1200 Besucher in der Kirche Arlesheim. Monatelang ausverkaufte Vorstellungen am Zürcher Schauspielhaus. Wo Paul Burkhards «Zäller Wiehnacht» draufsteht, stehen drinnen die Menschen sich gegenseitig auf die Füsse.

Das Krippenspiel des Theater-Komponisten ist neben den vier Kerzen auf dem Kranz quasi der fünfte Dauerbrenner zur Adventszeit. Wohl jeder Schweizer hat es zumindest auszugsweise schon gehört. Die meisten sangen als Schulkind selber «Das isch dä Schtärn vo Bethlehem» – und viele von ihnen den Rest des Werks gleich auch noch dazu.

Der Zeller-Weihnacht-Effekt
Wie der Mann neulich an der Bushaltestelle, wo ein Kind der Mutter vorsummte: «Was isch das für ä Nacht ...». Es stockte. Worauf der Fünfzigjährige einsprang und losschmetterte «... hätt eus de Heiland bracht, und us dä arme Mänsche richi gmacht!» Er sei als Kind einer der Engel gewesen wegen seiner Chruseli, erzählt der Mann und zeigt lachend auf seinen kahlen Kopf.

Vielleicht ist das der Zeller-Weihnacht-Effekt. Ein Effekt, der nicht nur «us arme Mänsche richi macht», sondern aus Menschen auf dem Weg zur Arbeit – fröhliche Menschen. Ihnen allen geht es wie einst Prousts Romanheld nach dem Biss in die Madeleine: Plötzlich ist die eigene Kindheit zum Greifen nah. Denn auch mit den vertrauten Klängen stellt sich ein Stück Weihnachtsseligkeit von damals ein.

Teil vieler Lebensgeschichten
So ist die Zeller Weihnacht nicht nur eine Schweizer Erfolgsgeschichte. Sie ist auch Teil vieler Schweizer Lebensgeschichten. Das hatte Komponist Paul Burkhard weder beabsichtigt noch erwartet, als er auf Anfrage seiner Wohngemeinde im Winterthurer Tösstal ein Krippenspiel für die Dorfjugend von Zell komponierte (daher der Name «Zäller Wiehnacht»). Obwohl: Der Mann hatte durchaus Erfahrung mit dem plötzlichen Hitstatus seiner Werke. Sein Chanson «O mein Papa» lief 22 Wochen lang in der Version mit dem Trompeter Eddie Calvert in der englischen Hitparade; in den USA verkauften sich innert fünf Monaten drei Millionen Single-Platten. Bis heute ist Paul Burkhard der erfolgreichste Komponist der Schweiz.

Verlieh dieser Erfolg Paul Burkhards Krippenspiel von Anfang an Flügel? Immerhin führte die Zeller Dorfjugend ihr Weihnachtsspiel vor zahlreichen illustren Gästen auf; das Schweizer Fernsehen war ebenso anwesend wie das Radio. Doch das erklärt noch nicht, warum das Spiel bald in mehr als 20 Sprachen übersetzt und rund um den Globus aufgeführt wurde – in Deutschland als «Zeller Weihnacht», in den USA als «Swiss Nativity».

Konkurrenz nur von Pokemon
Der Mangel an Konkurrenz mag der Zeller Weihnacht mit zu ihrem Weihnachtswunder verholfen haben. Zwar werden bis heute rege neue Krippenspiele verfasst. Doch klingen «Weihnachten ist eine Party für Jesus» (Ina Ruckschedel) oder «Pokemon gesucht, Jesus gefunden» (Ingeborg Heidenreich) eher anbiedernd als verheissungsvoll. Und selbst Dadaist Hugo Ball holt mit seinem «bruitistischen Krippenspiel» nicht alle ins Boot – beziehungsweise in die Kirche: Denn die Dada-Frage «Wie klingt ein kackendes Kamel?» ist an Weihnachten offenbar nicht jedermanns Sache.

Paul Burkhard aber ist mit seinem Krippenspiel genau das gelungen: Die über 2000-jährige Weihnachtsgeschichte zu jedermanns Sache zu machen. Und das, ohne sie dabei zu verbiegen. «Was spielen wir überhaupt?», fragt eine Figur am Anfang. «Ach, es ist ein Krippenspiel», antwortet ein anderer. Darauf ein Dritter: «Die altmodische Geschichte? Die gilt doch nicht mehr!»

Und ob sie gilt! Denn die Wünsche und Bedürfnisse, die Ängste und Konflikte der Kinder spiegelt Burkhard an jenen der biblischen Figuren. So werden aus den alten Zöpfen unversehens kindlich wippende Zöpfe – oder die zuvor erwähnten Chruseli. Und wenn der Chor singt: «Kei Muetter weiss, was irem Chind wird gescheh. Ob ihres Chind wird liide; ob mer’s gar wird beniide». Dann holt das selbst die heilige Maria aus dem weit entfernten Paradies auf die Erde. Denn hier wird keine Heilige besungen, sondern Mütter aus Fleisch und Blut – und mitten unter ihnen eine namens Maria.

Musik mit Ohrwurm-Potenzial
Doch all das wäre nichts ohne Musik, die hinsichtlich ihres Ohrwurm-Potenzials mit «Jingle Bells» und «White Christmas» mithalten kann: einfach zu singen und trotzdem schön. Ganz so verwunderlich ist das nicht. Schliesslich hatte Burkhard mit «O mein Papa» gezeigt, dass seine Melodien durchaus für Millionen sind – ob in Zell im Tösstal oder in Indianapolis, Indiana. So wurde aus dem Krippenspiel ein Kassenschlager. «Das sind alles Hits», bringt es Regisseur Klaus Brömmelmeier auf den Punkt. Der Deutsche hatte das Werk zufällig in einem Schweizer Brockenhaus auf LP entdeckt und beschloss, es 2011 am Zürcher Schauspielhaus zu inszenieren – die Vorstellungen waren allesamt ausverkauft. «Wenn etwas so gut ist, dann hat es Bestand. Dann spricht das für sich», ist Brömmelmeier überzeugt. Und die 56-jährige Erfolgsgeschichte gibt ihm recht.

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