Als wir Marianne Botta (48) treffen wollten, ist sie krank. Für die achtfache Mutter ist das aber kein Grund, das Interview abzusagen. Sie beantwortet unsere Fragen geduldig am Telefon – und lässt sich auch von den sechs Kindern, die in der Wohnung sind, nicht aus der Ruhe bringen.

Frau Botta, warum um Himmels willen haben Sie acht Kinder? Sind Sie religiös?

Marianne Botta: Ich bin durchschnittlich religiös, und die Religion war nicht der Grund für viele Kinder.

Was war dann der Grund?

Ich habe selber nur eine Schwester, aber ich habe in meinem Umfeld Grossfamilien erlebt. Es gefiel mir immer sehr gut, wenn so viele am Tisch sitzen, schwatzen, zusammen essen. Ausserdem hatte ich das Gefühl, dass ich eine Glucke würde, wenn ich nur zwei Kinder hätte. Ein Helikopter-Mami. Mit 20 Jahren fand ich deshalb: Entweder habe ich mal keine Kinder oder viele.

Das wussten Sie damals schon so genau?

Ja, wobei ich mit 20 eher auf keine tendierte. Ich wollte Karriere machen, pendelte, und die unerzogenen Kinder im Zug nervten mich. Auch Kinderhüten hat mich nie interessiert. Aber später fand ich, mehr als zwei wäre schon schön, wenns klappt.

Man könnte einen Tisch voller Kinder auch chaotisch und ungemütlich finden. Warum genau, finden Sie viele Kinder gut?

Der Unterschied zu den nervigen Kindern im Zug ist natürlich, dass man die eigenen Kinder selber erziehen kann. Ich wollte auf keinen Fall kleine Egoisten auf die Welt stellen. In den Grossfamilien erlebte ich, wie sich die Kinder mehr zurücknehmen müssen und besser teilen und warten lernen.

Kochen Ihre Kinder für Sie am Muttertag?

Oh ja, das wird super. Die können das!

Wie läuft der Muttertag ab?

Oft bringen sie mir schon etwas ans Bett und kochen dann eben.

Das heisst, Sie haben frei am Muttertag?

Nein, ich habe natürlich nicht frei. Ich muss ja trotzdem zu den Kindern schauen. Aber sie werden sicher liebe Briefe schreiben.

Erfahren Mütter genug Wertschätzung in unserer Gesellschaft?

Nein, gar nicht. Mich fragte mal jemand: Und arbeitest du auch noch irgendetwas? Die tagtägliche Arbeit als Mutter ist doch ein Wahnsinnsjob, man ist stark belastet, aber die Wertschätzung ist nicht da.

Was müsste sich ändern, dass Mütter mehr Wertschätzung erfahren?

Eine schwierige Frage. Wir sind auf jeden Fall kein kinderfreundliches Land. Ich denke da an Kita und Steuerabzüge. Mit acht Kindern in Frankreich wärs sicher einfacher. Und auch unter den Müttern wird ständig verglichen und gewertet. Dabei kann man mit keinem Kind glücklich sein, mit einem oder mit vielen. Ich wünsche mir da mehr Toleranz.

Haben Sie nicht auch viel Bewunderung gespürt als Mutter von acht Kindern?

Ich polarisiere. Manche bewundern, was ich leiste. Diejenigen, die mich nicht kennen, sind kritischer. Jene, die mich kennen, wissen, dass halt vieles anders läuft in einer Grossfamilie. Zum Beispiel sind vorhin die Kinder heimgekommen. Ich habe gesagt, ich müsse noch ein Telefon machen. Unterdessen sind die älteste und die viertälteste Tochter heimgekommen und ich kann hören, wie sie den jüngeren beim Hausaufgabenmachen den Tarif durchgeben in der Stube. Ich kann ungestört telefonieren, obwohl sechs Kinder in der Wohnung sind.

Beeindruckend, wir haben nur zwei respektive eines, und bei uns ist es nicht so.

Jetzt hat die eine eben gesagt: «So geht das nicht, das kannst du grad noch mal ausradieren.» Das ist anders als in einer Familie mit zwei Kindern. Das kann man nicht vergleichen. Denn in Grossfamilien nimmt das Sozialverhalten eine andere Dynamik an: Die Kinder haben immer jemanden zum Spielen. Sie hangen nicht an mir und wenn eines Nachts einen Albtraum hat, dann klettern sie zueinander ins Bett.

Aber die Teenager brauchten Sie doch auch noch, vielleicht wegen der Schule oder Liebeskummer?

Ja, aber ich habe schon eine Routine. Wenn der Kleinste weinte, wusste ich sofort warum. Je mehr Kinder ich hatte, desto weniger weinten sie. Ich nehme vieles auch viel lockerer als bei den ersten beiden Kindern. Ich weiss, was tun, wenn sie krank sind und ob man wirklich zum Kinderarzt muss.

