Von Isabel Zürcher

Die wohl berühmteste, sicher aber beliebteste unterden Schweizer Theaterformationen steht kurz vor ihrer landesweiten Tournee: Mummenschanz. Ein Besuch ihrer Homebase im St. Galler Rheintal erlaubte der «Schweiz am Sonntag» einen Einblick in die neue Schau. Dabei erwies sich einmal mehr: Das Menschliche und allzu Menschliche sieht man in der Vergrösserung am besten. Und lacht darüber. Wortlos, hinter Kopf- oder Ganzkörpermasken, teilt Mummenschanz unsere Emotionen. Ganz im Material, hält uns die Truppe einen Spiegel vor. Und trifft global ins Herz. «Es ist eine schöne Arbeit, im Iran und in Kanada, in Australien oder Tel Aviv, in Zürich oder irgendwo in der Welt das Kind in den Leuten aufzuwecken.» Floriana Frassetto ist als Gründungsmitglied auch nach 44 Jahren noch die treibende Kraft. Sie sagt dazu: «Überall und unabhängig von Alter, Sprache, religiöser oder sozialer Zugehörigkeit ist das Kind im Menschen dasselbe.

Wer schon dabei war in der Frühzeit ihrer emotionalen Welteroberung, mag sich erinnern: Wir sassen auf den rot bepolsterten Bänkchen des Zirkus Knie und staunten. Darüber, wie sich Körper ohne Kopf und Wirbelsäule in die Höhe reckten und als übermannsgrosse Raupen einander Ballone oder Küsse zuspielten. Darüber, dass ein Requisit auch ohne Clown die ganze Manege in seinen Bann zog. Als der Fernseher noch Kiste war und nach vorn wölbte, erwarteten wir die Muppet Show und begegneten den Masken, die unmissverständlich pointiert erzählten. Auch wenn sie nur Kanister waren – die Nase ein Griff, der Mund ein Plastikdeckel –, oder wenn ein Augenaufschlag als dünnes Papierchen unwiderruflich zu Boden fiel.

Umwege des Erfolgs
Floriana Frassetto, Italienerin mit amerikanischen Wurzeln, hatte 1972 mit zwei Schweizer Clowns zusammengefunden. Damals war der Erfolg des Trios noch alles andere als vorgezeichnet. Die Öffentlichkeit habe sich schwergetan mit der Zuordnung ihres Wirkens, das nicht ganz Tanz, nicht Theater, auch nicht nur Maskentheater sein wollte. «Nachdem uns eine amerikanische Agentin im Theater am Hechtplatz in Zürich gesehen hatte, sagte sie: Ich bringe euch in die USA. Testweise, für zehn Auftritte.» In New York sollen sich wichtige Weichen stellen. «Die Tanzkritikerin Anna Kisselgoff hat über uns geschrieben. Ab dann sind wir jedes Jahr nach Amerika gereist. Eigentlich haben wir erst dort unser Potenzial verstanden.» Keiner sei Prophet im eigenen Land, sagt Frassetto heute mit Nachsicht. Denn als sie nach dreijähriger Präsenz am Broadway zurückgekommen seien, hätten plötzlich alle gewusst: «Selbstverständlich! Mummenschanz! Die sind doch aus der Schweiz!» Was hätten sie gelacht über die regionale Vereinnahmung einer Vision, die aus dem Off, in unermüdlicher Handarbeit und ohne finanziellen Rückhalt international Fuss gefasst hatte. Die Besetzung von damals ist Geschichte. Andres Bossard verstarb 1992, Bernie Schürch verliess Mummenschanz nach dem Jubiläumsprogramm vor vier Jahren. Doch Floriana Frassetto ruht sich nicht aus. Der Gründergeist lebt fort, und das Credo der wortlosen Poesie bleibt die Basis auch des neuen Programms, «you & me».

