Das Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse im Zürcher Niederdorf. Früher Morgen. Eine Touristin fotografiert das unscheinbare Schild, das leere Schaufenster. Man könnte sich wundern. Wenn eben nicht die ganze Welt wüsste, dass hier Geschichte geschrieben wurde.

Hier wurde am 5. Februar 1916 Dada geboren. Die Königin des höheren Unsinns. Sie hatte sieben Väter und Mütter, Schriftsteller, Künstler, Tänzerinnen. «Zusammen lassen sich die sieben Dada-Begründer jeden Abend bis zum Irrsinn, bis zur Bewusstlosigkeit gehen, um Dada gebären zu können», wie es in der Beschreibung des Cabarets Voltaire heisst.

Das passierte im ersten Stock, im Sälchen hinter der Bar. Hier las Hugo Ball Lautgedichte, Emmy Hennings und Sophie Taeuber-Arp tanzten zu Gongklängen oder Negerrhythmen, unterstützt von Hans Arp, Tristan Tzara, Marcel Janco und Richard Huelsenbeck. Die meisten waren Immigranten. Vor 100 Jahren wollten sie hier die Kunst revolutionieren.

Wir stehen am Morgen im Keller des Hauses. Wir wollen wissen, warum denn Dada so wichtig war, so wichtig ist, dass man in Zürich zum Jubiläum ab kommender Woche völlig überbordet. An unzähligen Orten, in Hunderten Veranstaltungen und einem Dutzend Ausstellungen feiert man den Geburtstag von Dada und seine Auswirkungen bis heute. Ob Kunstzeitschrift oder Lifestyle-Magazin, ob Fernsehen oder trendy Blog: Alle schwärmen von Dada, von der Innovation der Künstlerinnen und versuchen irgendwie den Geist von Dada wiederzubeleben.

Woher kommt die Faszination für Dada? Das fragen wir an diesem Morgen Adrian Notz, den Direktor des Cabarets Voltaire. «Dada ist eigentlich ein grosser Mythos», sagt er. Es gäbe eben mehr als nur den interessanten Kunst- und Literatur-Aspekt. «Dada hat auch einen starken philosophischen, vielleicht gar einen metaphysischen, spirituellen Aspekt. Jeder kann seine Sehnsucht in Dada hineinprojizieren.»

Dada war darüber hinaus eine Art Kapitulation vor den herschenden Zeitumständen, eine Flucht der Künstler
vor dem Gemetzel des Ersten Weltkrieges. Und Dada war selber auch zerstörerisch: Die Künstler haben die Sprache bis zum Gestammel seziert, die Kunst dekonstruiert.

Sieht hier Notz nicht auch einen Widerspruch? «Dada ist ein Widerspruch in sich: Dada war eine happy destruction, die Dadaistinnen wollten nicht nur die verschmutzte Sprache oder die in ein Korsett gezwängte Kunst loswerden, sondern sie nutzten den kreativen Schwung für Neues, für nie vorher Gedachtes. Diese Hoffnung sehen viele in Dada. Auch ich.»

Sind diese Hoffnungen begründbar, oder sind das Projektionen aus heutiger Jubel-Sicht? Wenn wir uns die Geburt von Dada, das Cabaret Voltaire 1916, vorstellen, waren das lediglich Aussenseiter-Veranstaltungen auf einer Miniatur-Bühne im Hinterzimmer einer Bar. Ein paar seltsame Figuren lallten, proklamierten und tanzten vor betrunkenen Gästen und ein paar Fans. War das wirklich so bahnbrechend? Notz gibt zu: «Wir haben schon öfter die Darbietungen von damals aufgeführt, das wirkt heute recht lächerlich. Aber», fügt er an, «das Spannende ist, dass wenn wir über Dada nachdenken, wir auch über die 100 Jahre dazwischen nachdenken.»

Verbreitet hat sich die Idee Dada nicht von der Bühne aus und kaum im Zürich der Zeit. Dada wurde durch Briefe, Berichte, Posters und in Zeitschriften glorifiziert. «Die Dadaisten in Zürich waren Flüchtlinge, Immigranten. Sie hatten ein globales Netzwerk», erklärt Notz. «Dada als Wort und Begriff ist eine extrem gute Marke. Jeder kanns aussprechen, jeder kann es sich aneignen – so gesehen waren die Dadaistinnen extrem gute Marketingleute und social Networker – ohne Internet.» Die treibende Kraft für die Ausbreitung von Dada sei Tristan Tzara gewesen. «Er schrieb Briefe, zum Beispiel nach New York: ‹Ihr müsst Dada machen und es Dada nennen.› Tzara war stolz, dass 1919 schon 8590 Zeitungsartikel über Dada erschienen waren.»

