Langsam öffnet sich der Mund, und eine übergrosse Zunge windet sich heraus. Auf ihr rutscht Miley Cyrus hinein ins Konzertvergnügen. Seit ihrem Skandalauftritt an den MTV Video Music Awards ist ihre Zunge allgegenwärtig. Ob im Video zu «Wrecking Ball», bei Interviews, auf dem roten Teppich oder auf der Bühne, überall streckt Miley uns ihre Zunge entgegen … und nervt. Selbst Kelly Osbourne mahnte ihre Freundin in einem TV-Interview: «Ich liebe dich, aber steck deine verdammte Zunge wieder in den Mund.» Doch die 21-Jährige lässt sich ihre Zunge nicht verbieten. Die Zunge ist zum Markenzeichen des amerikanischen Jungstars geworden. Aber das hatten wir alles schon mal.

Die berühmteste Zunge der Musikgeschichte ist 44 Jahre alt. Sie wurde im Auftrag von Mick Jagger vom damaligen Kunststudenten John Pasche für das Album «Sticky Fingers» entworfen und ist zum Erkennungszeichen und Logo der dienstältesten Rock-Band geworden. Auch auf dem Tourplakat der aktuellen Stones-Tour «On Fire» ist die Zunge, die vor sechs Jahren vom Victoria and Albert Museum in London ersteigert wurde, prominent in Szene gesetzt.

Zu jener Zeit war in der Hippie-Gemeinde die indische Kultur sehr populär, auch Jagger beschäftigte sich mit der indischen Mythologie. Dabei hat ihn vor allem Kali, die Göttin des Todes, des Zornes, der Zerstörung und der Erneuerung, fasziniert, deren zerstörerische Wut sich aber nicht gegen die Menschen, sondern gegen Ungerechtigkeit richtete. Kali zerstörte, um Neues entstehen zu lassen.

Die Stones hatten zu jener Zeit nicht nur mit bürgerlichen Konventionen gebrochen, sondern auch mit dem «abgewrackten britischen Staat» (Keith Richards), sie waren auf der Flucht vor Polizei und dem Zugriff des britischen Fiskus ins südfranzösische Exil. Umso begeisterter waren sie von der wütenden Erneuerungskraft Kalis. Auf Zeichnungen wird die Göttin mit mehreren Armen, einem dritten Auge auf der Stirn und mit herausgestreckter Zunge dargestellt. Die Zunge inspirierte Pasche zum Stones-Logo. Die Zunge als Ausdruck von Rebellion, Protest und Provokation. Mit seiner sexuellen Bedeutung war die Zunge gleichzeitig Symbol der sexuellen Revolution.

das ist lange her. Heute gehören die Stones selbst zu dem Establishment, das sie früher bespuckt hatten. Vor allem Sir Mick Jagger. Der einstige Rebell, der sich selbst mit «Seine Satanische Majestät» betitelte und als Inbegriff der Verdorbenheit galt, wurde vor gut zehn Jahren von der Queen in den britischen Adelsstand erhoben. Der erste Ur-Grossvater der Rockgeschichte überlässt die Provokationen und Skandale anderen – zum Beispiel Miley Cyrus.

Absurd. Miley Cyrus in den Fussstapfen der Stones? Ihre Skandale wurden zunächst als postpubertäre Provokationen belächelt. Doch ihre Rebellion hat durchaus eine gesellschaftliche Komponente. So richtet sich ihre herausgestreckte Zunge gegen die heile Welt des erzkonservativen Disney-Unterhaltungs-Imperiums, dessen Kinderstar sie war und dem sie mit nackten Tatsachen zu entfliehen versucht. Und doch folgten die perfekt inszenierten Skandale mehr dem Gebot einer Marketing-Strategie als dem ernsthaften Bedürfnis nach gesellschaftlichem Protest. Also doch mehr Pop-Marketing a la Madonna, Lady Gaga und Britney Spears als Rock-’n’-Roll-Protest.

Mileys blutte Provokationen mögen plump, platt, billig und geklaut sein, sie haben aber auch in Europa ihre Wirkung nicht verfehlt. Sex, so abgestumpft wir in dieser reizüberfluteten Zeit sein mögen, verkauft sich immer noch glänzend. Noch vor einem Jahr wollte niemand etwas von Miley Cyrus wissen, jetzt spielt sie in den grössten Hallen Europas. Das renommierte Magazin «Time» zählt sie zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Gegenwart und hat sie unter dem Titel «The Pop Provocateur» auf Platz 21 gewählt. Und die ebenso renommierte deutsche Zeitung «Die Welt» titelte: «Wir haben die Zukunft der Popmusik gesehen». Die Provokationen haben sich gelohnt.

Rolling Stones: Heute ab 20 Uhr im Letzigrund Zürich.
Miley Cyrus: Sa 7. Juni ab 20 Uhr im Hallenstadion Zürich.

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