Nur waschen mussten Sie immer mehr …

Ja, das stimmt. Aber man gibt den Kindern auch mehr Ämtli. Ich sage oft: «Ich bin nicht euer Diener.» Jeder stellt seinen Teller nach dem Essen selber in die Abwaschmaschine. Und ab 13 Jahren waschen die Kinder ihre Kleider selber.

Eine Grossfamilie hat aber auch Nachteile.

Ganz klar. Kinder sind teuer, es braucht eine grosse Wohnung, ein grosses Auto, die Wäscheberge sind gross, man wird seltener eingeladen. Das sind Nachteile.

Wie geht das finanziell?

Trotz gutem Einkommen haben wir wirklich ein sehr enges Budget. Ich überlege es mir immer gut, ob Ferien drinliegen oder auch nur ein Taschenbuch. Jetzt ist es noch teurer, da die Ältesten studieren. Momentan haben wir Horror-Rechnungen. Die 14-Jährige braucht eine Spange, der Älteste musste für 1700 Franken die Weisheitszähne ziehen und jetzt ist er in einem Sprachaufenthalt in Vancouver. Manchmal fragen wir uns, wie sollen wir das alles zahlen?

Wann haben Sie zum letzten Mal
Ferien gemacht?

Dieses Jahr nicht. Mal ein Wochenende zu zweit, aber mit allen Kindern sind wir nie gegangen. Wir wechseln ab, mal mit den kleinen, mal mit den grösseren und der Mann bleibt zu Hause mit den anderen. Letztes Jahr ging ich mit vier Kindern zwei Wochen an die Nordsee.

Wie wohnen Sie?

Wir haben zwei 5-Zimmer-Wohnungen im gleichen Gebäude gemietet. Die vier Grössten bewohnen die eine und mein Mann und ich mit den Kleinen die andere. Früher lebten wir zusammengestopft in sechs Zimmern. Das war nicht gut. Ein Siebenjähriger hat einfach andere Bedürfnisse als ein 14-Jähriger.

Haben Sie einen Kleinbus, in dem die ganze Familie Platz hat?

Nein. Aber wir haben einen Siebenplätzer und Generalabonnements und Juniorkarten.

Wie viel schlafen Sie?

Ich brauche ziemlich viel Schlaf. Ich gehe so zwischen zehn und halb elf ins Bett und stehe um halb sieben auf. Also so um die acht Stunden. Ausserdem kann ich zu jeder Tages- und Nachtzeit einschlafen. Wenn ich das nicht könnte, hätte ich sicher nicht so viele Kinder gehabt.

Wann waren Sie das letzte Mal überfordert?

Gestern. Das ist, weil ich momentan die Grippe habe. Da fand ich: Jetzt seid mal still, ich will ins Bett. Es gibt schon Momente, da ist es schwierig.

Holen Sie sich in solchen Momenten Hilfe?

Ja. Mein Vater kam mir oft helfen und ich habe auch sonst ein Umfeld, das mich unterstützt. Die Gotten und Göttis zum Beispiel. Gestern nahm jemand die Kinder auf einen Ausflug mit, als ich krank war. Aber man muss es sagen und ehrlich sein, sonst bekommt man die Hilfe nicht. Starke Hilfe brauchte ich nach der Geburt des ersten Kindes. Ich hatte typische Heultage, verlor viel Blut und fühlte mich extrem überfordert. Ich sagte meiner Mutter, dass ich das nicht schaffe. Da kam sie zwei Wochen zu mir und sagte mir jeden Tag zehnmal, ich sei für dieses Kind die beste Mutter. Nach zwei Wochen habe ich es ihr geglaubt.

Wie haben Sie es geschafft, immer berufstätig zu bleiben? Viele Mütter und Väter sind ja schon mit zwei Kinder überfordert.

In den ersten drei Jahren als Familie arbeiteten mein Mann und ich Teilzeit. Danach ging er ins Berufsmilitär und arbeitete 100 Prozent. Ein Jahr lang blieb ich zu Hause, aber ich hielt das nicht aus. Dann begann ich für den «Beobachter» über Ernährung zu schreiben und merkte, dass das mit Kindern gut geht. Ich schrieb während ihrem Mittagsschlaf und am Abend.

So lange dauert ein Mittagsschlaf nicht und abends möchte man doch auch mal die Füsse hochlagern, nicht?

Ich brauchte die geistige Herausforderung einfach. Dafür stellte ich eine Putzfrau an und holte mir so Entlastung. Wenn ich ab und zu Vorträge hielt, kam ein Kindermädchen, aber das war nicht oft.

Sie beschäftigen sich als Ernährungswissenschafterin mit gesundem Essen. Aber gerade das ist teuer.

Es ist ein Abwägen. Ich würde gerne immer biologisch einkaufen, aber wenn ich dann sehe, was ein Bio-Kohlrabi kostet im Vergleich mit einem konventionellen, nehme ich den konventionellen. Ich koche auch oft vegetarisch und achte dann darauf, dass der Proteinbedarf trotzdem gedeckt ist.

