Von Anna Kardos

Buchrücken am Laufkilometer; Massenandrang in den Hallen, Fernsehkameras mit Fokus auf die Literaturprominenz. Selbst die Luft scheint zu vibrieren. Wenn man nicht wüsste, dass man in Deutschland ist, man wähnte sich im Land, wo die wilden Bücher wohnen.

Denn an der Frankfurter Buchmesse steht fest: Das Wichtigste auf der Welt ist das Buch. besser gesagt, die Bücher mit ihren tausend Titeln und Themen. Und inmitten dieses Bücheruniversums ein Mann: Wladimir Kaminer.

Kennen Sie nicht? Kennen Sie doch. Immerhin hat Kaminer sich im Jahr 2000 mit «Russendisko» in die Liga der Kultautoren katapultiert und seither rund 2,9 Millionen Bücher verkauft. Nun steht er da: Gelb die Lederjacke, hellwach der Blick – so fokussiert er sein Gegenüber. Aber nicht lange. «Wladimiiir, Wlaaadimiiir!», tönt es nämlich hinter einem der Regale hervor. Kaminer schaut, strahlt – und winkt. Und schon tönt es von der anderen Seite «Wladmiiiir!» gefolgt von erneutem kaminerschen Strahlen und Winken.

Doch bevor noch das nächste «Hallo» erklingen kann, entscheidet sich die Journalistin für den verbalen Vorstoss: «Herr Kaminer, wie wichtig sind Bücher für das heutige Leben?» Das eben noch herumschweifende Augenpaar zoomt auf das Gegenüber, und der Autor erklärt mit russischer Bassstimme, die kraft ihrer Tonlage jegliche Widerrede vom Tisch wischt: «Wichtig sind vor allem die Geschichten. Wir Menschen leben nicht vom Brot allein, wir leben von Geschichten. Und die am meisten benutzten Informationsträger zurzeit sind Bücher.»

Punkt. Satz. Sieg. Und ein Plädoyer fürs Papier. Will der einstige Pionier der Sowjetischen Jugend, später Pionier der Berliner Partyszene allen Ernstes die papiernen Segel hissen, statt als Pionier der elektronischen Literatur auf dem digitalen Strom zu surfen? Es scheint so.

«Am Anfang war ich von E-Books begeistert», stellt Kaminer fest. Und wie so oft bei ihm gesellt sich zu den Fakten eine Geschichte: «Ich habe sofort eines gekauft, auch eines für meine Frau und eines für meine Mutter – und zwar eine chinesische Variante, die in der Ukraine produziert wird und die sofort alle Formate knackt – von Word-Datei über PDF bis HTML. Aber meine Begeisterung endete schnell. Denn die Bücher, die ich suchte, waren in elektronischer Form meist nicht zu finden.»

So viel E-Book-Pessimismus aus dem Mund eines Autors auf der Höhe seiner Zeit erstaunt. Immerhin sind Kaminers Bücher alle in elektronischer Version zu haben, und Hörbücher hat der Russe sogar noch mehr auf den Markt gebracht als Bücher auf Papier. Nach seiner E-Book-Aversion gefragt, schüttelt Kaminer den Kopf. Ihm geht es um grundsätzliche Fragen: «Es kommt nicht darauf an, wie eine Geschichte transportiert wird. Ob in Stein gemeisselt, als E-Book oder mündlich erzählt. Wichtiger als das Wie ist das Was.»

In seinem Fall ist dieses «Was» ein neuer Erzählband. Und jeder, der Kaminer kennt, weiss: Wo Kaminer draufsteht, ist Kaminer drin: Flotte Geschichten, aus dem Leben gegriffen, mit russischem Aroma gewürzt und mit viel Humor verbraten. Genauso liest sich «Coole Eltern leben länger», das sich um pubertierende Kinder und provokationstechnisch überforderte Eltern dreht. Ein höchst amüsantes Buch, das soeben stapelweise von einer Angestellten des Vertriebs auf den Tisch gewuchtet wird. Signieren heisst die Losung der Stunde. Und Kaminer kritzelt mit repetitiver Ergebenheit seinen Namen in ein paar Dutzend Exemplare.

Doch sobald der letzte Buchdeckel zugeklappt ist, nimmt er den Faden wieder auf: «Wissen Sie, wenn eine Geschichte spannend genug ist, dass die nächsten Generationen sie weitererzählen und mit ihr leben, dann hat sie ein langes Leben. Trägermedien gehen unter. Andere werden erfunden. Geschichten bleiben.»

Signieren, Fragen beantworten, Freunde und Fans begrüssen – der Mann tut nicht nur alles gleichzeitig, er ist auch alles Mögliche gleichzeitig: Deutscher und Russe. Nachdenklich und humorvoll. Hyperaktiv und entspannt. Retrospektiv und zukunftsorientiert. Und vor allem: Autor, Moderator, Präsentator, Laudator . . . die Liste ist beliebig fortsetzbar.

Was ist Kaminer wirklich? «Ich bin ein Geschichtenerzähler», heisst seine einfache Antwort. «Wie ein leerer Koffer sammle ich die Geschichten der Menschen und bringe sie an einen anderen Ort. Angewiesen bin ich nur auf ein Gegenüber.»

Damit entspricht der Russe mit 100 von möglichen 100 Punkten dem Profil eines Self-Publishers. In Eigenregie Bücher zum Leser zu bringen, ohne dazwischengeschalteten Verlag, Lektor oder Buchhandlung –, das ist an der diesjährigen Buchmesse sowieso das Schlagwort der Stunde.

Doch abermals schüttelt Kaminer den Kopf: «Ich bin kein Geschäftsmann», erklärt er rundheraus. «Bücher zu produzieren, hat nur sekundär mit dem Erzählen zu tun. Ausserdem würde ich meinen Verlag arbeitslos machen, nachdem er mich von Anfang an grosszügig unterstützt hat.»

Loyal ist er auch noch, dieser Wladimir Kaminer. Doch noch, bevor man ihm das unter die Nase reiben kann, blitzen seine Augen auf: «Apropos arbeitslos, wissen Sie, was nach der Wende mit dem Stalin-Museum in Georgien passierte?» Und schon zieht er einen auf seine ganz eigene Art in die nächste Geschichte. Andere kalauern, Kaminer kaminert. Und das ist gut so.

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