Rund siebzehn Minuten dauert es, bis man die Verpackung entfernt, den Stecker gefunden, die Druckplatte kalibriert und das Plastikfilament eingeführt hat. Dann rattert er das erste Mal. Er, der «Replicator Plus» von MakerBot, einer der derzeit bekanntesten, beliebtesten und besten 3-D-Drucker, die man sich als Privatperson noch knapp leisten kann. Mithilfe von ein bisschen Plastik und ein wenig Zeit schafft er aus einem Gedanken einen Gegenstand, verwandelt ein digitales 3-D-Modell in ein reales Objekt. Das funktioniert ganz ähnlich wie beim traditionellen Tintenstrahldrucker; es ist nur unglaublich viel komplexer.

Die MakerBots – und mit ihnen auch die meisten anderen erschwinglichen 3-D-Drucker – arbeiten nämlich nicht mit farbiger Tinte, sondern mit Plastik. In der Druckerdüse wird das Filament bei rund 200 Grad Celsius zum Schmelzen gebracht und danach auf eine Druckplatte gespritzt. Sobald der Plastik genügend fest ist, wird darauf der nächste Layer aufgetragen. So wachsen Objekte langsam, aber stetig in die Höhe – Schritt für Schritt, vor allem aber Schicht für Schicht.

Dass es vom Auspacken bis zum ersten Rattern nur siebzehn Minuten dauert und danach nur eine halbe Stunde, bis man einen ersten perfekten 3-D-Druck in den Händen hält, das ist eigentlich sensationell. Und es ist vor allem genau das, was man sich von 3-D-Druckern schon viel früher erhofft hatte: Für 2500 Franken erhält man heute den «Replicator Plus»; die aktuelle Version von jenem Produkt, mit dem MakerBot im Jahr 2009 die nächste industrielle Revolution hatte einläuten wollen. (Kauft man bei der Konkurrenz, gibt es solide Modelle mit weniger Funktionsumfang schon ab rund 500 Franken.) Und diese Geräte haben Potenzial. Denn im Gegensatz zu den ersten Generationen der 3-D-Drucker, die zu Beginn des Jahrzehnts die ganze Welt begeistert, beschäftigt und schliesslich bitter enttäuscht hatten, wären die heutigen Modelle technologisch genügend weit entwickelt, um auch für den Massenmarkt interessant zu sein.

Eine ausgedruckte Schweiz ...

Eine ausgedruckte Schweiz ...

«So üblich wie Mikrowellen»

Der 3-D-Drucker ermöglicht einem, alles, was man sich vorstellt, selber aus Plastik herzustellen. Zwar existiert diese Technologie schon seit den 1980er-Jahren, aber MakerBot hat sie erstmals offensiv für Privatpersonen vermarktet. In erster Linie wurden die 3-D-Drucker damals für Bastler entwickelt – Investoren und Journalisten, jedoch auch die Gründer selbst, sahen darin aber weit mehr: «Es wird nicht mehr lange dauern, bis ein MakerBot in jedem Haushalt steht, bis er genauso üblich ist wie eine Mikrowelle», liess sich Gründer Bre Pettis anno 2012 in einer Pressemitteilung zitieren.

Die Firma verkaufte nämlich nicht nur ein Produkt, sondern auch die Vision einer Zukunft, in der 3-D-Drucker einen integralen, alltäglichen Bestandteil in unserem Leben einnehmen. Es hätte Usus werden sollen, dass man Ersatzteile direkt und bequem zuhause ausdruckt, dass im Internet nicht mehr nur mit Waren gehandelt wird, sondern auch mit 3-D-Modellen. Der Mensch sollte wieder zum Selbstversorger werden – nicht mehr als Jäger und Sammler, sondern als Designer und Drucker. Diese Überzeugung öffnete einen neuen Markt; unzählige Firmen wurden gegründet und Investoren steckten Millionen in die Technologie. MakerBot war auf den Titelseiten der wichtigsten Tech-Zeitschriften, und der Firmenwert wurde zwischenzeitlich auf 400 Millionen Dollar geschätzt.

... eine filigrane Skulptur ...

... eine filigrane Skulptur ...

In der Industrie und in der Forschung konnten sich die innovativen Drucker dann auch tatsächlich etablieren, sorgten für viele kleine und für einige ganz grosse Revolutionen: Dass Prototypen plötzlich mit wenig zeitlichem und finanziellem Aufwand in Einzelauflagen produziert werden konnten, vereinfachte den Alltag von Ingenieuren und Designern enorm. In der Medizin, wo man heute Prothesen und bald ganze biologische Organe druckt, sorgte die Technologie genauso für Furore wie in der Raumfahrt, wo Objekte zukünftig in digitaler Form zu Weltraumstationen «hochgebeamt» und dort ausgedruckt werden können. Noch immer liest man fast täglich von Forschungsprojekten, die den nächsten Durchbruch versprechen. Den Einzug in den Massenmarkt hat der 3-D-Drucker aber nie geschafft. Es war einer der grössten Technologie-Hypes des vergangenen Jahrzehnts, bei dem sich die geplante Revolution aber schnell in eine kollektive Frustration wandelte.

