Offenbar macht Heimat glücklich. Offenbar verbirgt sich hinter diesem Begriff eine wahre Quelle des Glücks. Es läuft zum Beispiel so ab: Wir landen in Zürich Kloten, gehen zur Gepäckausgabe, schielen während des Wartens nach draussen. Vielleicht nieselt es. Das macht nichts. Dafür sehen die Strassenschilder vertraut aus. Während wir hinunter zum Bahnhof gehen, entspannen sich unsere Schultern. Der Schritt ist schnell. Wir müssen nicht mehr an jeder Ecke anhalten, um zu schauen, in welche Richtung es geht. Im Quartier grüssen wir einen Nachbarn. Zu Hause lassen wir das Gepäck fallen, blättern durch die Post, schauen in den Kühlschrank. Es macht nichts, dass er fast leer ist. Die blosse Tatsache, dass wir wissen, wo Nahrung für uns bereitsteht, gibt uns ein gutes Gefühl. Da sind wir wieder. In der Heimat. Und wenn uns jemand am Flughafen abgeholt hat, dann hat uns dieses wohlige Gefühl schon dort umhüllt.

«Geborgenheit» sei das und ein «Glücksgefühl». Solches sagten die Schweizer, als sie in einer Gondel des Riesenrades sassen. Auf Jahrmärkten in der ganzen Schweiz war das Team des Stapferhauses Lenzburg letztes Jahr unterwegs und stellte der Bevölkerung Fragen zur Heimat.

Die Riesenrad-Besucher gerieten ins Schwärmen: «Ich kann so sein, wie ich bin», erklärten sie. «Es tut mitten im Herzen gut.» Und ein junger Secondo sagte: «Es ist mehr, als sich akzeptiert fühlen, es bedeutet, sich erwünscht fühlen.» Viele Augen strahlten, zu sehen ist das auf www.1001heimat.ch.

Die Leute hätten ein grosses Bedürfnis zu reden gehabt, erinnert sich Sonja Enz, Projektleiterin von «1001 Heimat». Es war das Vorprojekt der neuen Ausstellung «Heimat. Eine Grenzerfahrung» des Stapferhauses. Die Macher stellten rasch fest: Mit dem Thema «Heimat» treffen sie bei der Schweizer Bevölkerung einen Zeitnerv. Das Timing ist perfekt.

Ein knallharter Begriff

Denn auf die Frage, ob ihre Heimat bedroht sei, antworteten die Hälfte der Befragten mit einem Ja. Sie haben Angst, etwas zu verlieren. Heimat macht glücklich, der Verlust unglücklich. Der Mediziner Johannes Hofer schrieb schon 1688 in Basel eine Dissertation über das Heimweh. Schweizerkrankheit wurde es genannt, wenn Söldner, Studenten oder Kindermädchen in fremden Städten oder Ländern krank wurden, nichts mehr essen mochten, aber sofort gesundeten, wenn sie die Heimreise antraten.

Gleichzeitig gab es schon immer das Gegenteil, das Fernweh. Die Sehnsucht, die Enge der Heimat zu verlassen, neues Glück zu suchen. Oder bloss eine Woche lang zu verreisen.
Beides kennt auch Hansmartin Amrein, stellvertretender Flottenchef Airbus bei der Swiss. Er hat gemerkt, wie sein Heimatgefühl schon beginnt, wenn er nach einem Rückflug aus Amerika über dem Atlantik zum ersten Mal Funkkontakt mit Shannon, der Flugkontrolle von Irland, hat. «Die Grenzen haben sich verlagert, auf dem europäischen Kontinent fühle ich heute überall so etwas wie Heimat», sagt Amrein. «Aber man kann sich nicht auf der ganzen Welt zu Hause fühlen, das ist ein Selbstbetrug.» Er stellte mit den Jahren fest: «Je mehr ich weg bin, desto wichtiger ist mir mein Zuhause. Ich brauche diesen Ort, meine Familie, meine Freunde.»

Im 17. Jahrhundert bedeutete Heimat («Hemet» im Appenzell, «Heimetli» im Bernbiet) ein eigenes Haus mit Land zum Bewirtschaften, das einem gleichzeitig das Bürgerrecht gab. «Ein knallharter juristischer Begriff war die Heimat einst», sagt der Schweizer Kulturwissenschafter Walter Leimgruber, der das Stapferhaus-Team bei der Recherche unterstützt hat. Den Heimatlosen in der Schweiz wurde erst 1848 mit dem neuen Bundesstaat eine Heimatgemeinde zugeteilt. «Davor waren Verstossene, Diebe, Bettler, Frauen mit unehelichen Kindern zur mobilen Lebensweise gezwungen und mussten als Hausierer und Tagelöhner ihren Lebensunterhalt verdienen», sagt Leimgruber.

Verklärt wurde die Heimat erst in der Romantik als Folge der Industrialisierung: Viele Leute mussten ihr Dorf verlassen, um in den Fabriken in den Städten zu arbeiten. Jetzt, wo sie nicht mehr zu Hause waren, idealisierten die Schweizer ihren Herkunftsort.