Verjüngtes Team
Sara Hermann und Oliver Pflug sind seit Frühjahr dabei, Kevin Blaser und Christa Barrett stiessen zuletzt dazu. Alle sind jung, Profis der Bewegungskunst, haben Strassentheater- oder Bühnenerfahrung, bringen Begeisterung und Neugierde mit für Tanz, Perkussion und diverse Erzählformate. Und einen, den das öffentliche Reden über Mummenschanz immer wieder überspringt, dürften wir auf keinen Fall vergessen, insistiert die künstlerische Leiterin: «Eric Sauge bringt uns die Farben ohne zu viel Gelatine, er bringt uns die Schatten, sodass das, was keiner sehen soll, im Dunkeln bleibt.» Kurzum: «Unser Lichttechniker ist unendlich wichtig für die Magie.» Und darum geht es: Dem ganz analogen Auftritt jenen Zauber zu entlocken, der die Seele wärmt und im Gedächtnis bleibt.

Zwei Wochen vor der Premiere in Zürich herrscht am Hauptsitz der Mummenschanz in Altstätten SG eine entspannte Arbeitsatmosphäre. Probebühne und Nähatelier gehen ineinander über, den Fenstern entlang reihen sich Arbeitstische mit Nähmaschinen, Requisiten, Modellen und Überbleibseln aus jeglichem Material.

Oliver und Sara rüsten sich zu einer weiteren Probe ihres Duos, ziehen mit Lehm beschichtete Masken über. Jetzt gehts um Wettbewerb. Um Attraktion und Verweigerung. Im Ringen um den Platz an der Sonne tut man sich einiges an, verzerrt sein Gesicht, testet extravagant die Überlegenheiten, missgönnt dem andern seine Nasenlänge, greift nach dem verbliebenen Rohstoff, um ihn trotzig auf die eigene Stirn zu hauen. Die potenziell amouröse Annäherung schlägt in einen erbitterten Kampf um. Und wer die kurzen Minuten von der geschlechtsneutralen Ausgeglichenheit bis zur entstellten Fratze erlebt hat, ahnt einmal mehr, wie verletzt und dumm der Mensch manchmal um sich schlägt.

Kunst der verspielten Kritik
Nicht alles bleibt versöhnlich in der generationenübergreifenden Weltsprache aus Altstätten im Jahr 2016. Aber von ihrer ursprünglichen Idee, gleich alle sieben Todsünden auf die Bühne zu bringen, hat Floriana Frassetto auf Anraten von nächsten Vertrauten Abstand genommen. Einen Einbruch im Ticketverkauf wollte niemand riskieren. Die subtile Kritik an der Lage der Menschheit umkreist jedoch auch Figuren, über die wir uns getrost amüsieren dürfen.

So hat Frassetto die «Gourmandise» erträumt und real werden lassen: ein sympathisches Monster mit leuchtenden Lippen, die einen unersättlichen Torso umranden. Zutraulich und wahllos frisst es alles, was ihm an Junk aus buntem Plastik entgegenkommt. Man vergisst, wie viel es braucht, bis sich der Eigensinn von Stoff, Folie und Kulleraugen ad hoc modellieren lässt. Manchmal zaubert eine heftige Bewegung ein zartes Lächeln in den Raum oder muss man innehalten für ein Bild der Aggression. Die spielerische Freiheit nimmt zu, wenn das Begreifen der materiellen Logik überwunden ist: «Dann kann ich mehr eigene Farbe geben», sagt Christa, «und habe das Gefühl, dass man von aussen merken würde, ob ich in der Figur stecke oder Sara.»

Ein wesentlicher Faktor ist im Studio nicht dabei und lässt sich auch nicht simulieren: das Publikum. Denn das Lachen, ein Raunen oder die Stille, die jede präzis einstudierte Geste vor schwarzem Grund provozieren kann, geben vielleicht die allerletzte Regieanweisung. Irgendeinmal hat Mummenschanz realisiert, dass die Aufmerksamkeit von Jung und Alt ihnen jene Musik ersetzt, die sie sich in den Anfängen gar nicht hätten leisten können.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.