Sheryl Sandberg ist perfekt, beängstigend perfekt, sogar wenn sie trauert. Wer gedacht hatte, der plötzliche Herztod ihres Mannes vor zwei Jahren könnte die Facebook-Chefin, die zu den einflussreichsten Frauen der Welt zählt, aus dem Tritt bringen, sie gar umhauen, der sieht sich getäuscht.

Das Gegenteil ist der Fall: Der Schicksalsschlag hat die junge Witwe nur noch tougher gemacht, noch berühmter, unangreifbarer. Perfekter als perfekt.

Wenn eine Frau in Amerika Präsidentin werden kann, dann sie – Ambitionen in Richtung Weisses Haus wurden der Top-Managerin in der Vergangenheit durchaus zugeschrieben. Immerhin hat die 47-jährige Harvard-Absolventin einst in Washington D. C. ihre Karriere begonnen, als sie ihrem Mentor Larry Summers erst zur Weltbank und dann als Stabschefin ins Finanzministerium folgte. «Unglaublich schlau und einzigartig ehrgeizig» sei sie damals schon gewesen, heisst es von Leuten, die sie dort erlebt haben.

Nach einer Wahlniederlage der Demokraten wechselte sie an die Westküste in die Tech-Industrie, stieg bei Google auf, wurde 2008 Mark Zuckerbergs engste Vertraute und damit die mächtigste Frau im Silicon Valley. Sandberg schien unaufhaltsam, zierte jedes Podium, stand ununterbrochen im Rampenlicht und zeigte auch ihr privates Glück mit Mann und zwei süssen Kindern öffentlich auf Facebook – bis zu jenem Tag, als David Goldberg im Mexiko-Urlaub auf dem Laufband zusammenbrach und starb.

Sheryl Sandberg mit ihrem Mann David Goldberg 2011.

Sheryl Sandberg mit ihrem Mann David Goldberg 2011.

Andere wären danach in Trauer versunken, nicht so Sandberg. Eine Woche später sass sie wieder an ihrem Arbeitsplatz bei Facebook. Das sei besser für die beiden kleinen Kinder, hatte ihr ein Freund und Psychologe geraten.

Seither macht die Facebook-Managerin konsequent, was die digitalen Helden im Silicon Valley am besten können: Sie teilen mit anderen, auch wenn es das eigene Leid ist. «Sharing» nennt sich die Idee dahinter, mit der die Internetunternehmer in den vergangenen Jahren Reichtümer anhäuften. Immer geht es ums Teilen. Bei Uber teilen die Menschen ihr Auto, bei Airbnb teilen sie ihre Wohnung und bei Facebook Geschichten, Bilder, Träume und Gefühle.
Geteiltes Leid ist halbes Leid, weiss der Volksmund. Was das im digitalen Zeitalter heisst, hat uns Sheryl Sandberg nun gelehrt. Gefühle wie Trauer und Schmerz werden heute im sozialen Netzwerk verarbeitet. Stirbt ein Haustier, posten die Besitzer die letzten Bilder des geliebten Tiers und nehmen so Abschied von Hund oder Katze.

Neues Buch bereits ein Bestseller

Nach den Terroranschlägen in Paris erzählten Hinterbliebene im Netz von ihrem Leid, luden Bilder der im «Bataclan»-Club kurz vor ihrem Tod Tanzenden hoch, von Kleidungsstücken, die sie an dem Abend trugen. Die Geschichten gingen über Facebook um die Welt, rührten andere zu Tränen. Und alle fühlten sich ein bisschen besser. Getröstet. Verbunden.

So funktioniert Facebook. Die Chefs des sozialen Netzwerks verdienen daran nicht nur prächtig, sie leben auch die Idee dahinter. Nur Stunden nach der Beerdigung ihres Mannes David Goldberg hatte Sheryl Sandberg ihre Trauerrede auf ihrer Facebook-Seite gepostet. Eine perfekte Trauerrede, bei der jedes einzelne Wort sass. Für jedermann einsehbar, hunderttausendfach gelikt, 78 000-mal kommentiert.

Einen Monat später, nach Ablauf der jüdischen Trauerfrist, legte Sandberg mit einem aussergewöhnlich leidenschaftlichen Facebook-Eintrag nach, einer Art Trauer-Fibel. Darin beschreibt sie eine Schlüsselszene: Ein enger Freund bot sich als «Ersatz-Papi» an, um sie auf eine Schulveranstaltung der Kinder zu begleiten. Sandberg lehnte ab. Das sei nicht das Gleiche, wie wenn ihr verstorbener Mann mitgekommen wäre. Der Freund antwortete: «Dein Mann war Option A, die gibt es nicht mehr. Jetzt geht es darum, das Beste aus Option B zu machen.» Im Original: To kick the shit out of option B.

