Alois Carigiet (1902–1985) liess sich von Selina Chönz überreden, ihr Kinderbuch zu illustrieren. Der 1945 erschienene «Schellen-Ursli» wurde ein Welterfolg, das erfolgreichste Schweizer Kinderbuch nach «Heidi». Selbst heute noch liegt das Buch am Kiosk auf. Und der Schellen-Ursli ziert nicht nur Tischsets, Fondue-Caquelons, sondern dient auch als Signet für eine Bio-Linie mit Bergprodukten.

Doch der «Schellen-Ursli» war nicht nur Segen, sondern auch Fluch für Alois Carigiet. Seine Arbeit als Maler und Werbegrafiker verschwand hinter den populären Kinderbüchern und Bündnerhelgen. Noch heute gibt es kaum eine Bündner Beiz ohne Carigiet-Lithografie an der Wand, und der Ferienwohnungsboom bescherte Carigiet und seinen Händlern viel Umsatz. «Diese Massenproduktion und sein Status als Bündner Exportschlager verstellten den Blick auf Carigiets malerisches Werk und haben ihn als Künstler diskreditiert», sagt Stephan Kunz, Direktor des Kunstmuseums Chur. Denn die Gemälde waren keine biederen Folklore-Stücke, sondern durchaus zeitgemäss, auch wenn sie Berge und Bündner Dorfszenen zeigen.

Der Spagat zwischen Heimatverbundenheit und Moderne, zwischen Bergwelt und Stadt prägte nicht nur das Werk von Alois Carigiet, sondern auch sein Leben. Den 1902 in Trun Geborenen zog es nach einer Lehre als Dekorationsmaler in Chur 1923 nach Zürich. Bereits 1927 machte er sich selbstständig und hatte Erfolg mit farbenfrohen, formal reduzierten Plakaten für Tourismus, Kleider, Schokolade . . . Seine grüne Olma-Kuh und das vierblättrige rote Kleeblatt für die Landeslotterie – Zeugen der «guten Form» haben Jahre überdauert. Wie angesehen er war, illustriert der Auftrag für das offizielle Landi-Plakat 1939.

Doch Zürich, die Aufträge, der Landi-Stress wurden ihm zu viel. Im Maiensäss Platenga oberhalb von Obersaxen fand er sein Paradies. Dort oben in der Weite wollte er nur noch malen. Einzelne Grafik-Aufträge nahm er weiter an, auch um Geld zu verdienen. 1942 heiratete er, 1944 kam die erste Tochter zur Welt. Und daneben zeichnete er das Abenteuer des Engadiner Schellen-Ursli. Weil Carigiet kein Engadiner war, lebte er wochenweise bei der Familie Chönz in Guarda, um das Dorf «richtig» ins Bild zu bringen. Trotzdem unterlief ihm ein Fehler: Beim Essen nach dem Chalandamarz-Umzug liess er in Surselva-Tradition Gerstensuppe auftischen – und ersetzte sie erst später durch die fürs Engadin typischen Kastanienribel.

Seine erste Ausstellung richtete ihm 1948 das Kunstmuseum Solothurn aus. 1950 zog er mit seiner Familie wieder nach Zürich, um im Muraltengut Wandbilder auszuführen. 1960 zog es Carigiet endgültig zurück ins Bündnerland, in seiner Heimatgemeinde Trun kaufte er ein Haus, war im Dorf beliebt. Auch als Maler war er sehr fleissig – und eigenständig. «Das Frühwerk ist bereits grafisch, aber noch nicht von einem Stil geprägt, es wirkt deshalb scheinbar freier. Carigiet behandelt die Leinwand oft recht rau, war eigentlich ein Suchender», sagt Stephan Kunz. Später fand Carigiet seinen typischen Stil: die Konturen betont, die Farbflächen wie ausgemalt und rote oder gelbe Farbtupfer als Blickfang.

Dass die Ziegen auf seinen Bildern grün, die Kühe rot, der Himmel auch gelb sein konnten, sorgte in seiner Heimat zuerst für Häme. Als Carigiet – neben den Giacomettis und Segantinis – zum berühmtesten Bündner Künstlerexport aufgestiegen war, sahen die Einheimischen wie die Fremden über solche «Eigenheiten» hinweg. In der Schweizer Nachkriegskunst gehörte Carigiet wie Varlin, Hans Erni, Turo Pedretti oder Max Gubler zu den figurativen Malern. In den Augen der abstrakten Avantgarde waren sie «Gestrige» – auch wenn sie durchaus einen gemässigten Modernismus verfolgten. «Ob Carigiet unter dem Verdikt, ein Unmoderner zu sein, gelitten hat wie zum Beispiel Varlin, weiss man nicht», sagt Stephan Kunz. «Klar ist aber, dass er etwa mit Mathias Spescha, dem abstrakten Maler aus Trun, privat wie künstlerisch freundschaftlich verbunden war.»

Als Künstler ist Carigiet teilweise in Vergessenheit geraten, eine Einzelausstellung gab es letztmals 2002, zu seinem 100. Geburtstag, im Kunstmuseum Chur. Nimmt man die Preise an Auktionen als Massstab für die Wertschätzung, so liegt er mit Erlösen von 30 000 bis 100 000 Franken deutlich unter Hodler, Segantini, Varlin, Anker – aber höher als die meisten seiner Zeitgenossen.

Ab 12. Juni zeigt das Landesmuseum in Zürich Alois Carigiet. Warum gerade jetzt? Ist es wegen der aktuellen Identitätsdiskussion in der Schweiz? Oder gar wieder wegen Schellen-Ursli? Der kommt diesen Herbst nämlich ins Kino. Regie des teuersten nur mit Schweizer Geld finanzierten Films (Budget 5,6 Mio. Franken) führt Xavier Koller. Kuratorin Pascale Meyer verneint das alles und erklärt: «Letztes Jahr bei der Ausstellung über Märchen zeigten wir den Illustrator Felix Hoffmann. Seine Bücher sind im asiatischen Raum ähnlich erfolgreich wie diejenigen von Alois Carigiet. Das gab uns den Anstoss, den Bündner in den Fokus zu stellen – mit allen Facetten und seiner Verbundenheit mit der Bündner Kultur.»

Der Film «Schellen-Ursli» wird Teil der Ausstellung. Dass in diesem Jahr auch «Heidi» neu verfilmt ins Kino kommt, ist Zufall. Aber die Filme wie die Ausstellungen mit Künstlern der Nachkriegszeit sind Indiz dafür, dass sich die Schweiz vermehrt mit ihren eigenen Traditionen beschäftigt.

Für das Land auf Spuren- und Identitätssuche sind eben nicht nur die Heroen von Morgarten, die Ereignisse von Marignano interessant, sondern auch Künstler, die das Schweizbild (positiv) spiegelten. Und besonders willkommen sind herzerwärmende, durch und durch schweizerische Sympathieträger. Wie der tapfere Schellen-Ursli, der alle Hindernisse überwindet, um die Schmach abzuwenden, an letzter Stelle beim Chalandamarz mitlaufen zu müssen. Oder wie Heidi, dem der Reichtum in Frankfurt die Heimat, den Wind und die Freiheit auf der Alp nicht ersetzen kann.

Alois Carigiet: Landesmuseum Zürich. 12. Juni bis 3. Januar.

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