Der neu gegründete Nationalstaat bot eine Ersatzheimat. Das konstruierte Gemeinschaftsgefühl mit Menschen in Tälern, die man gar nicht kannte – es funktionierte. Im Nationalsozialismus wurde das Gefühl dann missbraucht, um Menschen einzutrichtern, sie seien etwas Besseres, bloss weil sie einer bestimmten Nation angehörten.

Danach wagte es lange niemand mehr, das Heimatgefühl hochzuhalten. Das habe aber nicht nur mit dem Nationalsozialismus zu tun, sagt Leimgruber: «Auf den Krieg folgte der Aufschwung. Alles schien möglich und erreichbar.» Das war Sicherheit genug.

Heute suchen wir sie wieder, die Sicherheit. Und besinnen uns dahin zurück, wo wir sie hatten: in der Kindheit. Der Apfelkuchen der Grossmutter, so schmecke für sie Heimat, sagt eine Riesenradbesucherin.

Aber was bedroht die Heimat denn? In der Umfrage wurde am meisten die Zerstörung der Natur genannt, Überbauungen, fremde Kulturen und die Globalisierung. «Die Migration, die Digitalisierung und die Globalisierung verändern unsere Gesellschaft genau so grundlegend wie damals in der Industrialisierung», sagt Leimgruber. Die gesellschaftlichen Strukturen würden brüchig. Es gäbe wenig Stabilität und viele Leute kriegten das Gefühl, es werde alles nur noch schlimmer. Das müsse man ernst nehmen.

Am stärksten verunsichert ist, laut Leimgruber, die «mittelalterliche» Generation. Also jene, bei denen die Rente noch nicht in Reichweite ist, deren Berufe aber vielleicht bald nicht mehr gebraucht werden.

Die Jüngeren haben nicht nur die nötige Flexibilität für die kommenden Veränderungen, sie sind auch jene Generation, die schon als Teenager in der Welt herumfliegen konnte. Die Generation Easyjet kennt zwar das wohlige Gefühl in Zürich Kloten, vermisst vielleicht den Apfelkuchen und reist doch wieder weg für ein Curry in Indien oder ein Gespräch mit einem Farmer von Iowa. Diese Generation schwärmt von den Abenteuern als Kind im Heimatdorf und bleibt doch in der Stadt wohnen. Viele müssen auch, können nicht zurück, denn in der Stadt sind, wie zur Zeit der Industrialisierung, die zukunftsträchtigen Jobs.

Verlustängste

Heimat ist ein Flickwerk und ständig im Wandel. «Überall, wo ich gewohnt habe, blieb etwas von mir zurück», sagte eine alte Frau auf dem Riesenrad am Jugendfest Lenzburg. Leimgruber findet: «Heimat ist eine Utopie, die wir uns jeden Tag neu schaffen müssen. Geschieht das nicht mehr, dann haben wir ein Problem.» Der Kulturwissenschafter meint damit das Bewahren-Wollen von etwas, was sich unaufhaltbar verändert, er denkt an die Mauerbaupläne von Trump und jene Bevölkerungsschichten, die sich abgehängt sehen. Auch Alain Gloor, Projektleiter Publikation und Veranstaltungen im Stapferhaus, ist überzeugt: «Wir müssen unsere persönliche wie gesellschaftliche Heimat in die Hand nehmen und gestalten.»

Die einen haben das Gefühl, etwas zu verlieren, weil sich die Heimat so schnell verändert. Die anderen verlassen ihre Heimat, weil sie nichts zu verlieren haben. Bei den befragten Migranten auf dem Riesenrad strahlten die Augen weniger, wenn sie von Heimat erzählten. Sie müssen sich ihre Heimat zwangsweise neu definieren. Müssen all die ungeschriebenen Gesetze einer fremden Kultur erst entschlüsseln, die feinen Unterschiede im Umgang – unbegründbar und den Einheimischen unbewusst. Ein junger Mann aus Afghanistan, er spricht nach eineinhalb Jahren nun Schweizerdeutsch, sagt: «Ich hoffe, dass ich zurückgehen kann. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr.»

Ein Teenager in der Ostschweiz sinniert: «Es ist traurig, wenn einem die Heimat genommen wird. Wenn ich zum Beispiel aus Weinfelden flüchten müsste, wäre das sehr schlimm.» Ein anderer, es ist MC Anliker, das im letzten Oktober verstorbene Thuner Original, lange Haare, getönte Brille, sagt: «Manchmal beneide ich die Secondos um ihre zweite Heimat. Ich finde das noch cool, nicht nur eine zu haben.»

Es geschieht etwas Seltsames, wenn man diese Schweizer in den Riesenradgondeln reden hört: Obwohl sie so Unterschiedliches sagen, entsteht beim Zuhören ein wohliges Zugehörigkeitsgefühl. Heimat.

«Heimat. Eine Grenzerfahrung»: Die neue Ausstellung des Stapferhauses wird am 11. März in Lenzburg im Zeughaus eröffnet (www.stapferhaus.ch). Gesamtleitung und Konzept: Sibylle Lichtensteiger und Detlef Vögeli.