mehr gekommen nach dem ersten, sagt die Frau. Sie zeigt mir ein Fotoalbum, ich interviewe sie wegen einer ganz anderen Sache. Sie sagt den Satz nebenbei. Ich weiss nicht, ob es die alte Frau heute noch traurig macht, dass sie nicht mehr Kinder hat. Aber ich bin sicher: Sie fühlt sich nicht als Versagerin. Sie sagte leicht dahin: «Es ist einfach keins mehr gekommen.»

Das Schicksal wollte es eben so. Diese Begründung gibt es heute nicht mehr. Das Schicksal ist verschwunden. Die Medizin hat es verdrängt. Die liberale Gesellschaft ohne familiäre Zwänge hat mitgeholfen. Und das romantische Schicksal haben Partnervermittlungen im Internet mit ihren tausend möglichen Prinzen und Prinzessinnen erwürgt. Aber der Reihe nach.

Von Schicksal sprachen die Menschen früher, wenn es um grosse Veränderungen im Leben ging: Ums Kinderkriegen, um die Heirat, um Krankheit, Unfälle und den Tod. Ereignisse, auf die man wenig Einfluss hatte. Jene, die nicht ans Schicksal glaubten, glaubten an Gott. Aber auch Gott hat heute nicht mehr viel zu sagen an einem Scheideweg im Leben.

Die Frau, die nur ein Kind bekommen hat, würde heute gefragt: «Habt ihr denn alles versucht?» Hormontherapie, künstliche Befruchtung, Fruchtbarkeits-Yoga? Vielleicht hätte die Frau das auch alles gemacht, wenn sie fünfzig Jahre später zur Welt gekommen wäre. Heute jedenfalls sind Frauen mit Kinderwunsch, die ihre Fruchtbarkeit nicht verbessern, selber schuld, wenn sie kinderlos bleiben. Das Schicksal ist kein Trost mehr. Denn vieles ist machbar. Also tut es!

Nichts tun geht nicht mehr

Es ist ein Fortschritt, dass den meisten Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch geholfen werden kann. Es hat bloss Nebenwirkungen: durch die Hormonbehandlung, durch den Stress während einer künstlichen Befruchtung, das Warten, Hoffen und durch die Entscheidungen, die Paare treffen müssen: Tun wirs noch mal? Und die nächste Therapie auch?

«Nichts tun ist heute oft keine Option», sagt die Zürcher Ethikerin Vanessa Rampton. «Das Leitmotiv in unserer Kultur lautet: intervenieren.» Also nutzen wir die neuen Möglichkeiten. Aber überfordert uns das nicht? Genau davon ist der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann überzeugt. Die Pränatale Diagnostik sei nicht in jedem Fall hilfreich, die Frauen würden in die Tests hineingedrängt, sagte er in einer «Sternstunde Philosophie» auf im Schweier Fernsehen SRF zum Thema «Wie wir Kinder machen dürfen». «Wir sind überfordert mit all den Entscheidungen, die wir heute treffen müssen. Früher nahm uns so etwas das Schicksal aus der Hand», sagt Liessmann. «Für den Einzelnen sind diese Entscheidungen eine Zumutung.» So sei das halt, sagt der Philosoph: «Der Freiheitsgewinn, also die Freiheit, über etwas entscheiden zu können, ist zugleich ein Zugewinn an Verantwortung.»

Der Fortschritt in der Medizin macht Paare glücklich, Kinder kommen dann doch noch zur Welt. Der Stress ist irgendwann vergessen. Bloss auf dem Weg zum Glück war das kein Glück. Wir müssen ständig entscheiden, was am besten zu tun ist. Nicht nur bei unerfülltem Kinderwunsch. Auf dem Weg zum Glück mit einem gesunden Kind müssen werdende Eltern entscheiden: Soll der behinderte Embryo abgetrieben werden? Sie müssen sich bewusst für ein solches Kind entscheiden und für alles, was das mit sich bringt – oder dagegen. Die Eltern stehen bei der Geburt nicht vor der vollendeten Tatsache, denn der Ultraschall oder die Blutanalysen haben die Eltern lange vorher zu einer Entscheidung über Leben oder Tod gezwungen.

Es ist heute auch kein Schicksal mehr, als Single oder Homosexuelle kinderlos zu bleiben. Eizellenspende, Samenspende und Leihmutterschaft ermöglichen vieles. Einerseits wird alles für das Wunschkind gemacht, andererseits haben die Frauen heute die Freiheit, straffrei abtreiben zu können. «Wir muten uns sehr viel zu», findet Liessmann.

