Diese Saumade!» Hazel Brugger zischt ins Diktiergerät. Vor fünfzehn Minuten ist sie in Basel-Mulhouse gelandet. Aus München. Sie hat dort für die «heute-show» den bayrischen CSU-Finanzminister Markus Söder interviewt. Also einen deutschen Spitzenpolitiker für die beliebteste Late-Night-Show im grössten TV-Markt Europas. Nun muss sie schnell nach Solothurn für einen Auftritt. Auf der Autobahn kurz nach Basel zieht ein Kleinwagen ohne zu blinken auf die linke Spur. Brugger sitzt auf dem Beifahrersitz und protokolliert trocken ins Diktiergerät: «Uns hat gerade ein VW-Polo den Vortritt auf der Autobahn genommen. Wir waren nicht schuld.» Abseits der Autobahn nimmt Hazel Brugger momentan niemand den Vortritt. Sie ist auf der Dauer-Überholspur. Irgendwo zwischen grossem deutschen Fernsehen und kleinen Schweizer Bühnen.

Zwei Tage zuvor hatte Hazel Brugger eine Mail geschrieben. Gespräch, ja gern, hiess es da. Aber ob sie abgeholt werden könne in Basel-Mulhouse. Interview im Auto, sei zwar alles «mega umständlich», wäre aber «irre-gut». Jetzt sitzt Brugger im Auto. In der linken Hand hält sie das Aufnahmegerät zur Aufzeichnung des Gesprächs, in der rechten ihr Handy zur Navigation. Was in ihrer Karriere gerade passiert, ist schwer zu erklären. «Ich krieg ja nur den Termin-Stress mit.»

Deutschlands nächster Star
Hazel Brugger, 22, Tochter eines Neuropsychologen, aufgewachsen im zürcherischen Dielsdorf, ist im Begriff, ein Comedy-Star in Deutschland zu werden. Zur Klärung: Der letzte und einzige Schweizer Comedy-Star in Deutschland war Emil. Dann gab es noch Marco Rima. Mit anderen Worten: Hazel Brugger stösst in ein ziemliches Vakuum.

Von der Überholspur gehts bei der Abzweigung Augst Richtung A1. Spurwechsel. Brugger konstatiert ins Aufnahmegerät: «Schulterblick, vorbildlich!»

Das Tempo in Bruggers Karriere hat im letzten Jahr exponentiell zugenommen. Brugger steht auf der Bühne, seit sie siebzehn ist. Sie ist seit Jahren Liebling der Kleinkunstszene. 2015 wurde sie für ihre Kolumnen zur Nachwuchsjournalistin des Jahres 2015 ausgezeichnet. Doch allerspätestens seit sie seit letztem November mit ihrem Stand-up-Programm «Hazel Brugger passiert» in der Deutschschweiz unterwegs ist, wissen auch alle ausserhalb des Kleinkunstbiotops, welch humoristische Ausnahmeerscheinung Hazel Brugger ist. Innert kürzester Zeit hat sie die Art und Weise, wie Stand-up in der Schweiz funktioniert revolutioniert. Bis Brugger kam, standen da vor allem gut aussehende junge Männer auf Bühnen und rissen coole Witze. Colgate-Comedy à la Fabian Unteregger oder Michael Elsener. Bruggers Prinzip ist radikal anders. Sie sagt: «Stand-up funktioniert für mich nur, wenn uncoole Menschen auf der Bühne uncool sind.» Das Hosenrunter-Prinzip. Nach dem amerikanischen Credo dieses Genres: schmerzhafte, gnadenlose, selbstzerstörerische Ehrlichkeit.

Jan Böhmermann entzaubert
In der Schweiz hat Brugger damit bisher ein Alleinstellungsmerkmal. Aber auch in Deutschland gibt es wenig Vergleichbares, sagt der mächtigste Mann im deutschen TV-Humor. Stephan Denzer ist Leiter der Abteilung für Comedy und Kabarett im ZDF und damit Herr über den Dreiklang der deutschen Humor-Sendungen: «heute-show», «Die Anstalt» und «Neo Magazin Royal».

Im letzten Februar hatte Brugger ihren ersten Einsatz als Aussenreporterin für die «heute-show». Sie besuchte eine Wahlparty der deutschen Rechtsaussen-Partei AfD und spielte verbales «Hau den Lukas» und schlagfertigte die AfD-Soldaten im Akkord ab. Es war der Auftritt, der ihr in Deutschland die Türen öffnete. Seither ist Brugger Dauergast. Denzer sagt: «Hazel Brugger wird hier in Deutschland eine grosse Erfolgsgeschichte.» Und weil Denzer Erfolge am liebsten bei sich verbucht, soll Brugger künftig regelmässig bei der «heute-show» auftreten.

Wie reif Brugger für Deutschland ist, hat sie letzte Woche bewiesen, als sie Jan Böhmermann entzauberte. Zu Gast in dessen Hipster-Humor-Messe «Neo Magazin Royal» liess sie das Publikum eine neue Seite Böhmermanns entdecken. Böhmermann stotterte, Böhmermann kicherte. Er kriegte Brugger nicht in den Griff. Böhmermann: «Es ist schwer als Frau im Comedy-Geschäft, auch in Deutschland. Weiss nicht, ob dir das jemand gesagt hat.» Brugger: «Ich dachte erst, du sagst mir das so von Frau zu Frau.»

Brugger hat inzwischen ein Zimmer in Köln. Deutschland ist ihr natürlicher Markt. Nicht nur, weil sie dank ihrer deutschen Mutter akzentfrei Hochdeutsch spricht oder weil sie anders als Emil auf Schweiz-Klischees verzichtet, sondern auch, weil in Deutschland Comedy einen anderen Stellenwert hat als in der Schweiz. Sie sagt: «Wenn du in Köln erwähnst, dass du bei der ‹heute-show› arbeitest, öffnet das Türen. In Zürich wurden mir Wohnungsabsagen mit Auftritten bei Giacobbo/Müller begründet.» Und dann schaut sie auf ihr Handy und sagt: «Nächste Ausfahrt raus. Ging ja schnell.» Ja, es ging schnell bei Hazel Brugger.

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