Adrian Notz zeigt auf den gemalten Sternenhimmel im Keller des DadaHauses: Zürich, New York, Paris, Köln, Barcelona etc. sind hier zusammen mit 165 Namen als Universum Dada aufgezeichnet. Das soll zeigen, dass Dada ein weltweites Phänomen mit Geburtsort Zürich ist. 165 Dadaisten: Das ist arg hoch gegriffen. Notz erklärt: «Schon die Dadaisten haben Listen gemacht. «Im ‹Bulletin Dada No 6› sind die Présidentes et Présidents du mouvement Dada aufgelistet, rund 60 Namen. Tzara hat in New York 1921 eine Liste von den ‹Collaboraters of Dadaglobe› gemacht mit 114 Leuten, aber er hat ein paar vergessen.»

Wie kam eigentlich Adrian Notz zum Cabaret Voltaire? Durch einen glücklichen Zufall. «Direktor Philipp Meier hat mich 2004 als Assistenten eingestellt, als theoretisches Back-up, wie er sagte, weil ich ‹Theorie der Kunst und Gestaltung› an der Zürcher Hochschule der Künste studiert hatte.» 2006 wurde er Co-Direktor, 2012 Direktor des Cabaret Voltaire.

Im Jubiläumsjahr wird er hier 165 Tage lang jeden Morgen um 6.30 Uhr ein Offizium für je einen der 165 Dadaisten abhalten. «Es ist wie ein Morgengebet, ohne zu beten.» Für Hugo Ball werde er ein Lautgedicht lesen, für Sophie Taeuber ist Ausdruckstanz angesagt. Von ihm? Er lacht und sagt: «Ich werde es versuchen. Als Reenactement. Es geht darum, sich diese Persönlichkeiten einzuverleiben in einem Ritual.» Und danach ist er selber Dada? «Nein, ich würde mich nie als Dadaisten oder gar als Oberdada bezeichnen. Ich bin hier eine Art Hausmeister, ein Dienstleister. Oder eben der Kurator, im Sinne, dass ich Sorge trage für die Dadaistinnen.»

Unter den 165 Namen von Notz finden wir als sogenannte Überdadaisten Leute wie Albert Einstein, James Joyce oder Sigmund Freud. Aber die hatten mit Dada doch gar nichts am Hut! Sie wurden nachträglich der Bewegung einverleibt. Notz verteidigt: «Es geht darum, Instanzen zu finden. Es sind Leute, welche von den Dadaisten bewundert wurden. Und wir haben mit Einstein, Freud, Chaplin ergänzt, damit man versteht, in welcher Zeit die Bewegung entstanden ist. Dazu kommen Menschen, die auf andere Art Paradigmenwechsel herbeigeführt haben, wie James Joyce als Schriftsteller in der Sprache, Albert Einstein in der Wissenschaft, Lenin in der Politik. Revolutionäre eben.»

Notz wird in der Ausstellung «Obsession Dada» das Archiv von Harald Szeemann präsentieren, einst Schweizer Vorzeigekurator, der Dada und zeitgemässe Kunst verbunden hat. Heutige Künstler sollen dazu Performances zeigen, alles unter dem Label Dada.

Diese Ausweitung von Dada auf alles, was schräg, ungewöhnlich oder surreal ist, führte letztlich zur Überschätzung von Dada. Adrian Notz findet den Einwurf interessant und meint: «Die dauernde Überschätzung ist Teil von Dada. Dada ist uferlos.» Aber er sieht auch die Widersprüche. «Wenn Tourismus-Agenturen heute Werbung mit und für Dada machen, so ist das fast widersinnig. Ich habe auch viel mit Schweizer Botschaftern zu tun, die mit Dada für die Schweiz werben.»

Dann will er unseren Einwand nach der Überschätzung doch nicht stehen und gelten lassen: «Vielleicht ist es auch eine Unterschätzung. Dada ist ein Schlüssel, den man für alles benutzen kann. Wenn sich Dadaist Johannes Baader in Berlin zum ‹Präsidenten des Erd- und Weltballs› ernannt hat, so haben die Dadaistinnen dieselben Strategien und Ausdrücke benutzt wie die Politik. Dada heisst eigentlich nichts, bedeutet nichts. Aber wenn sie dieses Wort als Platzhalter einsetzten, hatten sie die Hoffnung, sie könnten die Welt verändern.»

Und Notz schlägt den Bogen von damals zu heute: «Hugo Ball hat 1913 gesagt: ‹Es herrscht ein Wirtschaftsfatalismus, und wir sind alle verstrickt und gekettet.› Ich glaube, das ist heute noch stärker der Fall. Selbst die Kreativität ist zum wirtschaftlichen Faktor geworden.» Gilt das nicht auch für das (zu) gross angerichtete Dada-Jubiläum?

Ausstellungen in Zürich:
Obsession Dada und 165 Feiertage: Cabaret Voltaire. 5. 2.–15. 5.
Dada global: Kunsthaus. 5. 2.–1. 5.
Dada universal: Landesmuseum 5. 2.–28. 3.
Dada anders: Haus Konstruktiv. 25. 2.–8. 5.
Dada Afrika: Museum Rietberg. 18. 3.–17. 7.
Francis Picabia: Kunsthaus. 3. 6.–25. 9.
www.dada100zuerich2016.ch/

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