Am Lebensende wird es nicht etwa einfacher. Der Krebskranke muss immer wieder entscheiden: Noch eine Therapie? Noch ein Versuch, den Tod zu besiegen? Oder die Sterbehilfeorganisation rufen? «Wir wissen nicht mehr wie sterben», sagt Ethikerin Rampton dazu. «Unser hyperaktives Verhalten beeinflusst auch unseren Umgang mit dem Tod. Denn der medizinische Fortschritt hat die Tatsache, dass unser Leben begrenzt ist, nur hinausgezögert, nicht gelöst.» Am Lebensende wissen wir nicht, wie damit umgehen, wenn nichts mehr zu tun ist.

Das Pech gibt es auch nicht mehr

Denn trotz aller Möglichkeiten siegen wir nicht immer. Wer am Ende ohne Erfolg aufgibt, wer kinderlos bleiben muss und trotz aufgehobenem Nabelschnurblut seine spätere Erkrankung nicht heilen kann, der ist gescheitert. Es geht nicht darum, dass er dann sein Schicksal akzeptieren muss, nein, er muss seine Niederlage annehmen. Der Tod? Auch eine Niederlage.

Früher war ein langes Leben Glück. Geschenkt, zufällig – oder durch Gott, je nach Ansicht. Heute sind wir unseres Glückes Schmiede. Das ist eine Befreiung in vielen weniger dramatischen Situationen ausserhalb des medizinischen Bereichs: Wir können unseren Beruf oder unseren Lebenspartner frei wählen. Aber gelassen macht es uns auch da nicht.

Im Gegenteil, wir fürchten inmitten der tausend Möglichkeiten, die wir heute haben, das selbst geschmiedete Unglück. Wenn die Familie früher einen Bauernhof hatte oder ein Unternehmen, war dies das Schicksal des Ältesten. Was er werden sollte und ob es ihn erfüllen würde, musste er gar nicht erst überlegen. Wir aber entscheiden uns heute für einen Beruf und hadern spätestens mit 40, ob wir nicht einen anderen hätten wählen sollen, um glücklicher zu sein. Wir hätten es ja in der Hand gehabt.

Und wie ist das mit der Lebenspartnerin, dem Lebenspartner? Wir sehen es als romantisches Schicksal, wenn zwei Menschen eines Tages im gleichen Zugabteil sitzen oder ausgerechnet Mister Right der neue WG-Mitbewohner wird und man sich kennen lernt. Auf der Partnervermittlungsbörse im Internet gibt es dieses Gefühl nicht. Man hat sich durch Hunderte Profile durchgeklickt und wenn es in der Partnerschaft schwierig wird, fragt man sich: Wäre das nächste Profil nicht vielleicht besser gewesen?

Unfälle sind auch nicht mehr immer Schicksalsschläge. Zum Beispiel wenn wir die Sicherheitsgurte, den Velohelm oder den Rückenpanzer beim Skifahren nicht getragen haben. Dann: selber schuld. Oder der Hersteller, der Eventorganisator, der Infrastrukturbesitzer ist schuld. Bald gilt das auch für Autounfälle, wenn wir uns kein selbstfahrendes Auto leisten. Wir haben im Nebel ein Tram nicht gesehen? Selber schuld. Wir sind in einem selbstfahrenden Auto gesessen und hatten trotzdem einen Unfall: Der Hersteller ist schuld. Nicht Schicksal, nicht Fügung, nein, ein Fehler von irgendjemandem.

Ach ja, und die Gene, die zeigen könnten, ob wir vielleicht an Alzheimer erkranken werden, sollen wir sie analysieren? So wüssten wir, ob wir jetzt schon für eine teure Pflegeeinrichtung zu sparen beginnen sollen. Aber was tun wir, falls wir diese Prognose bekommen, dann mit der Angst vor einem solchen Lebensende?

Es kommt nicht mehr, wie es muss

Wir haben die Gelassenheit verloren, dass es kommt, wie es kommen muss. Stattdessen sammeln wir als Schmiede unseres Schicksals Tage voller Angst vor der Zukunft. Denn vielleicht haben wir nicht alles berücksichtigt, uns nicht genug gut informiert und dann falsch gehandelt.

Es gibt kein Zurück. Das Wissen und die neuen Techniken sind da. Ignorieren geht nicht. Diesmal können wir uns keiner Retro-Bewegung, keinem Digital Detox verschreiben oder all unser Gemüse auf dem Dach des Mietblocks selber ziehen oder auf einer einsamen Alp zu überleben versuchen. Das Schicksal ist für immer verloren, denn selbst wer keine der heutigen medizinischen und technischen Möglichkeiten wählt, muss das bewusst entscheiden. Und spielt selber Schicksal.