Kochen Sie immer selber?

Ja, Fertigmenüs gibt es bei uns so gut wie keine.

Beginnt der Tag mit einem Frühstück? Es heisst oft, das Frühstück sei die wichtigste Mahlzeit am Tag.

Ja. Ich frühstücke am wenigsten, ich trinke nur einen Latte macchiato. Ich sitze jeweils einfach mit der Tasse vor den Kindern und sage noch nicht viel. (lacht) Es ist nicht die wichtigste Mahlzeit, aber es gibt Studien, die zeigen, dass Kinder in der Schule besser sind, wenn sie gefrühstückt haben. Aber auch eine Ovi ist beispielsweise ein kleines Frühstück.

Sie haben Bücher zur Kinderernährung geschrieben. Wie ernährt man Kinder gesund?

Das wichtigste ist das Vorbild. Man darf nicht sagen, etwas sei «grusig», sonst machen es die Kinder auch. Wichtig ist auch das Probieren. Es braucht ungefähr 15 Versuche bei den meisten Lebensmitteln, bis ein Kind etwas gerne hat. Meine Kinder müssen alles essen.

Sie sagen, es ist wichtig, dass man die Kinder kochen lässt.

Ja unbedingt. Sie machen es gerne und lernen viel. Es ist zwar mühsam, aber dafür wurde ich vor kurzem von meinem ältesten Sohn zum Znacht eingeladen, als ich abends an ihrer WG vorbeilief. Er kochte ein veganes Teriyaki mit ein paar Kollegen zusammen. Das war cool!

Bei Ihrem ersten Kind waren sie 26 Jahre alt, bei ihrem letzten 41. Was ist einfacher, Kinder früh zu haben oder spät?

Meinen Kindern sage ich: «Habt die Kinder, wenn ihr noch jung seid.» Da macht man sich noch weniger Gedanken, geht mit einer gesunden Naivität an die Sache ran. Später wird man ängstlicher. Auch die kurzen Nächte setzten mit dem Alter mehr an.

Haben Sie noch einen andern Ratschlag für werdende Mütter?

Nicht vergleichen. Weder sich mit anderen Müttern noch die Kinder. Ob ein Kind früher als andere spricht oder länger braucht, bis es durchschläft, ist einerlei. Da kann sich noch viel ändern. Eine meiner Töchter hat bis drei fast kein Wort gesprochen und ging in die Logopädie. Jetzt ist sie 17 und hat gerade einen Debattierwettbewerb am Gymnasium gewonnen.

Und wie ist es mit dem Durchschlafen? Haben Sie Ihre Kinder manchmal zu sich ins Bett genommen?

Klar. (lacht) Manchmal waren auch zwei, drei bei uns im Bett.

Sie haben vier Buben und vier Mädchen. Was ist einfacher?

Soll ich böse sein?

Sie sollen ehrlich sein.

Buben sind herausfordernder. Sie sind öfter krank, lernen, gerade was die Feinmotorik angeht, anfangs nicht so schnell. Dafür sind sie auch ein bisschen anhänglicher, was schön ist. Ein weiterer Unterschied: Das Schulsystem macht ihnen mehr Mühe – auch heute noch.

Inwiefern?

Es gibt zu wenig Lehrer. Häufig fehlen die männlichen Vorbilder. Das Stillsitzen fällt Buben schwerer. Die Hauptfächer, die für den Übertritt ins Gymnasium doppelt zählen, sind Mathematik, Deutsch und Französisch. Mit Sprachen haben Buben aber generell mehr Mühe. Moment. (Man hört Frau Botta mit einem Kind sprechen.) Nein, nicht ohne Helm. Nein, zuerst die Hausaufgaben, erst dann darfst du raus. Ich komme gleich, Valentin. So, jetzt wurde ich gestört.

Das dauerte aber lange. 60 Minuten.

Ja, sie wissen auch, dass sie mich nicht stören dürfen, wenn ich am Telefon bin. Das sind Dinge, die man selber steuern kann.

Hand aufs Herz, bereuen Sie manchmal, acht Kinder in die Welt gesetzt zu haben?

Nie. Ich würde es wieder machen. Aber nach dem achten hats dann auch gereicht.

Persönlich mussten Sie auf vieles verzichten, oder?

Ja, das stimmt. Vor kurzem hatte ich Tickets für ein Konzert von Amy Macdonald, auf das ich mich lange gefreut hatte. Ich konnte dann aber nicht hin, weil ich kranke Kinder zu Hause hatte. Solche Sachen passieren leider immer. Dafür sind Kinder sehr bereichernd, man lernt viel von ihnen und bleibt jung. Ich weiss genau, welche Youtuber angesagt sind, welche Musik im Trend ist, und wie Pokémon Go funktioniert.