Das Buch werde ein Bestseller. Grosse Töne ist man sich vom Ex-Bachelor Vujo Gavric ja gewohnt.

Dem «Blick» verrät Vujo, dass er gemeinsam mit einem Freund «an seinen Memoiren» werkelt. Im Mittelpunkt: Vujo himself. Und um ihn herum all seine Liebschaften. Dabei machen gleich mehrere Sachen stutzig. Zuallererst der Begriff «Memoiren», übersetzt Lebenserinnerungen. Eine Definition lautet «bei den Erinnerungen liegt die Gewichtung oft auf den herausragenden, für eine breite Öffentlichkeit interessanten Ereignissen».

Man fragt sich also, inwiefern Vujos Affären für die Öffentlichkeit relevant sind. Weiter heisst es in der Definition «der Autor wirft einen erweiterten Blick auf alle daran beteiligten Personen». Das sind bei Vujo die Frauen. Sie werden gemäss Vujo die Hauptrolle spielen. Er habe in Sachen Frauen mit 31 Jahren schon so viel erlebt wie andere im ganzen Leben. Das mag kaum einer bezweifeln.

Fraglich ist, ob man in diesem Alter schon eine Autobiografie schreiben kann – oder besser: sollte. Dass Vujo gerne selbst Hand anlegt, ist allbekannt. Aber dass er den Stift in die Hand nimmt und über all das schreibt – und dann noch in «extended version»? Der Vorteil: Bei einer Autobiografie steht dem Schreiberling beim Ins-richtige-Licht-Rücken seines Ichs fast nichts im Weg.

Müssen sich nicht ein paar Jahre im Gesicht abzeichnen, bevor man die Lebensgeschichte niederschreibt? Erfahrung. Vergleiche. Distanz. Reflexion. Retroperspektive. Ist die Geschichte eines Menschen nicht erst vollständig, wenn sie von A bis Z reicht, wenn sie rund ist? Auch Goethe, der sich mit der Autobiografie eines Renaissancekünstlers beschäftigte, war wohl der Meinung, dass man ohne das Ganze einzelne Teile nicht verstehen kann. In einem Brief an einen Freund fragte er: Was ist das menschliche Leben im Auszuge? (siehe Text rechts).

Erstes Leben abschliessen

Das fragt man sich auch beim im April erschienenen Buch des Kunstturners Lucas Fischer. In «Tigerherz», geschrieben von der Journalistin Katrin Sutter inklusive Passagen von Fischer selbst, geht es um seine Vergangenheit als Profiturner, seine Epilepsie und seinen Rücktritt. Fischer hat mit 26 Jahren eine Biografie geschrieben.

"Tigerherz" — Buchpräsentation Lucas Fischer (Beitrag vom April 2017)

Der ehemalige Aargauer Kunstturner stellte sein Buch „Tigerherz“ vor. Darin verarbeitet er die Zeit als Spitzensportler und seine Erkrankung.

Wobei der Begriff «Biografie» nicht allen passt. Autorin Sutter entgegnet auf Nachfrage, dass es ein Erfahrungsbericht sei. Doch letzten Endes beschreibt es das Leben des Aargauers seit Kindergeburtstagen bis heute. Sein Vater spricht im Interview von der Biografie seines Sohnes und Fischer selbst erklärt, dass er es nicht zu früh fände: «Ich habe schon ein Leben gelebt, jetzt beginnt ein neues.»

In Foren gibt es auch skeptische Kommentare: «Finde ich toll, aber ganz ehrlich, eine Biografie mit 26, auch wenn man viel erlebt hat, würde ich nie kaufen, da fast jeder zu dieser Zeit mal schwierige Tage, Monate oder Jahre hatte.» Ein anderer ist etwas höhnischer: «Auf der einen Seite sind Biografien, die man für sich selbst schreibt, um durchs Leben zu kommen, quasi eine Art Selbstheilung, die aber niemanden interessiert. Und auf der anderen Seite sind Biografien von grossen Leuten.»