Schon war der Titel für ihr Buch gefunden, das jetzt auf dem Markt ist. «Option B» heisst es, ist seit diesem Montag in den USA zu kaufen und führt dort bereits die Bestseller-Liste bei Amazon an, als hätte halb Amerika auf ebendieses Buch gewartet. Zumindest hat Sandberg ihre Millionen Follower auf Facebook seit Wochen intensiv auf die Veröffentlichung vorbereitet. Auch in der Schweiz ist das Buch bereits im Handel erhältlich.

Mrs. Facebook, die Social-Media-Queen, weiss eben genau, wie Geschichten sich verkaufen. Schon einmal hat sie gezeigt, wie es funktioniert, als sie sich im Jahr 2012 mit ihrem Buch «Lean in» in die Frauendebatte einmischte. Das «Manifest», wie die bekennende Feministin es nannte, hat sich millionenfach verkauft und ihr eine riesige Fangemeinde eingebracht. Überall auf der Welt haben sich «Lean in»-Clubs gegründet, 32 000 sollen es mittlerweile sein. Junge Frauen treffen sich dort, um sich mit Sandbergs biografischer Hilfe gegenseitig fit zu machen für den Weg nach oben.

«Was hätte Sheryl jetzt gemacht?», heisst es da in kniffligen Situationen, und dann wird nachgelesen in der Gender-Bibel. Sandbergs These war so neu nicht: Wenn ihr euch richtig reinhängt, Mädels, dann ist alles möglich. Eine Stiftung gleichen Namens («Lean in») unterstützt verschiedenste Projekte zur Frauenförderung. Und wo immer sie hinreist, baut Sandberg nach Möglichkeit den Besuch einer Lean-in-Gruppe mit ein. Das gibt stets ein hübsches Bild mit 30, 40 strahlenden Gesichtern auf Facebook und Tausende von Likes.

Heuchlerische Inszenierung?

Jetzt besetzt Sandberg ein weiteres gesellschaftliches Thema: Wie man mit Schicksalsschlägen und anderen Widrigkeiten umgeht. Der Tod eines geliebten Menschen und wie man die Trauer überwindet, das ist ihre persönliche Geschichte. Untermauert wird sie mit der fachlichen Kompetenz eines befreundeten Psychologen und Buchautors, Adam Grant. Herausgekommen ist eine Mischung aus Tagebuch und Ratgeber, garniert mit einer klaren Botschaft: «Widerstandsfähigkeit ist wie ein Muskel, den man trainieren kann.» Irgendwann stellt sich dann auch die Freude am Leben wieder ein.

Nun könnte man einwenden, der Chief Operation Officer bei Facebook habe anderes zu tun, als sich um Frauenkarrieren und Trauerhilfe zu kümmern, Bücher zu schreiben oder Selbsthilfegruppen auf der ganzen Welt zu besuchen. Aber das hiesse, die Idee der sozialen Netzwerke und die Strahlkraft dieser Frau zu verkennen. Jede Zeile zahlt sich aus für das Unternehmen Facebook, jedes Foto, das Sandberg postet, das kommentiert und geteilt wird, bindet ihre Fans an den Internetriesen.

Mit jedem verkauften Buch steigt die Macht von Facebook. Jedes verkaufte Exemplar festigt Sandbergs Stellung als eine der mächtigsten Frauen der Welt.

Ist das alles also reines Kalkül, wie es die Gegner hinter allem argwöhnen, was die Internetmilliardäre tun? Eine perfekte heuchlerische Inszenierung? Und ist die Selfmade-Milliardärin nicht schon eine neue Beziehung mit einem Spielehersteller eingegangen? Oder handelt es sich um ein Best-practice-Beispiel der in Amerika gepriesenen Philanthropie? Immerhin lindert jedes verkaufte Buch auch das Leid eines anderen Menschen. Zudem steckt Sheryl Sandberg Millionen in ihre Stiftungen, «Lean in» und «Option B», um Menschen zu helfen, die weniger privilegiert sind als sie selbst.

Wie immer im Silicon Valley kommt wohl beides zusammen: «We make life better, easier, more beautiful», heisst die Devise hier. Gehandelt wird mit Träumen, die das Leben aller verschönern und erleichtern sollen. Dass in erster Linie die Internetunternehmer von diesem Geschäft profitieren, ist für sie kein Widerspruch. Man muss also damit rechnen, dass Sheryl Sandberg Trost darin findet, mit ihrem Buch anderen Trost zu spenden. Sie macht definitiv das Beste aus Option B.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung