Es war ein Wettkampf. Er musste schneller sein als die Portugiesen. Es galt, Asien über den Seeweg zu erreichen. Das trieb Christoph Kolumbus an, als er am 3. August 1492 mit der «Santa Maria» ins Meer stach. Die Mannschaft meuterte unterwegs beinahe, manche hatten immer noch Angst, die Erde sei eine Scheibe und das Ganze eine tödliche Irrfahrt. Dann entdeckte Kolumbus Amerika.

Als Johan Rudolf Meyer und sein Bruder Hieronymus 1811 ebenfalls am 3. August als erste Menschen auf der Jungfrau standen, war das eigentlich pures Glück. Schneeblind wurde der eine unterwegs, sie erfroren nachts fast, irrten nicht angeseilt durch das Labyrinth aus Gletscherspalten ohne zu wissen, ob aus dem Wallis überhaupt ein Weg auf die Jungfrau führt. Ihre wissenschaftlichen Messgeräte mussten sie unterwegs zurücklassen. Am Ende ging es nur um eines: als Erste oben zu sein.

Ueli Steck war ein Kolumbus, ein Meyer. Er wollte der Erste sein, er wollte der Schnellste sein. Und er hat nicht geglaubt, wovon die meisten überzeugt waren: Dass dem Menschen starre Grenzen gesetzt sind. Dass Unmögliches für immer unmöglich bleibt. Dafür nahm Steck, der letzten Sonntag im Himalaja tödlich verunglückte, hohe Risiken in Kauf – auch wenn er weniger blauäugig unterwegs war als die Abenteurer vor ihm. Er kannte sein Ziel und die Route genau, wusste, wie viel Proviant nötig sein würde für die Überschreitung des Mount Everest und des Lhotse.

Ohne Pioniere gehts nicht:

Kolumbus, die Brüder Meyer und Steck – sie alle haben Extremes gewagt. Ihre Expeditionen unterscheiden sich aber. Im 15. Jahrhundert war es noch möglich, ganze Kontinente zu entdecken. Bis ins 20. Jahrhundert konnte man zumindest noch Gipfel erklimmen, auf denen noch nie ein Mensch gestanden hat. Heute muss man sich als Pionier mehr einfallen lassen: Man muss extravagantere Routen finden, ganze Bergketten durchwandern oder zumindest schneller sein als die andern.

Allzu oft wird Mut zu Übermut

Da stellt sich natürlich die Frage nach dem Sinn solcher Unternehmungen. Neues entdecken kann man ja nicht mehr. Sind solche Wagnisse also umsonst? «Nein», sagt einer, der sich sein Leben lang mit dem Risiko befasst hat. Der Deutsche Siegbert Warwitz ist Sportwissenschafter, Psychologe und Autor des Buches «Sinnsuche im Wagnis». Steck habe wie Reinhold Messner unser Wissen um die menschlichen Fähigkeiten bereichert. «Fachleute waren früher überzeugt, dass Menschen in solchen Höhen nicht überleben können», sagt Warwitz. Die Extrembergsteiger haben das Gegenteil bewiesen. Als Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 den Mount Everest erstmals ohne mitgeführten Sauerstoff bestiegen, führte das auch zu neuen medizinischen Erkenntnissen.

Extrem: Ueli Steck am Berg.

Nur wenn man sich Neues traut, Grenzen überschreitet, kann man auch zu neuen Erfahrungen und zu neuem Wissen gelangen. «Wir sollten dankbar sein, dass Menschen ein Wagnis eingehen und das Unmögliche ins Gegenteil kehren», sagt Warwitz. Auch wenn anfangs vielleicht nicht klar ist, was dabei der Gewinn sein soll. Wenn beispielsweise Felix Baumgartner in die Stratosphäre aufsteigt und aus 39 Kilometer Höhe mit einem Fallschirm ins Ungewisse springt. Letztlich hat der Sprung zu neuen Einsichten in der Weltraumforschung geführt.

Nach Baumgartners Erfolg geriet der Nasa-Ingenieur Dustin Gohmert ins Schwärmen. Die Mission habe «für uns alle eine gute Grundlage» zur Verbesserung der Überlebenschancen von Astronauten, Weltraumtouristen sowie Piloten und Passagieren in extremen Höhenlagen gelegt.

Das will der Risikoforscher Ortwin Renn nicht in Abrede stellen. Jede Grenzverschiebung könne das kollektive Wissen erweitern. «Doch oft steht das dafür eingegangene Risiko in keinem Verhältnis zum Nutzen.» Und darum geht es ja gerade, um das Abwägen von Risiken, um das Finden des richtigen Mittelmasses zwischen Chancen und Gefahren. Nicht nur beim Bergsteigen. Aber auch dort.