Von Hochmut und Fall

Wer sich nämlich als Privatperson damals einen 3-D-Drucker gekauft hatte, war meist schnell enttäuscht. Denn zum Zeitpunkt, als die Technologie hätte abheben sollen, war immer irgendwo eine Schraube locker, eine Düse verstopft oder eine Konfiguration nicht ganz ideal. Wer dreidimensional drucken wollte, musste stundenlang pröbeln, tüfteln und experimentieren. Das hatten sich die meisten Käufer anders vorgestellt – genauso wie die Start-ups und die Investoren, von denen sich viele schon bald vom neuen Markt zurückzogen. Auch MakerBot musste 2012 rund 100 Mitarbeiter entlassen, drei Jahre später gleich nochmals deren 180. Die Aktie des Unternehmens Stratasys, zu dem unterdessen auch MakerBot gehört, ist zwar zwischen 2009 und 2014 von 8 auf 134 Dollar angestiegen; mittlerweile pendelt sie aber wieder zwischen 15 und 30 Dollar. 

Die verkauften Drucker hielten während des Hypes das, was die Hersteller versprachen, aber nur selten das, was sich die Käufer von ihnen erhofften. Unterdessen ist das anders. Das neuste MakerBot-Modell «Replicator Plus» ist eine Hightech-Maschine, bei der man, zumindest als Amateur, keine groben Mängel mehr feststellen kann. Der Drucker ist nicht nur überraschend schnell eingerichtet, er druckt auch in exzellenter Qualität. Tüfteln muss man nicht mehr; das erledigt der Drucker heute alles selber. Er bietet gar keine Möglichkeiten mehr für Fehler – weder beim Wechsel des Filaments noch beim Kalibrieren des Druckbetts. Ein digitales 3-D-Objekt wird mit wenigen Klicks direkt vom Computer oder vom Smartphone an den Drucker gesendet. Dann kann man sich mit gutem Gewissen zurücklehnen und darauf vertrauen, dass eben nicht ein unförmiger Plastik-Klumpen entsteht, sondern das gewünschte Objekt.

... und Zeitungs-Logs, das sind die Werke unseres Autors. PZ

... und Zeitungs-Logs, das sind die Werke unseres Autors. PZ

Aber nicht nur beim Druck-, sondern auch beim Designprozess haben Hersteller von 3-D-Druckern alles dafür getan, um die Technologie simpler und dadurch massentauglicher zu machen. Während es früher noch aufwendig und komplex war, 3-D-Modelle am Computer zu entwickeln, gibt es heute unzählige Programme, die intuitiv und ohne mathematische Konstruktionen funktionieren. Wer dafür keine Zeit hat, findet auf Thingiverse, einer Plattform von MakerBot, unzählige Modelle, welche 3-D-Druck-Enthusiasten entwickelt und online geteilt haben. Das reicht von Werkzeugen und Kunstobjekten bis hin zu Fidget-Spinnern oder einer topografischen Karte der Schweiz.

Und wo bleibt der Mehrwert?

Heute ist das Ökosystem rund um die 3-D-Drucker technologisch so weit entwickelt, dass Nutzer auch ohne Vorkenntnisse oder handwerkliches Geschick überraschend viel aus einem Gerät herausholen können. Das ist toll: Wenn man am Computer ein Objekt entwirft und dieses kurze Zeit später selber in der Hand hält, ist das ein fantastisches Gefühl. Aber je länger man einen Drucker bei sich zuhause hat, desto bewusster wird einem, wieso auch das nicht für die angekündigte Revolution reichen wird. Denn für eine Privatperson gibt es momentan schlicht zu wenige Anwendungsfälle, in denen der 3-D-Drucker einen tatsächlichen Mehrwert bringt. Obwohl die Prozesse unterdessen optimiert sind, dauert es noch immer mehrere Stunden, bis sich ein digitales in ein reales Objekt verwandelt hat. Und auch wenn es mittlerweile diverse Filamente gibt, mit denen man unter anderem elastisch und transparent drucken kann, ist das Ganze halt doch noch immer auf Plastik limitiert. Für Bastler oder für Schüler – das neue Zielpublikum von MakerBot – ist dies genial. Aber für alle anderen Privatpersonen macht die Investition nur selten Sinn.

Der Hype kam zu früh

Die 3-D-Drucker hätten unseren Alltag erobern sollen, so wie es die PCs in den 90er-Jahren vormachten. Aber während sich Computer nach dem Moor’schen Gesetz entwickelten – die Leistung also exponenziell anstieg – dominierte bei den 3-D-Druckern eher der Gartner’sche Hype-Zyklus. Bei diesem Trendverlauf wächst zwar die Erwartung exponenziell, jedoch nicht die eigentliche Leistung. Auf den «Gipfel der Erwartungen» folgt deshalb ein «Tal der Enttäuschungen».

So ist es den 3-D-Druckern ergangen. Und so könnte es auch anderen Technologien ergehen, die heute noch als ganz grosse Revolution angepriesen werden. Der Hype um die 3-D-Drucker hat ihnen vermutlich mehr geschadet als genützt. Die Technologie wäre jetzt so weit, um dem medialen Rummel von damals gerecht zu werden und mit Risikokapital, Berichterstattung und grossen Versprechungen in die Wohnzimmer dieser Welt einzuziehen. Dieser Zug ist aber vorerst abgefahren. Denn das 3-D-Drucken ist eine Technologie, die ihren Nutzen noch immer sucht. In Laboren und in der Industrie hat sie ihn gefunden. Aber im privaten Haushalt noch nicht.