Diese jungen Promis haben bereits eine Biografie geschrieben oder arbeiten daran: 

Und schon sind wir bei der Motivation. Fischer sieht seine Geschichte als «Mutmacher-Buch». Er möchte zeigen, wie Wille und Lebensfreude über Schicksalsschläge siegen können. Psychotherapeutin Isabel Willemse sagt, dass es unterschiedliche Motivationen für das Schreiben der eigenen Lebensgeschichte gibt. Bei Fischer könnten es zwei Gründe sein. Erstens fungiert er als eine Art Sprachrohr für andere. Menschen mit ähnlichem Schicksal können sich identifizieren. «Schreiben kann auch ein Heilungsprozess sein», sagt Willemse weiter. Wer etwas Traumatisches erlebe, könne durchs Schreiben besser damit umgehen und seine Gedanken strukturieren.

Mag sein, dass das Schreiben in schweren Zeiten hilft, aber warum die frühreife Psychohygiene veröffentlichen? Offenbar müssen Autobiografen von ihrem bisherigen Leben und ihren Taten derart überzeugt sein, dass sie es für teilbar halten. Wer Schicksalsschläge oder Krankheiten mit der Welt teilt, bekommt Anteilnahme. Das ist laut Willemse eine grosse Motivation, etwas öffentlich zu machen.

Bei Vujo geht es weniger um sein Seelenheil. Er wolle einen Schlussstrich unter sein Player-Leben ziehen. Also auch eine Art Abschluss mit dem alten Leben. Mit dem Leben vor 30.

Generation «Mitteilen»

Ein weiterer Grund: Selbstvermarktung. Seelenstriptease gegen Cash. Bei grossen Stars ist die Biografie eine weitere, nachvollziehbare Einnahmequelle. Oder ging es den Teenie-Stars Miley Cyrus (Autobiografie mit 16) und Justin Bieber (mit 18 bereits die zweite) wirklich darum, etwas mitzuteilen? Es sind meist Verlage, die aus Geldwitterungsgründen auf die Stars zugehen. Mit Ghostwriter.

Egal ob Autobiografie oder eine Biografie über einen Star wie Helene Fischer (bei Veröffentlichung 30 Jahre alt), das Millionen-Publikum will und kann seinem Star nah sein. «Bei einer Biografie hat man das Gefühl, das ist das echte Leben einer Person. Sie vermittelt eine Nähe, die man bei anderen Publikationen nicht hat», erklärt Medienpsychologin Willemse. «Leute wollen subjektive Geschichten lesen.»

Aber haben diese Jungspunde wirklich etwas zu erzählen? Erleben junge Leute heute mehr als vorherige Generationen? Ist ihre Lebensspanne vor 30 so kompakt, dass sie den ersten Teil ihres Daseins schon in der Öffentlichkeit abfeiern müssen, um dann weitermachen zu können? Es liegt wohl nicht an der Dichte des Erlebten, sondern an der Option des Zur-Schau-Stellens. Es ist die Generation, in der es sich schickt, dass man mit seinen Gefühlen hausieren geht. Dass man Trennung, Heirat, Verlust quasi live ins Netz überträgt. «Das Internet ist wie ein Megafon in der Hand», sagt Willemse. Auf sozialen Plattformen sind bereits die Menschen, die sich gerne mitteilen. Social Media fungiere da wie ein Verstärker.

Im Internet kann man seinen Erfolg, die unmittelbaren Reaktionen der User direkt abschätzen. Das heisst: Man fühlt via Instagram, Facebook oder einen Blog vor, wie man ankommt (auch der Verlag kann so das interessierte Publikum und den Absatz abschätzen), um den nächsten Schritt zu machen und seine Lebensgeschichte auf über 200 Seiten aufzuschreiben.

Personen der Öffentlichkeit leben von diesem Austausch. Vom unmittelbaren Like. Auch wenn ein Shitstorm sich schneller als ein Texanischer Tornado zusammenbraut und auch wenn immer gesagt wird, einmal publiziert, immer im Netz, verpuffen Ärger und Peinlichkeiten auf sozialen Plattformen schnell. Zum Glück. Denn mit Erfahrung, Distanz und einer Retroperspektive erscheinen gewisse Ereignisse und Gefühlslagen in einem ganz anderen Licht.

Nicht selten lächelt man sogar über die damalige Situation. Aber ein Buch klickt sich nicht weg. Ein Buch besteht, auch wenn das Leben noch lange weiterdreht. Psychotherapeutin Willemse sagt: «Jemand, der noch nie ein Buch geschrieben hat, unterschätzt das vielleicht.»