Doch allzu oft wird Mut zu Übermut. Psychologen sprechen von «Sensation Seeking», wenn Menschen einen immer noch grösseren Nervenkitzel brauchen, um glücklich zu sein. Der sichere Alltag macht sie hibbelig und schlecht gelaunt. Das Gehirn belohnt sie fürs Wagnis. Doch um dasselbe Mass an Belohnung zu erlangen, werden immer extremere Leistungen gefordert. «Gefährlich wird es, wenn man in eine Schleife gerät und nicht mehr rausfindet», sagt Manfred Ruoss. Der Psychotherapeut ist selbst Höhenbergsteiger und hat das Buch «Zwischen Flow und Narzissmus: Die Psychologie des Bergsteigens» geschrieben.

Flow und Narzissmus – das sind für den Psychologen auch zwei Motive, warum sich Extremsportler in grosse Gefahren begeben. Einerseits gehen sie in ihrer Tätigkeit auf, geraten in einen Flow, wenn sie bis aufs Äusserste gefordert und fokussiert sind. Andererseits sind viele auch narzisstisch veranlagt, suchen Anerkennung, fühlen sich auf dem Berg ihren Mitmenschen überlegen. Dafür riskieren einige auch ihr Leben.

Zwar nicht ihr Leben, aber doch ihren Ruf setzen Künstler aufs Spiel, wenn sie Grenzen verschieben, Dinge wagen, die vorher noch keiner getan hat. Solche Pioniere sind für Warwitz durchaus vergleichbar mit Kolumbus oder Messner. So war etwa van Gogh seiner Zeit voraus und kam sein Leben lang nie zu Ruhm, nagte am Hungertuch; hätte er seine Gemälde heute verkaufen können, wäre er im Nu Multimillionär.

Auch in der Wirtschaft gibt es sie, die Pioniere, die ein Risiko eingegangen sind, für das sie andere erst belächelt haben. Wer schon hätte vor 15 Jahren geglaubt, dass heute eines der schnellsten und beliebtesten Autos ein Elektromobil ist? Elan Musk war davon überzeugt und gründete 2003 das Unternehmen Tesla. Jetzt will er mit seinem Raumfahrtunternehmen zum Mars. Und wird dafür – natürlich – belächelt.

Ein anderer solls ausbaden

Die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sind geprägt von diesem Pioniergeist. Die Jungunternehmer zögern hier nicht, auch kühne Geschäftsideen zu verwirklichen, und die Investoren geizen nicht mit Wagniskapital. Etwas anders ist es auf dem alten Kontinent. «Europa ist zu wenig risikofreudig», sagt Warwitz. Und das könnte dereinst zur Gefahr werden: Eine Gesellschaft, die nicht mehr breit ist, Grenzen infrage zu stellen und Neues zu wagen, geht irgendwann ein. Oder wie es der australische Schriftsteller John Marsden ausdrückt: «The biggest risk is not taking any risk.» Wer das Risiko um jeden Preis vermeiden will, zahlt letztlich den höchsten Preis.

Natürlich sind nicht alle Risiken gut. Dass der Strassenverkehr sicherer geworden ist, die Arbeitsunfälle in der Schweiz in den letzten 50 Jahren um fast 40 Prozent abgenommen haben, dass die Chance das 80. Lebensjahr zu erreichen in der gleichen Zeit rasant gestiegen ist, all das ist sehr positiv. Doch die Bemühungen, jegliches Risiko aus unserem Alltag zu verdrängen, führen auch zu Absurditäten. Wenn etwa Angelina Jolie sich die Brüste prophylaktisch amputieren lässt, weil sie ein bei ihr besonders ausgeprägtes Risiko zu Brustkrebs minimieren will. Und da wären die Helikoptereltern, die Ihre Kinder nicht mehr auf Bäume klettern lassen und Velohelmpflicht für den Spielplatz verordnen, weil die Gefahren für Verletzungen gesenkt werden können.

Wie sollen Kindern lernen, Risiken abzuschätzen? Natürlich tun sie es dann später den Eltern gleich. Wenn sie auf die Welt bereisen, buchen sie vielleicht sogar das vorgefertigte «Adventure-Package». Aber nur mit Reisegepäcksversicherung, Auslandskrankenversicherung, Annullierungskostenversicherung und einer Versicherung gegen Funklöcher.

Von «Versicherungswut» spricht der Risikoforscher Warwitz. Und diese führe dazu, dass die Verantwortung einfach abgeschoben wird. Passiert etwas, so ist dafür gesorgt, dass ein anderer es ausbadet: der Reiseveranstalter, der Spielplatzbauer, der Autohersteller oder der Staat. Er musste in der Finanzkrise in die Bresche springen. Die Banker verspekulierten sich, nahmen Risiken, die sie nicht tragen konnten, und wurden für ihre Misserfolge teilweise sogar noch mit Boni belohnt. Wer alles riskieren kann, ohne Angst haben zu müssen, alles zu verlieren, überbordet schnell.

Die Menschen, sagt Risikoforscher Warwitz, seien immer weniger fähig, ein Wagnis einzugehen. Schritt für Schritt, so wie sich Steck an den Bergen hochgearbeitet hat und immer wieder auf den Grenzen balancierte. Dabei hat er das Risiko stets in Kauf genommen. Bezahlt hat er am Ende selbst.